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„War on Cash“: Hat Bargeld eine Zukunft?

Ein Artikel von Dunja Koelwel, Chefredakteurin gi Geldinstitute | 20.10.2020 - 13:02

Schilder wie „Cash only“ sollen nach Vorstellungen des Digitalverbands Bitkom in Deutschland der Vergangenheit angehören. Überall wo Kunden bezahlen können, soll mindestens eine europaweit nutzbare digitale Bezahlmöglichkeit verpflichtend angeboten werden müssen, heißt es in den „Bitkom-Thesen zur Wahlfreiheit beim Bezahlen“.

„Bargeld zeigt sich als Vertrauensanker in unsicheren Zeiten. Mit zunehmender Besorgnis wegen des Coronavirus ist beispielsweise in den USA die Menge des in Umlauf befindlichen physischen Bargelds gestiegen“, sagt wiederum Jochen Werne, Mitglied der Geschäftsleitung der Prosegur Cash Services Germany. gi geldinstitute hat deswegen nachgefragt: Wie sieht es derzeit aus beim ‚war on cash‘?

Seit der Corona-Krise zahlen immer mehr Menschen mit Karte oder Smartphone, statt mit Münzen oder Scheinen. Ein Trend, der das Bargeld langsam abschafft? Wie ist Ihre Wahrnehmung?

Ralf-Christoph Arnoldt: In der Tat haben wir in den letzten Monaten Zugewinne bei Kartenzahlungen, insbesondere beim Zahlen mit der Girocard gesehen. Die Transaktionszahlen haben sich im ersten Halbjahr 2020 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 20,7 Prozent erhöht. Bargeld spielt aber im Alltag in Deutschland nach wie vor eine bedeutende Rolle, auch wenn diese Liebe erodiert.

Der Umsatzanteil von Bargeld lag 2019 nach Angaben des Eurohandelsinstitutes (EHI) noch bei 45,5 Prozent. Bargeld bietet aus Kundensicht einige Vorteile. Bezahlen mit Bargeld ist für den Kunden bequem, anonym, sofort final. Bargeld ist für die Kunden geprägte Freiheit. Das sollten Regulatoren und im Bargeldkreis beteiligte Wirtschaftskreise als Fakt akzeptieren und nicht zwangsweise ändern.

Dr. Harald Olschok: Ohne Zweifel hat während der Corona-Krise eine neue Phase des „War on cash“ begonnen. 75 Prozent der Mitgliedsunternehmen der BDGW rechnen damit, dass die Umsätze im nächsten Jahr um bis zu 20 Prozent geringer als in der Vergangenheit sein werden. Wir gehen davon aus, dass der Anteil der Barzahlung im Handel von etwa 48 Prozent Anfang 2020 auf deutlich unter 40 Prozent sinken wird. Allerdings hat sich in der Krise auch gezeigt, dass die Deutschen, dem Bargeld als sicherem Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel weiter großes Vertrauen entgegenbringen. Einer Umfrage von YouGov zufolge können sich die Deutschen auch nicht vorstellen, in einer bargeldlosen Gesellschaft zu leben.

 Leif Wienecke: Seit der Corona-Krise erleben wir eine Beschleunigung vieler Trendentwicklungen, die teils bereits vorher absehbar waren. Dazu gehört auch das kontaktlose Bezahlen. Dieses in Deutschland relativ neue Kundenverhalten passt gut zu den Corona-bedingten Hygienemaßnahmen. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass Endkunden bei der Auswahl des Zahlungsmittels, neben Hygienegesichtspunkten vor allem auf Geschwindigkeit setzen. Hier kommen digitale und kontaktlose Bezahlarten ins Spiel. In den nächsten Jahren werden wir einen weiteren Rückgang von Bargeldzahlungen sehen und eine zunehmende Nutzung von digitalen Bezahlarten, wie Mobile Wallets.

Jochen Werne: Was ist den Menschen wichtig, wenn es um ihr Geld – also die „Früchte ihrer Arbeit“ geht? Sicherlich dessen uneingeschränkte Verfügbarkeit. Wenn sie Vertrauen haben können, jederzeit an ihr Geld zu kommen, wählen Menschen die Bezahlvariante, die für jeden Einzelnen am bequemsten ist. Die einen bezahlen lieber per Smartphone, für die anderen zählt: „Nur Bares ist Wahres“. Fundamental ist, dass uns als Konsumenten die Entscheidung freisteht, aus welchen Zahlungsmitteln wir frei wählen können. Wahlfreiheit ist das entscheidende Wort.

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Ralf-Christoph Arnoldt, Abteilungsleiter Zahlungsverkehr beim Bundesverband der Deutschen Volks­banken und Raiffeisenbanken BVR © (c) Kai Bienert

"Neue Sicherheitsmerkmale bei Bargeld ­erfordern mehr Know-how und größere ­Investitionen für Fälscher. Es wird ­schwieriger, die Anzahl der Täter wird ­kleiner, dafür die Summen, die ein Fälscher auf den Markt bringt, größer. ­Ähnlich ist es auch bei digitalen Payments."

Ein „Pro Bargeld“ oft gebrachtes Argument ist, dass Technologie anfällig und in der Krise der Wert der Sicherheit immer das höchste Gut ist. Deswegen haben zu Beginn des Lockdowns auch viele Bargeld gehortet. Glauben Sie, dass dieses Geld jetzt wieder in Umlauf kommt? Und was sagen Sie zum technologischen Fehlerpotenzial von digitalen Bezahlvarianten?

Ralf-Christoph Arnoldt: Dass zu Beginn des Lockdowns Bargeld gehortet wurde, war eher dem Umstand geschuldet, dass die Menschen dachten, die Bargeldversorgung könnte aufgrund der Coronakrise gefährdet sein. Das hat sich aber schnell als unzutreffend erwiesen. Inzwischen werden die Hortungen kontinuierlich aufgelöst. Das erkennen wir unter anderem daran, dass die Auszahlungsvolumina an den Geldautomaten immer noch etwa 25 Prozent unter dem Vor-Corona-Niveau liegen. Wenn man die Sicherheit von Bargeld mit Kartenzahlungen oder digitalen Bezahlvarianten vergleichen will, kommt man nicht weit. Bargeld ist, wenn es zum Beispiel gestohlen wird, endgültig weg. Bei einer gestohlenen Zahlkarte haftet in der Regel die Bank.

Jochen Werne: Es ist unbestreitbar, dass Bargeld vielen als Vertrauensanker in unsicheren Zeiten gilt. Elektronische Zahlmethoden riskieren aufgrund technischer Pannen immer wieder Vertrauensverluste. Einer der letzten dieser Zwischenfälle ist noch nicht lange her: Ausgerechnet im Vorweihnachtsgeschäft am 23. Dezember 2019 wurden EC-Kartenzahlungen an vielen Terminals nicht akzeptiert. Ähnliche Erfahrungen mit geringerer Tragweite dürften schon viele Verbraucher gemacht haben, die sich allein auf digitales Bezahlen verlassen. An den Kassen in Warenhäusern und Supermärkten sind solche Situationen immer wieder zu beobachten – beispielsweise wenn der NFC-Chip einer Karte oder schlicht das Kartenlesegerät nicht funktionieren. Schnell widmen sich dann die Blicke der umherstehenden Personen in der Einkaufsschlange interessiert-ungeduldig dem Bezahlenden und versuchen, den Namen auf der Karte des vermeintlich nicht solventen Unglücksraben zu erfahren. Nichtsdestotrotz werden moderne Technologien mit der Zeit immer stabiler und es wird sich ein Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Bezahlmethoden einstellen. Genauso wie das „Gehortete“ nach der Krise wieder mehr dem Konsum oder der Investition zugeführt wird. Ein Kreislauf, den es nüchtern historisch betrachtet immer gab.

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Jochen Werne, Mitglied der Geschäftsleitung, ­ Chief Development & Chief Visionary ­Officer Prosegur Germany

"Bargeld ist aus der Natur der Sache ­heraus die robusteste Bezahlmethode. Das wird regelmäßig in Extremszenarien wie Katastrophen, Ausfällen einer digitalen Infrastruktur durch Cyber­attacken, Naturereignisse oder durch ­technisches Versagen deutlich."

Es zeichnete sich ab, dass Banken das Abheben von Bargeld am Automaten auf Dauer nicht mehr kostenlos anbieten können. Dies trifft vor allem Menschen mit geringem Einkommen, Ältere und generell alle, die keinen Zugang zu digitalen Bezahlformen haben. Welche Lösung scheint Ihnen am sinnvollsten?

Leif Wienecke: Tatsächlich ist ein beschleunigter Rückbau von Bankfilialen in den letzten Monaten, aber auch schon zuvor, zu beobachten. Die Kosten-Nutzen-Relationen scheinen in keinem Verhältnis mehr zu stehen. Darunter leiden viele Endkunden, vor allem Ältere. Gleichzeitig liest man aber auch, mit welchen kreativen Lösungen zum Beispiel Sparkassen unterwegs sind, um Kunden in ländlichen Regionen den gewohnten Service zu bieten (z.B. Filiale auf Rädern, Transferbus). Ich glaube, dass andere Unternehmen die Versorgungslücke, die die Banken hinterlassen, ausfüllen werden. Bereits seit einigen Jahren bieten etwa Supermärkte und Tankstellen eine kostenlose „Abhebung“ von Bargeld an. Diesen Trend, Bankendienstleistungen in den Kontext des Alltags zu integrieren, bezeichnen man als kontextuelles Banking. Der Endkunde möchte dort Zugriff auf Bargeld oder Transaktionen haben, wo er oder sie sich gerade befindet. Als Solarisbank sehen wir hier die Zukunft im Banking.

Jochen Werne: Die Zurverfügungstellung der Vermögenswerte eines Einzelnen als Bargeld verursacht Kosten, wie auch das Bezahlen mit der Karte den Verbraucher Geld kostet. Die jüngste Auswertung von 294 Kontomodellen von 125 Kreditinstituten in Deutschland durch die Stiftung Warentest zeigt, wonach bereits bei 55 Modellen Gebühren für das Bezahlen mit der Girocard erhoben werden. Es ist die Aufgabe der Institute, nicht nur die Gelder ihrer Kunden zu verwalten, sondern ebenfalls dem Kundenwunsch nachzukommen, ihnen diese Werte in Form von Bar- oder Buchgeld wieder zur Verfügung zu stellen. Die bisher gelebte Praxis, Bargeld oder auch Konten ohne Gebühren anzubieten und diese im Gegenzug quer zu subventionieren, ist ein deutsches Phänomen. Die ehemalige BaFin-Chefin Dr. Elke König stellte die Frage bereits vor über fünf Jahren auf der Veranstaltung „Bank der Zukunft“ kritisch in den Raum.

Der heutige Margendruck bei den Banken verlangt nun diese Anpassung. Es ist unbestritten, dass Geldautomaten laut Deutscher Bundesbank mit einem Anteil von 84 Prozent die beliebteste Bezugsquelle für Bargeld sind. Ihre Anzahl ist in Deutschland in den letzten Jahren um gut 18 Prozent gestiegen. Durchschnittlich steht je 1.415 Einwohnern ein Geldautomat zur Verfügung. Somit kommt Geldautomaten eine enorme gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung zu. Es verwundert nicht, dass der Bereich „Bargeldversorgung“ in Paragraf 7 der Kritisverordnung des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI-KritisV) ausdrücklich als „kritische Dienstleistung“ aufgeführt ist, als eine „Dienstleistung zur Versorgung der Allgemeinheit (...), deren Ausfall oder Beeinträchtigung zu erheblichen Versorgungsengpässen oder zu Gefährdungen der öffentlichen Sicherheit führen würde“. Dass Banken ihren Kunden zwar Bar- und Kartengeld bereitstellen müssen, dies aber in der Regel ohne Gebühren nicht rentabel tun können, ist langfristig problematisch und ein Umstand, der einer Verbesserung bedarf. Doch lässt sich diskutieren, ob Gebühren für Verbraucher das richtige Mittel sind.

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Leif Wienecke, Managing Director Digital Banking & Cards bei der Solarisbank © Max Threlfall

"In den nächsten Jahren werden wir einen weiteren Rückgang von Bargeld­zahlungen sehen und eine zunehmende Nutzung von digitalen Bezahlarten, etwa wie Mobile Wallets."

Für den US-amerikanischen Wirtschaftsprofessor Kenneth Rogoff ist die Abschaffung großer Geldscheine ein erster Schritt. Bargeld, so Rogoff, ist gleichbedeutend mit Kriminalität und Schattenwirtschaft – und insofern eine Bedrohung für die Allgemeinheit. Ist Bargeld wirklich „kriminalitäts-affiner“ als digitale Bezahlvarianten?

Dr. Harald Olschok: Als „gelernter“ Freiburger Wirtschaftswissenschaftler bin ich immer wieder entsetzt, über die populistischen und vereinfachenden Thesen des früheren Chefökonomen des IWF. Es ist ja noch viel schlimmer als von Ihnen angedeutet. Für Rogoff „steht außer Frage, dass Bargeld eine wesentliche Rolle bei kriminellen Aktivitäten spielt, darunter Drogenhandel, organisierte Kriminalität, Erpressung, Behördenkorruption, Menschenhandel und Geldwäsche.“ (Der Fluch des Geldes, München 2016, S. 11). Ach ja, und Schwarzarbeit und illegale Einwanderungen sind auch dem Bargeld geschuldet. Leider wurde er auch im Euro-Raum gehört. Die Abschaffung der 500-Euro-Banknote ist schon erfolgt. Im Kern der Rogoffschen-Thesen geht es darum, Bargeld abzuschaffen, um Negativzinsen durchzusetzen. Die Leute sollen nicht sparen, sondern ihr Geld ausgeben. Es wird dabei ausgeblendet, dass der Betrug mit unbaren Zahlungsmitteln, etwa Kryptowährungen, boomt. Ich gehe davon aus, dass diese Formen des Betrugs noch weiter zunehmen werden. Daher müssen wir eher vom umgekehrten Fall ausgehen.

Ralf-Christoph Arnoldt: Die Weitergabe beispielsweise eines USB-Sticks mit Millionenbeträgen in Kryptowährungen ist genauso einfach wie die Weitergabe eines Geldscheins. Auch Kriminelle und die Schattenwirtschaft ist Teil des Trends zur Digitalisierung, leider manchmal sogar den Ermittlungsbehörden voraus. 

Leif Wienecke: Zu diesem Thema gibt es viel Diskussion und auch gegensätzliche Studien. Die Entscheidung der Bundesregierung, die Meldepflichten für Notare, etwa bei Immobiliengeschäften zu verschärfen, unterstreicht die These von Rogoff. Dennoch glaube ich, dass man nicht pauschalisieren kann. Sicherlich bringt die Anonymität von Bargeld einige Vorteile für Kriminelle und durch eine Umstellung auf stärker regulierte, digitale Zahlungsverfahren lässt sich Geldwäsche eindämmen Aber dort wo starke kriminelle Energie ist, werden auch neue Wege gefunden.

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Dr. Harald Olschok, Hauptgeschäftsführer Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BDSW) © Martin Fischer Fotografie

„Das Risiko, in Deutschland mit Falschgeld in Berührung zu kommen, ist nach wie vor gering. Die meisten Fälschungen sind leicht zu erkennen. Die Sicherheits­merkmale der aktuellen Euro-Serie ­machen es Kriminellen schwer. “

Und wie steht es um die Sicherheit? Bei Bargeld ist das Problem von Fälschungen, bei Digitalen Payments etwa das Abgreifen von Identitäten und Daten. Was lässt sich einfacher schützen?

Ralf-Christoph Arnoldt: Da sehe ich keinen großen Unterschied. Es ist immer ein gegenseitiges Wettrüsten. Neue Sicherheitsmerkmale bei Bargeld erfordern mehr Know-how und größere Investitionen für Fälscher. Es wird schwieriger, die Anzahl der Täter wird kleiner, dafür die Summen, die ein Fälscher auf den Markt bringt, größer. Ähnlich ist es auch bei digitalen Payments. Wir tun als FinanzGruppe alles, um über neue Kryptoverfahren, gehärtete Systeme und so weiter Tätern einen Schritt voraus zu sein. Nicht ohne Grund beschäftigen sich unsere Experten schon mit kryptografischen Lösungen, welche auch in den kommenden Zeiten der Quantencomputer noch standhalten können. Die Herausforderung ist dabei, die Bequemlichkeit für die Kunden zu erhalten.

Jochen Werne: Bargeld ist aus der Natur der Sache heraus zweifellos die robusteste Bezahlmethode. Das wird regelmäßig in Extremszenarien wie Katastrophen, Ausfällen einer digitalen Infrastruktur durch Cyberattacken, Naturereignissen oder durch technisches Versagen deutlich. Bargeld ist nicht an elektrischen Strom, digitale Infrastrukturen, an Passwörter oder sonstige technische Features gebunden. Außerdem wurden mit der Einführung der zweiten Euro-Banknotenserie die Sicherheitsmerkmale erhöht und Geldscheine fälschungssicherer. Wie die Bundesbank zu Beginn des Jahres berichtete, sind die Falschgeldzahlen um weitere fünf Prozent zurückgegangen. Bei digitalen Zahlmethoden sind die Konsumenten selbst in der Pflicht, sich zu schützen. Zu Beginn der Corona-Krise ist beispielsweise das Zahlungslimit bei kontaktlosem Bezahlen, etwa im Supermarkt, erhöht worden ist. Auf den ersten Blick klingt das unverfänglich. Doch folglich kann jeder mit einer Karte – und das muss nicht die eigene sein – auch höherpreisige Waren ohne weitere Sicherheitsprüfung wie durch PIN-Eingabe bezahlen. Und was den Datenschutz betrifft: Mit jeder bargeldlosen Zahlung geben Konsumenten persönliche Informationen preis. Daten, die zahlreiche Unternehmen kommerziell nutzen.

Dr. Harald Olschok: Das Risiko, in Deutschland mit Falschgeld in Berührung zu kommen, ist nach wie vor gering. Die meisten Fälschungen sind leicht zu erkennen. Die Sicherheitsmerkmale der aktuellen Euro-Serie machen es Kriminellen schwer. Werden jedoch digitale Bezahlmethoden angegriffen, verliert man wesentlich mehr als nur sein Geld, das sollte den Verbraucherinnen und Verbrauchern bewusst sein.

Der Wert einer freien Gesellschaft liegt sicherlich darin, ständige Verfügungsmacht über sein Geld zu haben und nicht in der freien Wahl bezüglich der Zahlungsform eingeschränkt zu sein.

Jochen Werne, Mitglied der Geschäftsleitung, Chief Development & Chief Visionary Officer Prosegur Germany

China will ab 2021 in diese Richtung auch auf staatlicher Ebene einen Schritt weitergehen, es geht um die Payment-Lösung Alipay und alle privaten und staatlichen Datenbanken miteinander zu verbinden, also auch solche, in denen bargeldlose Bezahlvorgänge abgespeichert sind. Ziel ist es, das Konsumentenverhalten zu erfassen und zu bewerten. Anschließend winken entweder Belohnungen oder es drohen Sanktionen. Wer zu viele Schulden anhäuft oder sie nicht zurückzahlt, darf in China keinen Schnellzug und auch kein Flugzeug mehr nutzen. Zwar ist eine derartige Entwicklung in den europäischen Demokratien auf absehbare Zeit völlig ausgeschlossen, aber gehen Sie ebenfalls davon aus, dass das Konsumentenverhalten künftig viel mehr bei der Bonitätsprüfung eine Rolle spielen wird?

 Jochen Werne: Der Harvard-Geschichtsprofessor Niall Ferguson prägte vor über einem Jahr bereits den Begriff eines „neuen Kalten Krieges“. Dieser „Kalte Krieg“ geht hauptsächlich um die eine Technologieführerschaft bei künstlicher Intelligenz und spielt sich zwischen den Vereinigten Staaten und China ab. Technologien sind nicht gut oder schlecht, sondern wie und zu welchem Zweck diese von uns Menschen eingesetzt werden, bestimmt darüber. Nur weil etwas nun technisch möglich ist, muss es nicht sinnvoll sein für eine Gesellschaft. Es ist ein großer Wert freiheitlicher Demokratien, dass diese Themen diskutiert werden, Privatsphäre geschützt wird und die Staatsgewalt nicht eigenmächtig handeln kann.

Zur Frage der Bonitätsprüfung lässt sich sagen: Je besser ein Kreditinstitut den Kreditnehmer kennt, desto besser kann eine Risikoeinschätzung vorgenommen werden, um Kreditausfallrisiken zu beziffern. Bei der Bonitätsprüfung ist das Institut angehalten, alle relevanten und zur Verfügung stehenden Daten für die Entscheidung zu nutzen. Technisch ist es heute möglich, die vom künftigen Kreditnehmer gemachten Daten um Informationen über ihn aus Internet und Social Media anzureichern und mithilfe von KI-Algorithmen und Peer-Group Vergleichen abzurunden. Allerdings ist die Gefahr groß, dass hier bei Unachtsamkeit auch private personenbezogene Daten verarbeitet werden und der Schutz der Privatsphäre verletzt wird. Dies gilt es zu verhindern. Wie damit allerdings in Zukunft umgegangen wird, bleibt abzuwarten.

Leif Wienecke: In erster Linie geht es hier um die vielfältigen Möglichkeiten generierte Daten sinnvoll zu nutzen, um Mehrwerte zu schaffen. Unternehmen wie Banken, haben vorrangig die Herausforderung, Daten ihrer Kunden sinnvoll aufzubereiten und für neue Anwendungsfälle zu integrieren. Die Ökosysteme der „GAFAs“ oder auch Alipay sind „data first“ Unternehmen, welche in den Alltag ihrer Nutzer integriert sind. Sie treffen prinzipiell nur Entscheidungen basierend auf Daten und empirischen Erkenntnissen. Die obige Beschreibung aus China, geht aber nicht einher mit unserem Verständnis von Daten- oder Verbraucherschutz, daher sehen wir das ebenso wenig kommen.

Auf der anderen Seite ist es natürlich unabdingbar, datengetriebene Innovation zu betreiben. Auch die heute bestehende Bonitätsprüfung kann sicherlich erweitert werden über relevante, kontextuelle Datenpunkte, im Sinne der Verbraucher und Kreditinstitute. Das Thema “Social Scoring“, also die Verwendung von Kundendaten aus sozialen Netzwerken, ist in Deutschland umstritten und wird vor allem im Kontext des Verbraucherschutzes diskutiert. Das ist richtig so, denn der Verbraucher sollte für ein solches Scoring nicht nur seine Zustimmung geben müssen, sondern den Algorithmus verstehen und sich bei Diskriminierung beschweren können.

Bei der Wahl der Bezahlart zählt für mich der kontextuelle Aspekt. Ich möchte, dass die Produkte meiner Bank sich meinen ­Lebens­umständen anpassen und nicht andersherum.

Leif Wienecke, Managing Director Digital Banking & Cards bei der Solarisbank

In letzter Zeit hört man immer wieder Initiativen, die allen Bürgern eine CBDC (Central Bank Digital Currency) zugänglich machen und einen E-Euro nicht auf institutionelle Teilnehmer der Finanzmärkte zu beschränken will. Was halten Sie davon?

Leif Wienecke: Das Thema CBDC steckt noch in den Kinderschuhen und hat zahlreiche Facetten. Dabei geht es meist um die Steigerung der Effizienz im Zahlungsverkehr. Davon profitieren auch Endkunden. Grundsätzlich sind Innovationsprozesse und Initiativen zur Transformation der Finanzindustrie positiv zu bewerten. Wie bei allen Themen mit europäischer beziehungsweise internationaler Tragweite ist es wichtig, dass ein einheitlicher regulatorischer Rahmen geschaffen wird. Gerade weil die Einführung einer digitalen Zentralbankwährung für die Öffentlichkeit nicht ohne eine Veränderung des bestehenden Geldsystems einhergehen würden. Bei Solarisbank beschäftigen wir uns seit über zwei Jahren mit der Blockchain- und Kryptowährungsindustrie. Im vergangenen Jahr haben wir die Tochtergesellschaft Solaris Digital Assets gegründet um unsere Vision, der breiten Nutzung digitaler Vermögenswerte umzusetzen.

Ralf-Christoph Arnoldt: Hier werden leider ganz unterschiedliche Dinge vermischt. Zum einen gibt es die Technologie, auf welcher die meisten Kryptowährungen basieren: die Blockchain. Sie ist hochgradig interessant, da sicher und nachvollziehbar Rechte (an Geld, Leistungen aus Verträgen, etc.) übertragen werden können. Diese Technologie hat ihre Anwendungsfälle und wird an Bedeutung zunehmen. Eine Währung auf Basis dieser digitalen Lösung aufzulegen, ist sicherlich zukunftsweisend aber nicht ohne Gefahren. Allein schon die Geschwindigkeit, mit der Summen transferiert werden können, würde die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes in einem Maße erhöhen, bei der uns volkswirtschaftliche Erfahrungen fehlen. Auch Fragen zur Sicherheit der Währung, wer steht für den Gegenwert gerade, müssen noch beantwortet werden. Es ist also zu begrüßen, dass wir uns früh damit beschäftigen, um mit überschaubarem und kalkuliertem Risiko zu lernen.

Der Begriff des E-Euro anderseits suggeriert eine digitale Währung als Zahlungsmittel. Dafür ist es in meinen Augen noch zu früh. Nicht nur, da in Summe die volkswirtschaftlichen Auswirkungen zum heutigen Zeitpunkt nur bedingt abschätzbar sind, sondern auch weil diese Technologie auf Sicherheit und Verteilung der Daten ausgerichtet ist, nicht auf Transaktionseffizienz. Technisch ist die Anzahl der Transaktionen begrenzt. Hier gibt es zwar Konzepte wie die Lightning-Technologie, um das zu umgehen und mehr Transaktionen zuzulassen. Diese fungiert als Intermediär aber wieder nach ähnlichen Prinzipien wie der klassische Zahlungsverkehr. Transaktionen werden durchgeführt und hinterher gebündelt in der Blockchain „gebucht“ – ähnlich wie ein Zentralbankübertrag.

Ebenfalls wird der ökologische Aspekt zu wenig betrachtet. So verbrauchte alleine der Bitcoin Ende 2019 nach Schätzungen ca. 74 Terawattstunden in einem Monat. Zum Vergleich: Der gesamte Stromverbrauch Deutschlands lag im gleichen Zeitraum bei ca. 47 Terawattstunden.

Bargeld ist und bleibt das sicherste Zahlungsmittel. Es ist anonym, leicht verfügbar, hilft bei der Ausgabenkontrolle und steht allen Bevölkerungsgruppen zur Verfügung.

Dr. Harald Olschok, Hauptgeschäftsführer Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BDSW)

Und jetzt die Gretchenfrage zum Schluss: Wie zahlen Sie bargeldlos?

Ralf-Christoph Arnoldt: Mit der Girocard – soweit es geht natürlich kontaktlos und gern auch mit dem Handy.

Leif Wienecke: Ich nutze Google Pay mit meinen hinterlegten Debitkarten von unseren Partnern Tomorrow, Vivid Money und Bitwala. Offline nutze ich die entsprechenden Visa-Karten. Und online zusätzlich noch PayPal.

Jochen Werne: Selbstverständlich mit Bargeld und bargeldlos.

Dr. Harald Olschok: Im Lebensmitteleinzelhandel und in der Gastronomie regelmäßig mit Bargeld. Bei größeren Ausgaben, und dazu gehört auch das Tanken, mit Kreditkarte.

Umfrage: Bargeld oder digitale Bezahlvarianten: Wo lauern die Gefahren in Sachen Geldwäsche?“

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Erik Stretz, Principal Consultant, FICO

Gerade in Zeiten von Covid-19, bei denen mehr und mehr Geschäfte remote abgeschlossen werden ist es schwieriger, das ‚typische‘ Kundenverhalten zu prognostizieren. Kunden wechseln Geschäfte, Bankverbindungen und ihre Verhaltensweisen. Das Stichwort KYC (Know your Customer) bekommt eine neue Bedeutung, denn häufig fehlen hierzu die längerfristigen Kundenprofile und typischen Verhaltensmuster. Hinzu kommt, dass nicht nur das Kundenverhalten spontaner und kurzfristiger wird – auch digitale Bankdienstleistungen werden im Rahmen von PSD2 (Instant Payments) schnelllebiger und schwieriger nachvollziehbar. Früher wurde Bargeld häufig im Zusammenhang mit Geldwäsche als das ideale Mittel der Wahl genannt. Aus unserer Sicht sind die Gefahren des Missbrauchs von Bankprodukten durch die neuen digitalen Zahlungsoptionen noch gravierender. Insofern sind geeignete Abwehrmaßnahmen wie die effektive Anwendung des risikobasierten Ansatzes, künstlicher Intelligenz und Robotics Process Automation dringend geboten.

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Autor: Tobias Schweiger, Co-Founder und CEO bei Hawk:AI

Bares Geld, welches durch illegale Aktivitäten erwirtschaftet wurde, spielt beim Erwerb von Luxusgütern oder Antiquitäten eine große Rolle. Beim Einsatz von digitalen Bezahlvarianten besteht das Risiko insbesondere aufgrund der Schnelligkeit der Transaktionen und nahezu grenzenlosen Verfügbarkeit: So können illegal erwirtschaftete Geldbeträge auf Kleinstbeträge aufgeteilt werden und binnen Sekunden über Landesgrenzen hinweg verteilt werden, was von Kriminellen aktiv genutzt wird. Um Banken dabei zu unterstützen, solche Vorgänge aufzudecken, muss auffälliges Verhalten frühzeitig und zielsicher festgestellt werden, sei es bei Bargeldeinzahlungen oder -abhebungen, oder beim digitalen Bezahlen. Dafür ist der Einsatz von digitalen Technologien und datenorientierten Analysen unabdingbar. Der Präsident der Financial Action Task Force (FATF), Dr. Marcus Pleyer, hat die Digitale Transformation der Geldwäschebekämpfung als ein Hauptziel seiner Amtszeit vorgestellt.