Krypto-Universe: Auch ein Playground für Banken

Ein Artikel von Richard Price, Head of FSI, UK&I bei Tibco | 17.01.2022 - 09:16
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© Arek Socha @Pixabay

Es gibt eine Vielzahl von Treibern hinter dieser 180-Grad-Wende vom Außenseiterstatus zur Legitimierung. Erstens profitierten Kryptowährungen im Allgemeinen und Bitcoin im Speziellen von der Pandemie. Als die Volkswirtschaften Anfang 2020 in den Lockdown gingen, entbehrten Vorhersagen, die Zeit von Bitcoin als sicherem Hafen für Investitionen sei gekommen, jeglicher Grundlage, da auch der Wert der Kryptowährung neben dem von anderen Anlagen und Märkten einbrach. Sie erholte sich aber wieder – sehr viel schneller als traditionelle Währungen – und hält sich seither recht stabil, wodurch sie ihren Ruf, für Schwankungen besonders anfällig zu sein, weitestgehend ablegen konnte.

Mit dem Erfolg ging ein größeres Bewusstsein für die Vorteile von Kryptowährungen außerhalb der Gruppe der Risikofreudigen und notorischen Early Adopter einher, die bis dahin ihre Hauptunterstützer gewesen waren. Durchschnittsbürger begannen sich einzukaufen, besonders in weniger entwickelten Ländern in Afrika, Asien oder Südamerika, in denen meist kein traditionelles Bankwesen vorhanden ist oder diesem nicht vertraut wird. Zentralbanken von Brasilien bis Südafrika erkennen mittlerweile ihre Tragfähigkeit an.

Regulierungsversuche zwingen Banken zu Standortbestimmungen

Aufsichtsbehörden sind ihrerseits davon abgerückt, Kryptowährungen mit dem größtmöglichen Misstrauen zu begegnen, und versuchen nun, sie irgendwie mit ihrem Rechtssystem in Einklang zu bringen. Ein Beispiel dafür ist die EU-Kommission, die ein digitales Finanzpaket verabschiedet hat und so ihre gesetzgeberische Grundhaltung gegenüber Krypto-Anlagen und digitaler Resilienz verfeinern möchte. Die britische Finanzaufsichtsbehörde (FCA) plant Ähnliches. Für etwas, das eigentlich dafür gedacht war, jenseits behördlicher Einflussbereiche zu liegen, könnten bald strengere Vorschriften kommen. Allerdings könnten diese Regulierungsversuche auch einfach der Vorreiter für eine breitere Akzeptanz sein.

Eines ist sicher: Während die Kluft zwischen Befürwortern und Gegnern von Kryptowährungen immer kleiner wird und ihre Popularität sich auf immer neue Bereiche ausdehnt, sehen sich traditionelle Finanzinstitute mit Fragen konfrontiert, mit denen sie sich auseinandersetzen müssen. Behalten sie die Position bei, dass Kryptowährungen eine Bedrohung für den traditionellen Bankensektor und den Status quo der Kapitalmärkte darstellen? Oder finden sie einen Weg, sie zu nutzen und von ihnen zu profitieren, indem sie ihre eigenen Stärken auf dem Weg dorthin gewinnbringend einsetzen?

Beginnen wir mit der Frage, warum Banken ein Interesse haben könnten, Kryptowährungen zu nutzen. Für diese erwies sich die Pandemie als Blütezeit – für Banken nicht. Auch wenn diese nach COVID einen Boom an Fusionen und Übernahmen (M&A) mit Rekordumsätzen verzeichnen können, ist das mit Blick auf die Zukunft nicht nachhaltig. Die Kapitalquoten sind am Boden und die Bedrohungen für die Solvenz sind höher denn je seit 2008. So mancher ist überzeugt, der Einfluss von COVID wird die negativen Auswirkungen des epochalen Crashs auf lange Sicht tatsächlich noch überwiegen. Die Zinssätze bleiben gedrückt. Das Wachstum ist langsam. Die Zukunft scheint nicht sonderlich rosig und es braucht neue Ideen.

Die großen Investitionen, die Banken bereits für digitale Technologien und Funktionalitäten getätigt haben, geben ihnen das ideale Repertoire an Fähigkeiten, um sich neue Märkte und Produktbereiche zu erschließen, die zuvor als zu riskant und intransparent galten

Richard Price, Head of FSI, UK&I bei Tibco

Chancen überwiegen mittlerweile Risiken

Es ist zum Teil eine Reaktion auf dieses beunruhigende Szenario, dass Banken die digitale Transformation ihrer Prozesse und Strukturen aggressiv vorantreiben. Eine positive Grundeinstellung gegenüber Kryptowährungen könnte diesem Vorhaben sehr nützen. So sollten auch einige Fortschritte in den Bereichen digitale Resilienz, Blockchain und GRID-Computing sowie die Bereitstellung von künstlicher Intelligenz (KI), maschinellem Lernen (ML) und Advanced Analytics dafür genutzt werden, die Customer Journey zu verbessern und die Bedrohung durch Geldwäsche einzudämmen.

Die großen Investitionen, die Banken bereits für digitale Technologien und Funktionalitäten getätigt haben, geben ihnen das ideale Repertoire an Fähigkeiten, um sich neue Märkte und Produktbereiche zu erschließen, die zuvor als zu riskant und intransparent galten. Kryptowährungen sind einer dieser Märkte. Das Kunststück besteht aus der Perspektive traditioneller Banken darin, einen Weg in diesen Markt zu finden und gleichzeitig den Wettbewerbsvorteil beizubehalten, den sie ihren digitalen Herausforderern gegenüber in Bereichen wie Security, Compliance, Risikoanalyse, Breite des Angebots, Erfahrung und Reputation genießen.

Digital Twinning – etwas, mit dem viele Banken schon als einem Weg für die praxisnahe Erprobung von innovativen Ideen experimentiert haben – erscheint als ein großartiges Werkzeug für das Austesten der durch Kryptowährungen gebotenen Möglichkeiten, ohne das eigene Risikoprofil zu verschlechtern. Digitale Zwillinge ihres Geschäfts könnten Geldinstituten das Mittel an die Hand geben, um Zentralbanken und Aufsichtsbehörden zu demonstrieren, wie sie und ihre Klienten in verschiedenen Krypto-Szenarien potenziell Verluste oder Gewinne erzielen würden.

So könnten sie zum Beispiel die Vorzüge der Kryptowährung Tether heranziehen, um aufzuzeigen, wie sich Volatilitäten beherrschen lassen. Banken könnten eine Reihe von Krypto-Produkten schaffen und ausprobieren und sie anschließend als sogenannte “institutionelle DeFi (Decentralized Finance)” präsentieren – also als Blockchain-basierte Finanzprodukte, die den strikten Regulierungen unterliegenden Finanzinstituten sozusagen auf den Leib geschneidert sind.

Digitale Zwillinge helfen gegen Risiken und Volatilitäten

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Autor.: Richard Price, Head of FSI, UK&I bei Tibco.

Digital Twinning lässt Banken ihr Marktrisiko eingrenzen, während sie zur selben Zeit demonstrieren können, wie ihre traditionellen Stärken in einer neuen digitalen Welt von Wert sein könnten. Sie haben bewiesen, dass sie ihre Kunden kennen und über Expertise und Erfahrung im Umgang mit Anti-Geldwäsche-Maßnahmen und Betrug verfügen. Tatsächlich könnten traditionelle Banken mit Fug und Recht von sich behaupten, dass niemand sonst in einer besseren Position ist, sichere und effektive Lösungen für Kryptowährungen zu entwickeln und bereitzustellen, als sie.

Nie hat es für Banken einen besseren Zeitpunkt gegeben, die Chancen von Kryptowährungen auszuloten – idealerweise zusammen mit einer weiteren Partei, die Erfahrung in den Bereichen Analytik, Digital Twinning, Blockchain und automatisiertem Handel sowie eine Erfolgsbilanz in Sachen Innovationen für Finanzdienstleister mitbringt. Es ist besser, den Schritt vor der Konkurrenz – und das heißt jetzt – zu wagen, anstatt zu warten, bis sie sich im Fahrwasser des Krypto-Erfolgs anderer abgehängt wiederfinden.