Interview

„Blockchain-Projekte: Banken brauchen Backend-Architekten“

Ein Artikel von Dunja Koelwel | 26.01.2022 - 09:48
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Alex Bechtel ist Head of Digital Assets & Currencies Strategy bei der Deutschen Bank.

Beschreib doch kurz Dein Tätigkeitsfeld bei der DB.

Alexander Bechtel: Die Deutsche Bank hat folgende Geschäftsbereiche: eine Unternehmensbank, eine Investmentbank, eine Privatkundenbank und das Asset Management. Ich bin in der Unternehmensbank im Bereich Strategie. Dort treiben wir die Themen digitale Assets, Blockchain und digitale Währungen voran. Für einzelne Projekte ziehen wir Kolleginnen und Kollegen hinzu. Wir, beziehungsweise die Deutsche Bank, rekrutieren aktuell außerdem Leute mit ganz spezifischen Fähigkeiten, die uns bei diesen Themen weiterhelfen können.

Seit wann kümmert sich die DB dezidiert um digitale Assets und digitale Währungen? Anfang 2020 gab es ja ein eher noch ablehnendes Statement.

Alexander Bechtel: Große Banken, auch die Deutsche Bank, sind verständlicherweise vorsichtig, wenn es um Kryptowährungen geht. Es gibt viele, noch ungeklärte Fragen, etwa mit Blick auf Compliance oder Geldwäsche. Aber wenn es um die Anwendungsfälle der Blockchain im Allgemeinen geht, ist die Deutsche Bank – wie auch andere Banken – sehr interessiert und versucht Anwendungsfälle herauszuarbeiten.

Mittlerweile haben drei FinTechs die begehrte Kryptoverwahrlizenz für Deutschland erhalten. Von den klassischen deutschen Geschäftsbanken hört man wenig. Verschläft Deutschlands Finanzsektor die Bitcoin-Revolution?

Alexander Bechtel: Nicht ganz. Zwar hat Coinbase, die globale Krypto-Plattform, im Juni vergangenen Jahres als erste Krypto-Plattform von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) die Lizenz für das Kryptoverwahrgeschäft und den Eigenhandel erhalten. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass 2022 weitere Kryptoverwahrlizenzen dazu kommen werden – auch aus den Reihen der klassischen Banken. Neben Coinbase haben mit Kapilendo und Tangany auch bereits zwei zusätzliche Anbieter eine Lizenz erhalten.

Ist der deutsche Markt wichtig im Krypto-Umfeld und wenn ja, warum?

Alexander Bechtel: Aktuell spielt die Musik tatsächlich überwiegend in den USA. In Deutschland gibt es allerdings auch bereits spannende Projekte und Unternehmen, wie etwa die Bison App der Börse Stuttgart oder die Krypto-Bank Nuri. Deutschland hat aus zwei Gründen großes Potenzial: Die Krypto-Regulierung ist bereits weit fortgeschritten. Das verschafft uns einen Standortvorteil. Außerdem ist Deutschland ein wichtiger Wirtschaftsstandort, hier wird es spannend, wenn die Banken zusammen mit dem Mittelstand einsteigen. Soweit sind wir heute noch nicht, erste spannende Projekte deuten sich aber bereits an. 

Banken brauchen Backend-Architekten

Im Moment crasht der Krypto Markt deutlich ein. Was sind Deine Prognosen? Warum kommt derzeit diese Talfahrt?

Alexander Bechtel: Ich befasse mich seit etwa zehn Jahren mit dem Thema und bin da tiefenentspannt. 30 bis 50 Prozent Kursschwankungen gehören hier einfach dazu und wenn man die längere Perspektive sieht, dann entwickelt sich der Markt kontinuierlich nach oben. Am 31.12.2009 lag beispielsweise der Kurs für einen Bitcoin bei 0,08 US-Dollar, 2015 bei 431,72, 2020 bei 28.720….

Seite Juni 2019 publizierst Du den Podcast "Bitcoin, Fiat & Rock'n'Roll". Was treibt Dich bei den Themen an? Reagierst Du auch auf aktuelle Fragen?

Alexander Bechtel: Am Anfang habe ich eigentlich vor allem über Punkte gesprochen, bei denen ich dachte, dass man hier Wissen aufbauen sollte, etwa wenn es um den Unterschied von Bitcoin und konventionellen Geldformen geht, oder darum, was eigentlich genau „die Blockchain“ ist. Mittlerweile haben wir einen Regieplan mit spannenden Gästen. Es gibt drei Formate: einen News-Podcast zu aktuellen Themen, Interviews und den Crypto-Friday, in dem wir meist kurz und knapp eine interessante Frage oder Neuigkeit beleuchten. Auch für mich ist der Podcast ein Tool zur Weiterbildung, weil ich mich im Vorfeld immer sehr intensiv mit diversen Themen beschäftigen muss. 

Bei Kryptos driftet das Wissen einiger weniger und der Masse der Bevölkerung enorm auseinander. Kann das nicht irgendwann zu enormen Schwierigkeiten führen?

Alexander Bechtel: Lass mich das mal umdrehen: Das Wissen über das Internet driftet auch auseinander. Das ist aber kein Problem, denn man muss nicht wissen wie es funktioniert, um es zu nutzen. Das Gleiche gilt für Kryptos. Am Ende zählt doch vor allem das, was ich mit dieser Technologie machen kann. Welche Probleme löse ich damit? Wenn ich innerhalb von Sekunden Geld um die Welt schicken kann, dann ist das für viele Menschen eine tolle Sache. Ob die Zahlung nun über eine Blockchain läuft oder nicht, ist den allermeisten vermutlich völlig egal. 

Wenn Banken und insbesondere deren IT sich mit dem Thema Krypto und Blockchain befassen wollen – wo sollten sie sich mehr informieren? Wer wird benötigt?

Alexander Bechtel: Wenn man über das Thema Krypto und Blockchain reden möchte, bedeutet das auch eine neue Infrastruktur, die wir als Banken so nicht kennen. Es geht nicht darum, einfach eine App zu bauen, sondern Banken benötigen eine komplett neue Infrastruktur, die mit der bestehenden verknüpft werden muss. Das bedeutet, dass Banken zwei Infrastrukturen bauen und pflegen müssen. Denn das normale Bankkonto wird nicht verschwinden, nur weil wir Blockchain haben.

Wer das leisten kann? Man braucht sicherlich Blockchain Entwickler, aber v.a. werden IT-Architekten benötigt, die sich an der Schnittstelle zwischen Krypto und Banken-Infrastruktur  auskennen. Diese Experten sind rar gesät.