So meistern Assekuranzen und Finanzdienstleister die Digitalisierung

Ein Artikel von Thomas Herrguth, Director Financial Services Germany, VMware | 27.04.2020 - 06:01

Viele Assekuranzen und Geldhäuser stecken gewissermaßen in der Klemme. Mit der Digitalisierung ist eine regelrechte Flut aus strategischen, technischen und organisatorischen Herausforderungen auf Unternehmen aus der Finanzbranche hereingebrochen. Maßgeblich beteiligt an dieser Welle – die Generation der Millennials, die mittlerweile zweitgrößte Zielgruppe von Banken und Versicherungen.

Deren besonders hohe Erwartungshaltung an die Customer Experience im Zusammenhang mit Finanzdienstleistungen treiben digitale Entwicklungen entscheidend voran. Im Rennen um den König Kunden haben dabei vor allem die jungen Wilden – Fintechs, die auf der grünen Wiese gestartet sind – und finanzstarke Konzerne mit digitalen Angeboten wie Apple Pay, Google Pay oder Paypal, vorgelegt.

Strategische Planspiele

Für die ehemals konservative Bankenlandschaft geht die Öffnung hin zu einem zeitgemäßen Anstrich dagegen mit einem ungleich radikaleren Richtungswechsel einher. Dabei stehen Versicherern und Finanzinstituten grundsätzlich drei Strategien offen. Ein Ansatz beruht darauf, den „alten Tanker“ unter einer neuen Flagge vom Stapel zu lassen. Hier geht es darum, möglichst schnell agiler und flexibler auf Marktanforderungen reagieren zu können, indem bestehende Prozesse modernisiert werden.

Das Problem bei dieser Methode: Vorhandene Abhängigkeiten zwischen Systemen und Abläufen existieren in der Regel auch weiterhin, technische Silos erschweren innovative Lösungsansätze. Unverändert bleibt im Übrigen auch das Bild des Unternehmens in den Köpfen der Kunden. Eine andere Strategie liegt darin, Kooperationen mit Fintechs zu schließen. Obwohl diese Vorgehensweise häufig schnell zum Erfolg führt, besteht hier die Gefahr darin, das Heft des Handelns nie ganz in die Hand nehmen zu können.

Bewährt hat sich in den letzten Jahren häufig die dritte Methode, die Gründung einer neuen Marke, die parallel zum traditionellen Geschäft den digitalen Zweig bildet. Beispiel Unicredit aus Mailand: Mit buddybank hatte die italienische Großbank und Holding von Finanzdienstleistungsunternehmen vor wenigen Jahren eine Online-Bank ins Leben gerufen, die ausschließlich über hoch moderne Applikationen mit Kunden kommuniziert. Dabei umfasst das Serviceportfolio von buddybank weit mehr als nur Finanztransaktionen.

Anwender können neben Bankgeschäften ihren Koffer am Flughafen suchen lassen oder und Pakete tracken. Dass dahinter Unicredit steckt, kaum erkennbar. Eine ähnliche Strategie verfolgt der Schweizer Insurance-Konzern Baloise Group mit dem Digitalversicherer Friday Insurance. Mit Friday war Baloise innerhalb kürzester Zeit in der Lage, dem angestaubten Image der KFZ-Versicherungen einen hippen Touch zu verleihen. 

Licht und Schatten in der Cloud

Steht die Strategie, geht es für Finanz- und Versicherungsinstitute in einem nächsten Schritt um die Modernisierung der IT- und Kommunikationsinfrastruktur. Hier blockieren häufig noch Mainframes aus dem vorherigen Jahrhundert, Legacy-Kernanwendungen und Datensilos die dringend benötigten Innovationen für die Digitalisierung.

Für unangenehme Überraschungen sorgt nicht selten auch blinder Aktionismus: Banken und Versicherer planen zuweilen den Schritt in die Cloud, ohne den Aspekten Kundenorientierung und Mehrwert größere Beachtung zu schenken. Aber: Flexibilität und Agilität folgen nicht automatisch, nachdem eine Migration in die Wolke erfolgt ist. Im Gegenteil, ein Aufbruch in eine dedizierte Cloud-Umgebung eines Anbieters führt von der proprietären Welt des Großrechners rasch in eine neue Abhängigkeit. Dann ist der Wechsel von einem Service-Partner zu einem anderen schnell mit einem größeren Aufwand verbunden, während sich Kostenvorteile in Luft auflösen.  

Thomas Herrguth Director Financial Services VMware.jpg

Thomas Herrguth ist seit Februar 2019 Director Financial Services bei VMware Deutschland. In dieser Position ist er für die Markt- und Strategieentwicklung des Geschäftsbereichs Banken und Versicherungen bei VMware verantwortlich. 

Für moderne Applikationen – Container-Technologie auf dem Vormarsch

Durchweg bewährt haben sich in diesem Zusammenhang Plattformen, die es Geldhäusern und Versicherern ermöglichen, Applikationen schnell und effektiv auf Basis offener Standards zu entwickeln, um sie zu einem späteren Zeitpunkt für unterschiedliche Clouds bereitstellen zu können. Dabei sollte es unerheblich sein, ob diese Plattform zunächst auf einer On-Premises-Infrastruktur oder der Cloud basiert.

Wichtig ist, dass Applikationen flexibel vom bestehenden Rechenzentrum in eine Cloud oder von einer in die andere Cloud migrieren können. So laufen beispielsweise Anwendungen, die auf der VMware Cloud Foundation entwickelt wurden, problemlos auch auf Amazon Web Services, Google Cloud oder Microsoft Azure. Ein wesentlicher Vorteil: Kostenvorteile werden transparent und nachhaltig. In der Praxis ist es dann problemlos realisierbar, Hyperscaler oder Hosting Spaces für eine Applikation wie KFZ-Versicherung zu wechseln.

Kurz: Finanzinstitute und Assekuranzen benötigen eine Plattform, die Entwicklern die Freiheit lässt, so zu arbeiten, wie sie es gewohnt sind. Dabei setzt sich auch mehr und mehr die Anwendungsentwicklung auf Basis von Containertechnologie wie Kubernetes durch. Die Arbeit mit containerisierten Workloads und Services erlaubt eine Entwicklung für die Cloud und On-Premises-getriebene IT-Infrastrukturen und hat das Potenzial, eine ähnlich beeindruckende Entwicklung zu nehmen wie die Virtualisierung oder Java. 

Ausblicke: Zwischen IT-Sicherheit und KI

Eine Entwicklung, die für das Thema IT-Sicherheit leider noch nicht gilt. Hier herrscht allzu häufig Nachholbedarf, obwohl das Thema in der Branche der Finanzdienstleistern bereits vor Jahren zur Chefsache erklärt wurde. Auch hohe IT-Budgets dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die IT-Security in vielen Banken immer noch eine Schwachstelle ist, die von kriminellen Hackern ausgenutzt werden kann. Doch um das Vertrauen der Kunden nicht zu verlieren, stehen gerade Versicherungshäuser und Banken in der Pflicht, der IT-Sicherheit höchste Priorität einzuräumen und mit entsprechenden Technologien, wie beispielsweise Netzwerkvirtualisierung, zu untermauern.

Erst dann sollten Überlegungen über die Einführung der neuesten Entwicklungen zugunsten digitaler Innovationen ins Feld geführt werden. Dazu gehört zweifelsohne die Künstliche Intelligenz (KI). Vor allem größere Finanz- und Versicherungskonzerne drängen zunehmend in diesen Bereich, indem riesige Datenbestände analysiert und für unterschiedlichste Anwendungsszenarien mit Hilfe von KI aufbereitet werden. Eine ähnlich rasante Entwicklung ist im Geschäft mit Aktieninvestmentfonds zu erwarten.

Hier drängen mehr und mehr so genannte Robobanks aufs Parkett. Sie bestehen ausschließlich aus KI-Technologien und verwalten Portfolios von Anlegern nach unterschiedlichen Risikoklassen vollautomatisch. Ähnlich KI-getrieben funktionieren Services von Assekuranzen, die KFZ-Halter vor Hagelschäden warnen oder Rabatte für umsichtige Fahrweise gewähren. Die Digitalisierung hat für Finanzinstitute und Versicherungsdienstleister ein schier unendliches Potential – sollte aber auf einer modernen, zukunftsfähigen sowie gleichzeitig sicheren und bewährten IT-Infrastruktur aufsetzen.