Payment auf Plattformen: Capco beurteilt die Konzepte

Ein Artikel von Dunja Koelwel | 01.10.2020 - 13:11

Onlinehändler Otto wagt sich für die eigene Plattform in neue Territorien vor: Das Unternehmen kündigte an, einen eigenen Zahlungsdienst starten zu wollen. Ratepay-Mitgründerin Miriam Wohlfahrt arbeitet an Banxware, das Händlern auf Plattformen Kredite anbieten will. Innerhalb kürzester Zeit widmen sich also zwei bekannte Unternehmen mit Startups dem Thema „Payment auf Plattformen“. 

Wieso ist diese Idee erst jetzt reif für den Markt? Musste erst Präsenz geschaffen werden durch die ganzen Plattform-Diskussionen über Alibaba und Co?

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Stefan Quermann ist Managing Principal bei der Beratung Capco. Er ist spezialisiert auf den Bereich Zahlungsverkehr und unterstützt Wettbewerber aus der Finanzdienstleistungsbranche bei den digitalen und regulatorischen Herausforderungen der Industrie.

Stefan Quermann: Auf gewisse Weise stimmt das: Die amerikanischen und asiatischen Unternehmen haben Aufmerksamkeit geschaffen und Kunden und Händlern gezeigt, wie einfach und „convenient“ Zahlungsverkehr sein kann. Außerdem kommen gerade weitere, begünstigende Faktoren zusammen. Einer ist, so eigenartig es auch klingt, die Corona-Pandemie. Durch die teils flächendeckenden und langen Lock-Down-Situationen haben sowohl Onlineshopping als auch neue Zahlverfahren eine breitere Aufmerksamkeit bekommen. Viele Menschen, die wahrscheinlich bis dahin eher im Geschäft mit Bargeld eingekauft haben, waren geradezu gezwungen, sich auf neue Gegebenheiten einzustellen und digitale Verfahren kennen zu lernen. Dadurch ist die Akzeptanz gewachsen.

Ein weiterer Faktor, der diese Entwicklungen immer begünstigt, ist der fortwährende technische Fortschritt und die Durchdringung der Bevölkerung mit Smart Devices wie Smartphones, Tablets oder auch Gadgets, die das Online-Shopping permanent vereinfachen und fördern. Auch die sich entwickelnden Initiativen für europäische Zahlverfahren, um den amerikanischen und asiatischen Platzhirschen Paroli zu bieten, ist sicherlich ein Treiber für die beiden angesprochenen Entwicklungen.

Nun könnte man mutmaßen, dass die Causa Wirecard der Payments-Branche einen Bärendienst erwiesen hat. Ich denke allerdings, dass dieser Skandal eher dazu führt, dass das Vertrauen in Zahlungsdienstleister mittelfristig wachsen kann. Prüfinstitutionen wie die Bafin und auch Wirtschaftsprüfer werden viel aus dem Wirecard-Desaster lernen und künftig deutlich genauer hinschauen. Otto und Banxware sind etablierte Namen mit einem treuen Kundenstamm und digitales Bezahlen gehört auch weiterhin zu den Megatrends der Dekade. Ich vermute daher, dass die Pressemeldungen der Unternehmen auch gerade deshalb zu diesem Zeitpunkt gekommen sind – es wird ja nicht erst seit einigen Wochen an diesen großen Initiativen gearbeitet.

Wo sehen Sie Gefahren? Welche Chancen erkennen Sie?

Stefan Quermann: Beide Geschäftsmodelle sind nicht neu, etablierte Payments-Plattformen gibt es bereits einige Zeit und auch die eine oder andere Lending-Plattform für die angeschlossenen Händler existiert bereits am Markt. Die große Frage wird sein, ob die Unternehmen die nötige Akzeptanz bei Händlern und Kunden, und im Falle Banxware eben auch bei Banken, erreichen können. Hier liegt das Risiko. Kunden bleiben oftmals einem gewohnten Zahlverfahren treu, für Händler zählt zum einen der Preis und zum anderen die Akzeptanz bei ihren Kunden. Diese Akzeptanz zu schaffen, ist die zentrale Herausforderung.

Bei Banxware ist es zudem interessant, dass der Service auch für Banken angeboten wird. Wenn die Unternehmung es schafft, die langwierigen mit einer Kreditvergabe verbundenen Prozesse effizienter zu gestalten, könnte sie sowohl Banken als auch Merchants einen großen Mehrwert liefern. Privatkunden sind über Vergleichsplattformen und 0-Prozent-Finanzierungen bei Händlern schon gut bedient, der Reiz besteht daher sicherlich eher für Merchants und Banken.

Otto hat ein gutes Timing bewiesen. Nach dem Skandal rund um Wirecard kommt hier ein traditionelles Unternehmen an den Markt, welches einen sehr hohen Bekanntheitsgrad hat, großes Vertrauen seitens langjähriger Kunden genießt, und auch schon Innovationskraft und Experimentierfreudigkeit bewiesen hat. Die Finanzkraft und das Know-how der Beteiligten – insbesondere die Kenntnisse zu Kunden und Händlern – sind ebenfalls eine gute Kombination, um vieles besser zu machen als Zahlungsdienstleister wie Wirecard oder auch das nun mit Giropay fusionierende Paydirekt.

Wer von den beiden macht Ihrer Meinung nach zuerst das Rennen?

Stefan Quermann: Die beiden Angebote sind, zumindest derzeit, nicht vergleichbar, daher kann man die Frage so pauschal nicht beantworten. Otto fokussiert sich auf Payments, Banxware auf Lending. Beide haben aufgrund der Expertise der Beteiligten und der gestiegenen Aufmerksamkeit im Markt eine gute Ausgangslage. Otto verfügt sicherlich über eine größere finanzielle Kraft als Banxware und hat den prominenteren Namen. Banxware wird vermutlich eher in der Payments-Branche auf größeres Interesse treffen: hier ist mit Miriam Wohlfarth natürlich echte Fintech- und Payments-Prominenz am Ruder. Sie hat bereits bewiesen, dass sie es versteht, Startups erfolgreich zu machen.