Kommentar: Stakeholder-Kapitalismus statt Shareholder-Value

Ein Artikel von Shawn Rogers, Senior Director Analytic Strategy, Tibco Software | 25.01.2021 - 15:50

Es ist in der damaligen Berichterstattung vielleicht etwas untergegangen. Das 50. Gipfeltreffen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik stand unter dem Motto „Stakeholder für eine zusammenhaltende und nachhaltige Welt.“ Der deutsche Veranstalter Klaus Schwab griff für die Jubiläumsveranstaltung eine Überzeugung auf, mit der 1971 alles begonnen hatte: Unternehmen müssen für alle Stakeholder da sein. Unternehmen, die – wie auch in Deutschland in den zurückliegenden Jahrzehnten immer üblicher – nur den Wert ihrer Aktie und die Ausschüttungen an die Eigentümer im Blick haben, werden langsam, aber sicher vom Markt verschwinden. Die Unternehmenslenker haben erkannt, dass der Shareholder- durch den Stakeholder-Kapitalismus abgelöst wird.

Unternehmen, die sich nicht ändern, werden schleichend vom Markt verschwinden. Gleichzeitig erleben wir den Aufstieg von Firmen, die nicht nur einzelne, sondern alle Interessengruppen in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen stellen. Eine neue Form des Stakeholder-Kapitalismus ist im Entstehen begriffen. Der „innere Kompass“ unternehmerischen Handelns bewegt sich vom Schein, Gutes zu tun, hin zum Sein.

Ausgangspunkt: Rheinischer Kapitalismus

Shawn Rogers Tibco.jpg

Autor: Shawn Rogers, Senior Director Analytic Strategy, Tibco Software.

Im Grunde ist der Stakeholder-Kapitalismus nichts Neues. Vor allem nicht in Deutschland. Nur hieß er hierzulande anders. Der Rheinische Kapitalismus hatte nie nur die Interessen der Anteilseigener im Blick, sondern auch die der Mitarbeiter, der Lieferanten und der Menschen in den Gemeinden, in denen die Firmen angesiedelt waren. Dieses Modell ist zwar unter dem Druck des Shareholder-Value in den vergangenen Jahrzehnten in den Hintergrund getreten. Es ist jedoch nie ganz verschwunden. Schließlich sucht die gesetzlich verankerte Mitarbeitermitbestimmung in Deutschland anderswo durchaus ihresgleichen.

Ein Großteil der Probleme, welche die Gesellschaften heute bewegen, wirkt sich zwar lokal aus, ist jedoch internationaler Natur. Den Konsumenten in den reichen Ländern ist es nicht mehr gleichgültig, unter welchen Bedingungen die Arbeiter ihre Kleidung produzieren mussten. Und die Menschen protestieren, wenn ihre Landsleute in den Firmenzentralen am anderen Ende der Welt Produkte verkaufen, die den globalen Klimawandel beschleunigen. 

Alles hängt mit allem zusammen: Umwelt, Arbeitsbedingungen, demographischer Wandel

Es gibt Menschen, die argumentieren, dass sich das Modell bislang schwergetan habe, weil sich viele Unternehmen nach wie vor unbeirrt auf eine Sache konzentrieren: das „nackte Endergebnis“. So sagte beispielsweise der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Milton Friedman, die einzige Aufgabe von Unternehmen sei es, ihre Profite zu maximieren - dann sei auch der Gesellschaft insgesamt geholfen. Der zukünftige Erfolg des Stakeholder-Kapitalismus steht jedoch in direktem Zusammenhang mit dem jetzigen Wandel – mit den Menschen und ihrer Forderung, sich auf das zu konzentrieren, was in der heutigen Welt wichtig ist. Um diese Ziele zu erreichen, reicht es eben nicht, nur das (erfolgreiche) Endergebnis im Auge zu behalten.

Der soziale Einfluss, den die Gesellschaften gerade ausüben, ist möglicherweise der wichtigste Faktor, der diese Wende beeinflusst. Das zeigt sich darin, dass sich Menschen bewusst dafür entscheiden, in größerem Maßstab zu denken, ihre Arbeitsweise zu ändern, ihr Wissen und ihre Erfahrungen zum Nutzen aller einzusetzen. Man könnte argumentieren, dass die Umwelt jetzt selbst als Stakeholder, als Interessenvertreter in Erscheinung tritt und dass wir Menschen gemeinsam Wege finden müssen, wie wir die Umwelt schützen und unseren Einfluss darauf verringern können.

Damit ein reiner Stakeholder-Kapitalismus Fuß fassen kann, ist eine Erkenntnis notwendig: jede Aktion zieht eine gleiche oder entgegengesetzte Reaktion an. Wenn Unternehmen achtsam agieren, dann investieren sie in die Lebensqualität ihrer Mitarbeiter. Dann wissen sie, dass sie – um das Gleichgewicht der Menschen wiederherzustellen, die beispielsweise in dicht besiedelten und verkehrsbelasteten Gebieten wohnen – den einzelnen Mitarbeitern die (organisatorischen und technischen) Möglichkeiten an die Hand geben müssen, ihre Arbeit von jedem Ort aus zu erledigen, auch von zuhause. Was in letzter Konsequenz bedeuten könnte, dass sie nach einem neuen Standort für die Büroräume suchen müssen – im selben Atemzug aber auch ihre Verhandlungsposition als künftiger Wunscharbeitgeber verbessern. 

Notwendiger Bestandteil: Aufrichtigkeit

Ein Gebiet, auf dem sich bisher einfache und schnelle Erfolge erzielen ließen, war Philanthropie. Aber heutzutage müssen philanthropische Bestrebungen ebenso strategisch angelegt wie aufrichtig gemeint sein. Es reicht nicht (mehr), Geld in eine Wohltätigkeitsorganisation zu stecken und dann auf die Bestätigung in Form der Steuerbescheinigung zu warten.

Aus gutem Grund haben daher Unternehmen Programme eingerichtet, um in Universitäten zu investieren und junge Menschen auszubilden, damit sie bessere, gerechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Der Folgeeffekt solcher Investitionen (bei uns heißt das entsprechende Programm #Tibco4Good) ist auch für die Gemeinschaft sichtbar: Talente vor Ort werden besser ausgebildet, ihre Arbeitgeber werden leistungsfähiger, die lokale Wirtschaft wächst. Mehr Leistung wiederum bedeutet mehr verfügbares Einkommen, mit dem man Gutes tun kann. Mit anderen Worten: Es geht um ein anderes, ein umfassenderes Verständnis von Erfolg. Dieses Verständnis berücksichtigt auch den Käufer und seinen Wunsch, mit dem Geld etwas Gutes zu bewirken. 

Damit ein reiner Stakeholder-Kapitalismus Fuß fassen kann, ist eine Erkenntnis notwendig: jede Aktion zieht eine gleiche oder entgegengesetzte Reaktion an.

Shawn Rogers, Senior Director Analytic Strategy, Tibco Software.

Im Zentrum der Neuausrichtung: Daten

Im Zentrum dieser Neuausrichtung stehen Daten. Wir bei TIBCO nutzen unser Wissen, um unsere Erfahrung im Umgang mit Daten und unser Verständnis von Stakeholder-Kapitalismus zu vereinen. So engagieren wir uns beispielsweise bei „Missing Maps“: Die von Ärzte ohne Grenzen, dem Amerikanischen und dem Britischen Roten Kreuz sowie OpenStreetMap gegründete Initiative hilft, Datenlücken zu schließen, damit die auf Karten fehlenden Orte identifiziert werden können. Um die Online-Kartierung gefährdeter Regionen wie Indonesien und dem Kongo zu unterstützen, sind TIBCO und Microsoft Ende 2019 eine Kooperation eingegangen.

Es gibt viele Möglichkeiten, was Ihr Unternehmen tun kann: Sie können intern bei Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beginnen, beispielsweise in Form von Diversity-Programmen oder durch die Unterstützung von Minderheiten. Dabei ist das, was Sie intern tun, genauso wichtig wie das, was Sie für alle sichtbar nach außen angehen. Auch wenn Sie Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter künftig viel mehr von zuhause aus arbeiten lassen, hat das direkte Auswirkungen auf Ihre künftigen Personaleinstellungen.

Die Zeiten sind vorbei, in denen sich Unternehmen sozial engagierten, um das eigene Gewissen zu beruhigen und von der Außenwelt dafür mit Lob und Anerkennung belohnt wurden. Viel wichtiger sind nachhaltige Handlungen mit weitreichenderen Auswirkungen. Das ist es, was man unter unternehmerischer Ausgewogenheit versteht. Und es ist diese Ausgewogenheit, die dem Konzept des Stakeholder-Kapitalismus zum Erfolg verhelfen wird.