Serie Metaverse

Die Entmystifizierung des Metaverse

Ein Artikel von Max Orgeldinger, Mitgründer TLGG Consulting | 30.06.2022 - 14:30
mythen.jpg

Portrait young shocked business woman sitting in front of laptop computer looking at screen isolated grey wall background. Funny face expression emotion feelings problem perception reaction © pathdoc - Fotolia

Ein Magazin, zwei Artikel, zwei gegensätzliche Perspektiven – und beide sind valide. Das fasst die aktuelle Metaverse-Diskussion treffend zusammen. Das Thema ist so jung und komplex, dass, wer sich damit beschäftigt, schnell das sehen wird, was er oder sie sehen will. Die schnelle Analyse reflektiert immer auch die eigene Voreingenommenheit. Dies gilt umso mehr, als dass es das allgemeingültig definierte Metaverse nicht gibt. Der Begriff subsumiert Trends und Technologien, die das Potenzial haben, ein „echtes Metaverse“ hervorzubringen – also eine der realen Welt ebenbürtige, weite, frei zu erkundende und zu gestaltende virtuelle Welt. 

Virtuelle Welten gewinnen an Bedeutung und an Marktwert

Existierende Proto-Metaversen unserer Zeit sind Games und Spieleplattformen wie Roblox, Minecraft, Fortnite oder Decentraland. Sie verbinden je nach Ansatz Technologien wie VR, Dezentralisierung oder E-Gaming und kombinieren sie zu weit mehr als nur Zeitvertreib. Vor allem Fortnite und Roblox sind längst Kulturphänomene mit großen Communities, in denen sich auch Marken und Unternehmen positionieren. Nicht allen gelingt diese Positionierung.

So ist die Fortnite-Präsenz von Adidas eher virtueller Showroom mit faden Spielelementen, während Nike auf Roblox eine Welt erschafft, die das Unternehmen aktiv bespielt – mit Events, virtuellen Sammlerstücken und Verbindungen zu den Geschehnissen der physischen Welt. Auch Gucci ist auf Roblox mit exklusiven digitalen Gütern präsent. Die digitalen Handtaschen des Unternehmens erzielen im Handel der Nutzern untereinander mitunter höhere Preise als ihr reales Pendant.

NFTs als digitales Eigentums- und Echtheitszertifikat

Der Handel mit digitalen Gegenständen in virtuellen Welten ist kein neues Konzept. Schon lange zahlen die Nutzer von Spielen wie Diablo, World of Warcraft oder Eve Online auf entsprechenden Online-Marktplätzen hohe Preise für seltene Waffen und Items. Außerhalb dieser virtuellen Welten jedoch galt ein digitales Gut bislang als freies Gut – man konnte es nicht im klassischen Sinne besitzen.

Blockchain-Technologie und NFTs ändern dies und schaffen einen aktuell zwar volatilen, aber doch finanzstarken digitalen Kunstmarkt, der den Vergleich mit dem realen Kunsthandel nicht scheuen muss. NFTs sind ein eindeutiger, digitaler, handelbarer Eigentumsschein. Vergleichbares hat in der Welt physischer Kunstwerke schon immer eine Rolle gespielt, um Besitz zu dokumentieren und Echtheit zu zertifizieren. Blockchain und NFTs bringen dieses Konzept in die digitale Welt und übertragen die Eigenschaften physischer Sammlerstücke auf digitale Objekte.

Rasante Wert- und Bedeutungsentwicklung mit langfristigem Potenzial

21_022_TLGG_MaxThrelfallPhoto_portraits_157.jpg

Autor: Max Orgeldinger ist einer der Gründungsköpfe von TLGG Consulting. Heute verantwortet er als Mitglied der Geschäftsleitung von TLGG die operative und kommerzielle Leitung sowie den übergreifend agierenden Bereich Data. Nach einem Studium an der European Business School kam der 1989 geborene Wahlberliner 2011 zu TLGG. Dort analysiert er seitdem für Kunden wie E.ON, Lufthansa oder Mercedes veränderte Marktbedingungen und erarbeitet strategische und organisatorische Lösungen. 

Über den ästhetischen Wert des wohl erfolgreichsten NFT-Phänomens „Bored Ape Yacht Club“ darf man geteilter Meinung sein. Doch angesichts einer Bewertung von Yuga Labs – der erst 12 Monate jungen Firma hinter Bored Apes – von vier Milliarden Dollar, starker kultureller Präsenz und der angekündigten Entwicklung eines eigenen Metaverse-Konzepts ist davon auszugehen, dass BAYC absehbar eine große Rolle in der digitalen Landschaft spielen wird.

Der Erfolg resultiert dabei aus einer Kombination von Technologien und Trends: BAYC ist Sammlergut, Luxusmarke, Investition, Community und Unterhaltung. Damit steht diese NFT-Community exemplarisch für einen zentralen Konsolidierungstrend der Entwicklung hin zu einem Metaverse, das Unterhaltung, Marketing, soziales Miteinander und Investment vereint.

Kritik bleibt angemessen, Verständnis wird wichtiger

Die Mystik des Metaverse ist profan: Es entzieht sich einer allgemeingültigen Definition, weil es weiterhin unterschiedliche Ausprägungen geben wird, die die beschriebenen Trends und Entwicklungen je nach Zweck und Anbieterinteressen individuell kombinieren. Ebenso wird es weiterhin Kritik an den zugrundeliegenden Technologien geben: Vor allem NFTs haben ein Betrugs- und ein Emissionsproblem.

Es zeichnet sich jedoch ab, dass dies Kinderkrankheiten sind, die durch den Hype zwar enorm verschärft wurden, aber mittelfristig durch bereits existierende Projekte gelöst werden können. Der kritische Blick auf diese Themen bleibt angemessen, doch ein tieferes Verständnis der Grundlagen und Entwicklungen wird die Zukunftsfähigkeit von Marken, Unternehmen und Nutzern ausmachen.