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Viele Banken und Unternehmen stehen dem Gedanken, Daten über Unternehmensgrenzen hinweg zu teilen, kritisch gegenüber. Es fehlt noch an Vertrauen, Umsetzungen und Geschäftsmodellen, um den Nutzen hervorzuheben. © David Bruyland@Pixabay

Gaia-X als Fortschrittsbeschleuniger in der Finanzwirtschaft

Ein Artikel von Jan Schreiter, Manager Data Driven Banking und Kai Broek, Senior Manager Data Strategy & Factory bei Capgemini Invent | 28.10.2021 - 08:00

Bis vor wenigen Jahren waren selbst die innerhalb eines Unternehmens verfügbaren Datenpotentiale weitgehend ungenutzt. Mit dem Einsatz von Data Analytics wurde es möglich, Daten auf eine nie dagewesene Art und Weise sichtbar und nutzbar zu machen.

Visualisierung, Analyse und Clustering befähigte die Unternehmen, Informationen aus den Daten zu gewinnen und datenbasierte Entscheidungen zu treffen. Dies darf aber nicht an den Unternehmensgrenzen enden. Die Fähigkeit zur gemeinsamen Nutzung von Daten über Unternehmensgrenzen und Technologie-Stacks hinweg, ist der Schlüssel, um in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben und Werte durch Daten zu generieren. Mit zunehmender digitaler Innovation und den Potentialen gemeinsamer Datennutzung, ist dies für die Finanzwirtschaft von essentieller Bedeutung.

Schaffung einer gemeinsamen Infrastruktur

Für die unternehmensübergreifende Nutzung von Daten braucht es entsprechende Infrastrukturen und Vertrauen der Marktteilnehmer. Gaia-X ist der Wegbereiter, Daten ökonomischer zu nutzen, als es zuvor technisch realisierbar war und dabei dem Schutz der Daten höchste Priorität einzuräumen. Gaia-X schafft eine neue digitale Infrastruktur, wodurch sich Daten über Unternehmensgrenzen hinweg teilen lassen, aber die Datenhoheit aufgrund eines definierten selbstbestimmten Regelwerks gesichert ist. Dies ermöglicht, auf einfache Art und Weise zu bestimmen, welche Daten unter welchen Voraussetzungen mit anderen Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette geteilt werden.

Data Sharing als Kern für neue Anwendungsfelder

Data Sharing findet in sogenannten Datenräumen statt. Ein Datenraum ist ein sicherer, privater oder öffentlicher virtueller Raum, in dem Daten zwischen verschiedenen Parteien ausgetauscht werden können, wobei die Datensouveränität gewahrt bleibt. So können beispielsweise Unternehmen derselben Wertschöpfungskette in diesen Datenräumen anonymisierte Daten in einem vordefinierten Format austauschen. Der Datenaustausch unterliegt spezifischen Regeln, um beispielweise Compliance und Governance zu gewährleisten. Die Realisierung solcher Datenräume mit spezifischer Regulatorik (wie bspw. die „Open Data Directive“, die die Beschränkung oder Verpflichtung zur Datenteilung regelt), insbesondere in Bezug auf den Datenschutz, ist ein Grundanliegen von Gaia-X, wodurch der Aufbau eines Daten-Ökosystem ermöglicht wird, in dem Daten von den Teilnehmern nach Bedarf bereitgestellt und genutzt werden.

Für den Finanzsektor entstehen durch Gaia-X vielseitige Anwendungsfelder, wie beispielsweise in der Bekämpfung von Geldwäsche oder im Bereich Risikomanagement. Data Sharing innerhalb von Datenräumen hat das Potenzial, jeden Aspekt der Finanzdienstleistungsprozesse zu revolutionieren, indem Prozesse beschleunigt, der Zahlungsverkehr sicherer und der Backend-Betrieb effizienter gestaltet werden. Durch die Verfügbarkeit unterschiedlicher Daten innerhalb eines Datenraums lassen sich vor allem komplexe Analyse-, Bewertungs- und Entscheidungsprozesse durch ergänzende oder neue Daten und Methoden entscheidend verändern.

Damit werden zugleich auch Potenziale für den Wissenstransfer gehoben. Eine hohe Datenverfügbarkeit schafft einen deutlichen Wettbewerbsvorteil. Eine instituts- und sektorenübergreifende Datenbasis hat das Potenzial neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Digitale Souveränität erhöht die Wettbewerbsfähigkeit

In Europa und Deutschland unterliegt die Datennutzung umfangreichen gesetzlichen Rahmenbedingungen. Diese Rahmenbedingungen haben Einfluss auf Datenerzeugung und -speicherung, sowie auf die Nutzung und Analyse von Daten. Für die europäische Finanzbranche bedeutet dies, dass sie innerhalb der EU in Bezug auf diese Rahmenbedingungen in ihren Möglichkeiten eingeschränkt sind und datengetriebene Potentiale nicht vollständig ausschöpfen können. Im internationalen Wettbewerb scheint dies zunächst als Nachteil. Führende Tech-Unternehmen kommen vor allem aus den USA und China – Länder, in denen sich Daten einfacher speichern und auswerten lassen. Die Konzerne verfügen über große Datenmenge, die sie nutzen können und dadurch einen Wettbewerbsvorteil erlangen. Denn die Lösungen werden auch auf dem europäischen Markt angeboten. Der Einzug nichteuropäischer Finanzprodukte und Zahlungstools in den Alltag der Europäer ist bereits durch verschiedene Anbieter vollzogen.

Die europäischen Normen und rechtlichen Bestimmung bei der Speicherung und Verarbeitung von Daten haben beispielsweise zur Folge, dass

  • die Finanzmarktforschung keine vergleichbare Basis hat,
  • potenzielle Anwendungsfelder der Künstlichen Intelligenz (KI) wie beispielsweise die Betrugsprävention erschwert entwickelt und umgesetzt werden können,
  • KI-Lösungen nicht auf Basis großer Datensätze trainiert und verbessert werden können.

Europa versucht diesen Entwicklungen gegenzusteuern. Mit der European Payments Initiative (EPI) haben sich europäische Zahlungsdienstleister und Banken zusammengeschlossen, um die Etablierung einheitlicher europäischer Zahlungsverfahren voranzustreiben und in Konkurrenz zu den führenden US-Konzernen VISA und MasterCard zu treten. Ziel ist es, eine eigene Infrastruktur aufzubauen. In diese Kerbe schlägt auch Gaia-X und schafft einen Beitrag zum Ausgleich der Wettbewerbsfähigkeit durch den Aufbau einer Daten-Infrastrutur. Mit der Etablierung eines Finanzdatenraums, welcher datensouveränen Datenaustausch gewährleistet und industriespezifische Anforderungen wie Regulatorik und Standards sowie unternehmensspezifische Anforderungen berücksichtigt, können vielfältige Vorteile gehoben werden:

  • Schaffen einer Infrastruktur, die es Banken, Finanzdienstleistern und weiteren Marktteilnehmern ermöglicht skalierbare und moderne Analysemethoden in einem hochgradig regulierten Umfeld mit kritischen und sensitiven Daten zu nutzen
  • Möglichkeit der Kombination von Daten Dritter für ganzheitliche Analysen und industrieweite Kollaboration bei gleichzeitiger Wahrung der Datenhoheit, zum Beispiel im Bereich Fraud Detection / Prevention
  • Sicherer Datenzugang als Grundlage zur Entwicklung innovativer Finanzprodukte durch Senkung der Markteintrittsbarrieren
  • Erhaltung der digitalen Souveränität durch geregelten Datenaustausch
  • Schließung von Lücken in der Datenverfügbarkeit und Möglichkeit der Verknüpfung unterschiedlicher Datentypen und -quellen zur Identifikation und Analyse von Zusammenhängen, z.B. zur Optimierung der Wertschöpfung in bestehenden Lieferketten (ohne das Problem der Datenaggregation bei gleichzeitiger De-Anonymisierung)
  • Erleichterung der Datenbeschaffung, -harmonisierung und -aufbereitung durch einheitliche Infrastruktur und zusammenbringen unterschiedlicher Akteure

So groß die Chancen durch den Datenaustausch innerhalb eines Finanzdatenraums sind, so vielfältig sind auch die Hürden, die dem Entgegenstehen. Viele Finanzdienstleister, Banken und Unternehmen stehen dem Gedanken, Daten über Unternehmensgrenzen hinweg zu teilen, noch kritisch gegenüber. Es fehlt an Vertrauen, Umsetzungen und Geschäftsmodellen, um den praktischen Nutzen hervorzuheben. Gaia-X ebnet mit den Datenräumen den Weg und kann als Fortschrittsbeschleuniger für die Finanzwirtschaft gesehen werden.

Der Einstieg in Data Sharing

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Aufbau eines Finanzdatenraums zum sicheren Datenaustausch © GaiaX Grafik

Um erfolgreich ein Data Sharing Konzept umzusetzen sind folgende Schritte wichtig. Zunächst muss ein Anwendungsfall identifiziert werden, der schnell realisierbar ist; ein wirkliches skalierbares Problem adressiert und in der Konsequenz den Mehrwert durch Data Sharing verdeutlicht.

Darauf aufsetzend ist es wichtig eine gemeinsame Vision zu entwickeln, damit Data Sharing langfristig in die Unternehmens- und Datenstrategie implementiert werden kann. Nach einer erfolgreichen Verprobung mit einem initialen Anwendungsfall ist es wichtig Weitere entlang der Datenjourney zu identifizieren und kontinuierlich weitere angebundene Dienste zu nutzen und weiterzuentwickeln.

Durch unsere vielfältigen Arbeiten im Bereich Datenstrategie, Modellentwicklungen, Cloudmigrationen begegnen uns Unternehmen auf sehr unterschiedlichen Ebenen im Data Sharing Kontext. Für uns ist immer die Zielfrage des Mehrwertes für das Unternehmen, wie nachhaltig und skalierbar eine Verbesserung zum Status Quo des Unternehmens erreicht wird.

Die Schwelle zu einem umfangreicheren Datenökosystem mit mehr Möglichkeiten und verbesserter Wettbewerbsfähigkeit in der Finanzwirtschaft kann durch Gaia-X realisiert werden.

Autor: Jan Schreiter

Jan Schreiter ist Manager Data Driven Banking bei Capgemini Invent. Sein Fokus liegt auf den Bereichen Data Driven Banking - Financial Services. Davor war er unter anderem am Institut für Angewandte Informatik.

Autor: Kai Broek

Kai Broek ist Senior Manager Data Strategy & Factory bei Capgemini Invent, dem Innovations- und Transformations-Powerhouse der Capgemini-Gruppe. Sein besonderer Fokus liegt auf dem Thema Data Sharing. Davor war er unter anderem Founder für KI Startups in Südostasien, wie Mylocalgenius mit Fokus auf automatisierte Retail Compliance Checks.