PSD2 – ein Jahr 2. Stufe: “Wir sind hier weiter als andere Märkte”

Ein Artikel von Dunja Koelwel | 02.10.2020 - 08:46

Open Banking ist ein Schlagwort, das auf eine große Resonanz in der Banking-Branche stößt. Was verstehen Sie darunter?

Stefan Krautkrämer: Durch die PSD2 wurde die Hoheit und die Entscheidung über die eigenen Bankdaten in die Hände des Verbrauchers gelegt; eine sehr mutige und zukunftsgerichtete Entscheidung. Für uns bedeutet Open Banking die Freiheit des mündigen Bürgers, diejenigen Banking-Produkte zu nutzen, für die er sich entscheidet. In welchem Kontext er diese Apps oder Dienstleistungen benutzt liegt ebenso in seiner

Entscheidung wie auch die Frage, ob er seine Bankdaten einem FinTech zur Verfügung stellt oder eben nicht. Open Banking wird daher für viele kundenzentrierte Angebote von FinTechs aber auch Banken führen - die Bankenbranche ist damit endgültig im Zeitalter des Kunden angekommen.

PSD2 bildet den gesetzlichen Rahmen für Open Banking und die 2. Stufe gilt seit rund einem Jahr – wie beurteilen Sie die Ausgestaltung der Richtlinie?

Stefan Krautkrämer: Die Richtlinie hat etablierte Player wie Banken und bankenunabhängige Anbieter auf Augenhöhe gebracht. Bewusst wurde dabei die Ausgestaltung und die technische Umsetzung recht offen gelassen. Eine sehr liberale Sichtweise, denn der Markt und seine Teilnehmer sollen es “richten”. Auch das ist eine sehr moderne Sichtweise und beugt der Überregulierung vor. Welche Schwächen eine vage Ausgestaltung allerdings auch haben kann, wurde beim Prozess der Bereitstellung von dedizierten Schnittstellen deutlich. Das Aufeinander zu bewegen zwischen Banken und Fintechs hat in diesem Fall länger gedauert als nötig.

Wo stehen wir in Deutschland beim Open Banking im Vergleich mit unseren europäischen Nachbarn?

Stefan Krautkrämer: Aufgrund der intensiven Diskussion und dem durchaus manchmal auch kontroversen Austausch zwischen den Marktteilnehmern hat es zwar länger gedauert, bis wir in der Frage der Schnittstellen einen gemeinsamen Nenner gefunden haben. Allerdings ist dabei die Qualität der angebotenen Bankenschnittstellen wesentlich besser und wir sind deutlich weiter als in anderen Ländern.

Open Banking hängt ja wesentlich von der Qualität der Schnittstellen ab, denn sie liefern ja die Daten und diese müssen hochwertig sein. Nur dann kann es zu kundenzentrierten Angeboten kommen und damit eines der Hauptziele der PSD2 verwirklicht werden: Innovationen im Payment- und Banking-Bereich zu fördern. Hier sind wir in Deutschland definitiv weiter als andere große Märkte wie UK oder Frankreich.

Und wo stehen wir in Deutschland im weltweiten Vergleich?

Stefan Krautkrämer: Wir sind in Europa technisch sehr weit vorne im weltweiten Vergleich, das liegt sicher auch an der Impulsgeber-Rolle Deutschlands. Viele andere Länder gestalten ihre Richtlinien analog zur PSD2, diese hat definitiv Vorbildcharakter. Wo wir noch Nachholbedarf haben, ist allerdings bei der Fantasie, was alles möglich ist. Das merkt man daran, dass Anbieter von digitaler Infrastruktur für Open Banking bei uns noch lange nicht die Aufmerksamkeit und auch die Bewertungen erhalten wie in den USA.

So wurde beispielsweise Plaid, ein US-Pendant zu FinTecSystems, für 5,3 Milliarden Dollar an VISA verkauft. Das zeigt, dass gerade die Karten-Schemes das Potenzial verstanden haben, denn Mastercard konterte mit einem ähnlichen Zukauf. Von Bewertungen wie in den USA sind wir noch meilenweit entfernt. Dennoch beginnt der europäische Markt gerade “aufzuwachen”. Viele Banken merken, wie wichtig digitalisierte End-to-End-Prozesse sind.

Seit rund einem Jahr sind die dedizierten Schnittstellen nun am Markt. Wie ist der Stand bezüglich Qualität und Performanz?

Stefan Krautkrämer: Die Qualität der Schnittstellen ist bei den beiden großen Verbünden der Sparkassen und Volksbank-Raiffeisenbanken sehr gut hinsichtlich Qualität und Stabilität. Hier sind nur noch Kleinigkeiten zu beheben aus unserer Sicht. Auch die Schnittstellen der Deutschen Bank, Norisbank, Commerzbank, DKB und Postbank haben bereits einen Großteil des Weges hinter sich. Insgesamt sehen wir große Fortschritte im Bereich PSD2-Schnittstellen und wir als Unternehmen migrieren auch bereits seit mehreren Monaten auf die neuen APIs. Dieser Fortschritt war bei den ersten Versionen der PSD2-Schnittstellen noch lange nicht zu erkennen. Es ist also viel passiert in einem Jahr - zum Wohle der Endkunden! Das ist dem konstruktiven Austausch der Marktteilnehmer zu verdanken und hier ist die Rolle der BaFin als Vermittler und Anbieter gemeinsamer Workshops besonders hervorzuheben.

Die Qualität der Schnittstellen ist bei den beiden großen Verbünden der Sparkassen und Volksbank-Raiffeisenbanken sehr gut hinsichtlich Qualität und Stabilität. Hier sind nur noch Kleinigkeiten zu beheben aus unserer Sicht.

Stefan Krautkrämer, CEO und Mitgründer von FinTecSystems

Wo hapert es noch?

Stefan Krautkrämer: Aus unserer Sicht sind es zwei übergreifenden Probleme. Zum einen ist da die immer noch fehlende Übertragung des Dispo-Limits, die elementar ist, um den Verfügungsrahmen auf dem Konto zu bewerten. Das Dispo-Limit ist Bestandteil des regulären Online-Bankings und damit eine Information, die laut PSD2 definitiv über die dedizierte Schnittstelle zur Verfügung zu stellen ist.

Hinzu kommt noch die Umsetzung der starken Kundenauthentifizierung bei einigen Schnittstellen: Beispielsweise gibt es Banken, die sich für den so genannten Redirection Flow entschieden haben. Nach unseren Auswertungen in der Testphase hat der Redirection eine deutlich schlechtere Conversion als beispielsweise ein Embedded Flow. Hier würden wir uns im Sinne eines besseren Kundenerlebnis Nachbesserung wünschen. 

Welche Entwicklungen im Open Banking sehen Sie mittel- und langfristig?

Stefan Krautkrämer: Das Open Banking wird die Finanzbranche aber auch andere Bereiche wie beispielsweise die Versicherungsbranche nachhaltig verändern und revolutionieren. Eine wichtige Rolle kommt dabei den Open Banking Anbietern wie uns zu. Wir fördern für Unternehmen den wichtigsten Rohstoff unserer Zeit: Daten. Genau wie der wichtigste Rohstoff des vergangenen Jahrhunderts, Öl, ist dieser Rohstoff aber ohne eine Weiterverarbeitung nichts wert. Open Banking Anbieter sind somit nicht nur die Förderanlage sondern auch die Raffinerie von Rohdaten, so dass diese nutzbar werden. Mit fertigen Lösungen, wie beispielsweise einer Bonitätsprüfung auf Basis von Echtzeit-Finanzdaten, bieten wir sogar direkt einsetzbare Endprodukte – so wie aus Rohöl schlussendlich auch Brillen, Seifen, Reifen oder Treibstoff hergestellt werden - um im Bild zu bleiben.

Das war vor allem auf den Kontoinformationsdienst gemünzt. Welche Entwicklungen sehen Sie im Bereich Zahlungsauslösedienste?

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Stefan Krautkrämer hat zusammen mit Dirk Rudolf FinTecSystems 2014 gegründet. Zuvor hat er im Gründerteam die Sofortüberweisung von Beginn mehr als sieben Jahre mit aufgebaut und war zuletzt bis zum Verkauf an Klarna als COO bei Sofort tätig. Bei FinTecSystems ist Stefan für Business Development und Investor Relations verantwortlich. ©zephyr_p - stock.adobe.com

Stefan Krautkrämer: Nicht erst durch die Coronakrise hat der E-Commerce nochmals deutlich an Fahrt gewonnen. Der Markt braucht intelligente und innovative Zahlungsdienste, die sich beispielsweise nahtlos ins Look and Feel des jeweiligen Anbieters einfügen und automatisierte Risikoprüfungen, zum Beispiel um GWG-Anforderungen gerecht zu werden oder um Kontodeckungen zu prüfen.

Diese Zahlungsdienste werden erst durch Open Banking möglich, hier werden wir noch einige Innovationen sehen.  

Was bedeutet die weitere Entwicklung von Open Banking für die Zusammenarbeit zwischen Banken und FinTechs?

Stefan Krautkrämer: Der konstruktive Austausch bei der Qualität der dedizierten Schnittstellen hat uns sehr positiv gestimmt: Banken und FinTechs sind aufeinander zugegangen und haben eine gute Sachebene gefunden. Beide sind definitiv Marktteilnehmer auf Augenhöhe und Open Banking geht auch nur miteinander. Open Banking ist für Banken keine Bedrohung, sondern kann auch neue Erlösmodelle bieten.

Man denke an das Angebot von Premium-Schnittstellen mit besonders qualitativ und quantitativ hochwertigen Daten. Gleichzeitig haben FinTechs bemerkt, dass es eben nicht reicht, eine tolle Endkunden-App auf den Markt zu bringen, es braucht auch den großflächigen Kundenzugang und sichere sowie stabile Prozesse. 

Welchen Einfluss haben KI und Machine Learning auf die Technologie?

Stefan Krautkrämer: Einen sehr großen Einfluß! Wir bei FinTecSystems haben beispielsweise über fünf  Milliarden Umsätze mit Hilfe von Machine Learning kategorisiert seit Start 2014. Unsere Algorithmen bei der Kontoanalyse lernen mit jeder Transaktion hinzu’ und das verbessert erheblich die ohnehin schon sehr hohe Treffsicherheit, beispielsweise bei der Kategorisierung und der Erkennung von Risikomerkmalen.

Vollautomatisierte Kreditentscheidungen sind schon technologisch möglich, das macht das Kreditgeschäft für Banken skalierbar, auch bei Kleinkrediten. Wir werden noch viele weitere Automatisierungslösungen im Bereich Open Banking sehen und das ist ein Vorteil, gerade für Banken: Damit steigt die Prozesseffizienz enorm an, Kosten sinken und Ressourcen können zielgerichteter eingesetzt werden.