Smart Contracts: Wie Banken den Anschluss schaffen

Ein Artikel von Dr. Benjamin Botermann, Senior Berater und Dagmar Schoppe, Bereichsleiterin Banken Compliance SRC | 18.11.2021 - 08:00

Vorgänge wie Versicherungs- oder Entschädigungszahlungen, Hypotheken, selbst Kontoeröffnungen sind wegen der nötigen Legitimierungen und Überprüfungen meist zeitaufwändig, oft enervierend. Das müssten sie nicht – wenn sie als Smart Contracts hinterlegt wären. Das sind programmierte, selbsterfüllende Verträge, die auf der Distributed-Ledger-Technologie basieren, zu deren bekanntester Umsetzung wie Blockchain-Technologien wie beispielsweise Ethereum gehört. Dabei werden die Transaktionen dezentral bei allen Teilnehmern gespeichert und kryptographisch abgesichert, Manipulationen sind somit ausgeschlossen. Da Vertragsvereinbarungen auf einer Wenn-Dann-Logik beruhen, sind sie auch programmierbar. Sowohl der Abgleich der Bedingungen als auch die Aktionen, wie etwa Zahlungen, erfolgen automatisch, ohne dass es dazu einer Prüfung durch eine zentrale Clearingstelle bedarf.

Smart Contracts: Chance und Gefahr für die Banken

Was bedeutet das für Finanzdienstleister wie Banken, deren Geschäftsmodell zu großen Teilen auf eben dieser Clearingfunktion beruht? Eine 2016 veröffentlichte Studie von Capgemini zeigt die Chancen der Technologie auf: Hohe Einsparpotentiale, von denen sowohl Finanzdienstleister als auch die Kunden profitieren können, schnelle Abwicklungen und Risikominderung. Die Autoren der Studie rechneten mit dem Beginn des Einsatzes im Massenmarkt ab 2020, sofern Regulatorik, Sicherheit der Blockchain-Technologie und Datenschutz gegeben sind. Gleichzeitig steht im Raum, dass die mit DLT-Anwendungen einhergehende Dezentralisierung durch den Wegfall der Vermittlerrolle auch die Geschäftsmodelle der Banken im Kern bedroht.

Knapp vier Jahre später ist nach ersten Pilotprojekten bei den deutschen Banken in Sachen Smart Contracts wenig Bewegung wahrzunehmen. Es herrscht eher eine angespannte Ruhe, während sich parallel das Universum des DeFi immer schneller entwickelt, allen voran auf Ethereum basierende DeFi Apps. Die Apps nutzen Smart Contracts, um klassische Finanztransaktionen wie Darlehen, Anleihen oder Verzinsung auf Kryptowährungen zu übertragen.

Dabei ist den Banken auch hierzulande bewusst, wie grundlegend DLT und Smart Contracts die Prozesse in praktisch allen Branchen verändern werden. So geht z. B. der Bankenverband in seinem Positionspapier „Aufbruch wagen!“ zur Bundestagswahl 2021 explizit auf dieses Thema ein und unterstreicht die Bedeutung des digitalen Euros für die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und Europas. Die Anforderungen sowohl für die Einführung der programmierbaren Währung als auch in Bezug auf regulatorische Verbesserungen sind ausgeführt. Und sicher zu Recht drängt der Verband dabei auch die Gleichbehandlung von Banken und Technologieunternehmen nach dem Prinzip „Same services, same risks, same rules“.

Handeln – auch unter Unsicherheit

Es ist richtig, dass die Regulatorik für DLT und Kryptowährungen noch nicht endgültig feststeht, die zentrale Verordnung der EU zu „Markets in Crypto-Assets“ (MiCA) etwa ist noch im Abstimmungsprozess. Auch ist noch nicht klar, wie und nach welcher Technologie der digitale Euro programmiert werden soll.  Doch bis zur letzten Klarheit abzuwarten wäre der falsche Weg. Denn die Einhaltung der Vorschriften genügt nicht, um Erfolg zu haben, es geht auch um das Können, um technische Voraussetzungen und das Know-How. Der Aufbau neuer Kompetenzen braucht Zeit. Mehr noch als rechtliche Unsicherheiten, fehlende Standardisierung oder Unausgereiftheit der Blockchain-Technologie beschäftigt die Bankenbranche der Mangel an eigenen Ressourcen: In einer aktuellen Bitkom-Umfrage zur Blockchain-Technologie nannten 85 Prozent der Befragten fehlendes qualifiziertes Personal und 91 Prozent fehlendes Know-How als Herausforderung beim Blockchain-Einsatz.

Auf den Kernkompetenzen aufbauen

Während „Aufbruch wagen“ genau das richtige Motto ist, wirken viele Banken wie gelähmt. Dabei ist es an der Zeit, die eigenen Kompetenzen zu überprüfen und strategisch zu nutzen. Dazu gehört ein langjähriger, großer Erfahrungsvorsprung im Geschäft mit den Bankkunden ebenso wie in der Erfüllung regulatorischer Vorgaben. Compliance-Prozesse sind im Finanzwesen fest verankert. Für FinTechs dagegen sind gerade diese regulatorischen Anforderungen neu. Das größte Plus aber begründet sich in der Vertrauensstellung: Ob in digitalen oder realen Euros gehandelt wird – die eigentliche Währung einer Bank ist das Vertrauen, das ihnen institutionelle Anleger wie Privatnutzer entgegenbringen.

Diese Vertrauensstellung kann in die Welt der digitalen Währung auch zum Türöffner werden. Denn auch in einem dezentral organisierten Umfeld ist ein Dienst unabdingbar, der höchste Sicherheit und Vertrauen voraussetzt: Die private Schlüsselverwahrung. Anwender brauchen diese privaten kryptographischen Schlüssel für den Zugriff auf ihre Kryptowerte und Transaktionen. Wer, wenn nicht die Bank des Vertrauens, wäre besser geeignet für diese Dienstleistung? Zumal viele Institutionen kryptographische Schlüssel bereits für andere Anwendungen nutzen und daher auch schon über die nötige technische Ausrüstung verfügen. Anfang 2020 wurde das Kryptoverwahrgeschäft als neue Finanzdienstleistung in das Kreditwesengesetz übernommen. Banken können sich über ein Zulassungsverfahren der BaFin dafür qualifizieren.

Kooperationen und Kompetenzerweiterung

Darauf aufbauend, können der Ausbau der spezifischen Kompetenzen und die Entwicklung tragfähiger Use Cases für Smart Contracts in Angriff genommen werden. Attraktiv für Kunden ist sicher der Erwerb digitaler Aktien – vollständig digitalisiert und über Smart Contracts gesteuert – oder auch die Anlage neuer Firmenkonten im Ausland.

Das muss nicht im Alleingang geschehen; es gibt mehrere Gründe, die für Öffnung, Kooperationen und Partnerschaften sprechen:

  • Selbst im eigenen Haus gilt es in vielen Fällen zunächst, die siloartige Trennung zwischen Juristen und IT-Abteilungen zu überwinden.
  • Wenn eine große Mehrheit in der Branche einen Mangel an Fachkräften und Know-How konstatiert, ist auch ein Zusammenschluss zu gemeinsamen Plattformen denkbar, etwa wie DLT Projekt Spunta des italienischen Bankenverbandes. 
  • Partnerschaften mit Anbietern von Crypto-as-a-Service oder M&A bieten weitere Möglichkeiten. Ein Beispiel dafür ist die Übernahme von Kapilendo Custodian, der als zweites Unternehmen in Deutschland die Erlaubnis für das Kryptoverwahrgeschäft erteilt wurde, durch die Hauck & Aufhäuser Privatbankiers im September 2021. Durch solche Partnerschaften oder Aufkäufe bedeutet nicht nur einen unmittelbaren Kompetenzzuwachs, sondern steigert auch die Attraktivität eines Unternehmens für die begehrten IT-Fachkräfte.
  • Die Entwicklung von Lösungen zur Zahlungsabwicklung im Rahmen von Smart Contracts für andere Branchen erfordert eine enge Zusammenarbeit mit den jeweiligen Akteuren. Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielfältig, von Entschädigungszahlungen im Bahn- und Flugverkehr über Leasingverträge, bis zu Logistiklösungen und Immobilienverwaltung.
  • Spezialisierte Dienstleister können sowohl bei den regulatorischen Vorgaben als auch bei der Einschätzung des Status Quo, der Entwicklung von Use Cases und neuen Lösungen unterstützen, ohne dass in den Instituten erst eigene Ressourcen aufgebaut werden müssen.

Nicht jedes Projekt wird sofort zum Erfolg führen. Aber selbst, wenn sich eine bestimmte Anwendung nicht als tragfähig herausstellt, eröffnen sich im Verlauf des Projekts andere Perspektiven. In jedem Fall erwerben Banken, die den Aufbruch in die Welt des Kryptoverwahrgeschäfts wagen, neue Kompetenzen in den neuen Technologien der DLT und Smart Contracts, die für ihre weitere Entwicklung und dem Digitalisierungsfortschritt von hohem Wert sind.