Embedded Finance und die Bedeutung für Banken

Ein Artikel von Rivo Uibo, Mitgründer und Chief Business Officer von Modularbank | 15.07.2021 - 09:26

Mit Embedded Finance integrieren Unternehmen außerhalb des traditionellen Bankenbereichs bereits neue Finanzprodukte und –dienstleistungen in ihr Angebot. Damit wird das Bankgeschäft für Verbraucher nahtloser und einfacher. Aber es stellt auch das derzeitige Monopol der Banken auf die Probe und droht die Kundenbeziehungen zu zerstören, die die Challenger-Banken aufgebaut haben und die sie unbedingt brauchen, um Gewinne zu erzielen. Worin besteht also der Reiz von Embedded Finance und was bedeutet der Trend für Challenger-Banken?

Unternehmen aller Branchen stehen sich nicht nur in einem harten Wettbewerb gegenüber, sondern auch vor knappen Margen. Daher suchen sie nach neuen Wegen, um Kunden zu gewinnen und diese zu binden. Durch die Integration von Finanzdienstleistungen in ihre Produkte können branchenfremde Unternehmen ihren Kunden attraktivere, bequemere und maßgeschneiderte Dienstleistungen anbieten. Darüber hinaus eröffnen sich Möglichkeiten für Up- sowie Cross-Selling und damit potenziell völlig neue Einnahmequellen.

Immobilienmakler, Reisebüros, Baufirmen, Einzelhändler und Energieversorger sind nur einige Beispiele für Unternehmen außerhalb des Finanzsektors, die von dieser Integration von Finanzdienstleistungen – wie flexiblen Zahlungsoptionen oder Krediten – direkt in ihr Dienstleistungsangebot profitieren können.

Ein Beispiel für Embedded Finance: Ein Verbraucher möchte eine Solaranlage auf seinem Haus installieren, hat aber nur ein begrenztes Budget zur Verfügung. Er könnte entweder einen Kredit bei seiner Bank beantragen und möglicherweise wochenlang auf eine Antwort warten – oder er könnte eine flexible Zahlungsoption direkt beim Hersteller oder Energieversorger am Verkaufsort abschließen. Es ist ziemlich offensichtlich, welchen Weg der Verbraucher wählen würde.

Embedded Finance bietet eine Win-Win-Situation. Darüber hinaus ist die Technologie, die benötigt wird, um Finanzdienstleistungen anzubieten, nicht mehr mit großen Vorabinvestitionen oder langen Entwicklungszeiten verbunden. Dank offener APIs und cloud-basierten Diensten können Unternehmen nahtlos auf Plug-and-Play-Module von Technologieanbietern in ihre eigene Infrastruktur integrieren, um so in kurzer Zeit spezifische Dienstleistungen anzubieten, die den Bedürfnissen und Wünschen ihrer Kunden entsprechen. 

Bedrohung oder Chance für Challenger-Banken?

In Anbetracht der einfachen Implementierung für branchenfremde Marktteilnehmer und der Vorteile für Kunden, die sich aus dem direkten "Banking" mit Einzelhändlern und Dienstleistern ergeben, könnte Embedded Finance als echte Bedrohung für die Challenger-Banken betrachtet werden. Sie konzentrieren sich alle auf Wachstum, indem sie möglichst viele Neukunden gewinnen und ein "Freemium"-Preismodell sowie hochverzinsliche Spareinlagen anbieten. Das Ziel: Die Umsätze langfristig zu steigern. 

Aber was ist, wenn Challenger-Banken durch Embedded Finance ihre Vorteile gegenüber etablierten Banken verlieren? Wenn Verbraucher plötzlich ihre Finanzen über branchenfremde Unternehmen abwickeln und Challenger-Banken gleichzeitig im traditionellen Bankgeschäft nicht mit den großen Banken mithalten können? Welche Chancen haben sie dann? 

 Schaut man ins Ursprungsland der Challenger-Banken, nach Großbritannien, so lässt sich beobachten, dass erst vor wenigen Monaten dort die erste Challenger-Bank ankündigte, die Gewinnzone erreicht zu haben. Die 2014 gegründete Starling Bank verzeichnete im November 2020 einen Umsatz von neun Millionen Pfund und einen Gewinn von 800.000 Pfund.

Im Gegensatz zu anderen Mitstreitern auf dem Markt erkannte sie jedoch von Anfang an, dass sie sich nicht auf Konto- oder Transaktionsgebühren verlassen konnte, um Gewinne zu erzielen; stattdessen konzentrierte sich die Starling Bank auf die Anpassung ihres Portfolios, um schnell die Produkte einzuführen, die ihre Kunden am meisten benötigen. Während der Pandemie, als die etablierten Banken ihre Kreditlinien schlossen, bemühte sich die Starling Bank um KMU-Kunden und war dank ihrer digitalen Plattform in der Lage, ihnen schnell neue Kreditprodukte anzubieten. Starling traf auch die strategische Entscheidung, seine Banking-as-a-Service-Fähigkeiten anderen Unternehmen anzubieten. So schuf sich die Bank eine zusätzliche Einnahmequelle, wobei die Entwicklungskosten minimal waren. 

Embedded Finance als Chance für Challenger-Banken

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Autor: Rivo Uibo ist der Chief Business Officer der Modularbank. Das Unternehmen bietet eine flexible Banking-Plattform an, über die jedes Unternehmen (Banken, Händler, Telekommunikationsanbieter uvm.) seinen Kunden in kürzester Zeit nahtlose und maßgeschneiderte Finanzdienstleistungen anbieten kann.

Wenn Challenger-Banken für Embedded Finance bereit sind, dann können sie branchenfremde Unternehmen dabei unterstützen, Bankdienstleistungen direkt am Verkaufsort anzubieten. Challenger-Banken haben die Technologie, den Zugang zu Kapital, das Wissen und die Expertise – sie können es nicht nur ermöglichen, sondern auch eine Schlüsselrolle innerhalb des Ökosystems einnehmen. Sie können neue Kundenkreise erschließen und Millionen von Transaktionen abwickeln, während sie gleichzeitig die Kosten für die Kundenakquise senken und ihre Retail-Infrastruktur beibehalten.

Durch die moderne Technologie ihrer Kernsysteme sind Challenger-Banken agil und in der Lage, schnell auf Kundenbedürfnisse mit innovativen Dienstleistungen zu reagieren. Embedded Finance ist im Wesentlichen eine Antwort auf die Kundennachfrage nach einem nahtloseren Einkaufserlebnis. Challenger-Banken haben die wandelnden Kundenbedürfnisse schon früh erkannt und sind führend darin, kundenzentriert zu denken. Wenn sie sich weiterhin auf die Bedürfnisse der Kunden einstellen, dann können sie in der Zukunft der Banken eine wesentliche Rolle spielen.