Digitale Plattformen: Zusammenarbeit der Wettbewerber

Ein Artikel von Herbert Sebald | 19.08.2019 - 15:11

Banken und Versicherer in Deutschland hat das Plattformfieber gepackt. Nahezu die Hälfte (42 Prozent) der Finanzdienstleister ist als Initiator an einer digitalen Plattform beteiligt. 66 Prozent sind Nutzer einer Plattform, beispielsweise von Vergleichsportalen als Vertriebskanal. Damit ist keine andere Branche so aktiv in der Plattformökonomie wie die der Banken und Versicherer. Die Aktivitäten zeigen, wie stark sich die beiden klassischen Finanzdienstleistungszweige in Richtung Digitalunternehmen verändern. Für zwei von drei Managern aus dem Finanzsektor sind Plattformen und Ökosysteme das beherrschende Thema. Zum Vergleich: 16 Prozent der befragten Entscheider aus der Industrie stufen Plattformaktivitäten als hochwichtig ein.

Banken und Versicherer setzen bei ihren Aktivitäten auf Kooperationen. Der Grund: Für 83 Prozent der befragten Entscheider der beiden Finanzbranchen sind die Herausforderungen der Digitalisierung so komplex, dass Unternehmen sie nicht mehr allein bewältigen können, sondern nur noch im Verbund mit anderen. Fast genauso viele (80 Prozent) sehen zudem einen Trend hin zu Komplettlösungen aus einer Hand mit Angeboten weiterer Unternehmen.

42 Prozent der Befragten betrachten dabei auch andere Finanzdienstleister als bevorzugte Partner, 20 Prozent sogar ihre direkten Wettbewerber. Sparkassen sowie Genossenschaftsbanken arbeiten beispielsweise bei der Identitätsplattform Yes zusammen, einer Art Generalschlüssel für Kunden zu anderen Onlinedienstleistern. Die Deutsche Bank bindet auf ihrer Plattform Zinsmarkt auch Produkte anderer Institute an. „Dieser Trend zu Coopetition, also die Zusammenarbeit zwischen Wettbewerbern, ist kein Altruismus, sondern die klare strategische Erkenntnis, dass sich Marktanteile und Marktmacht auf Dauer gegenüber Google, Apple, Facebook und Amazon (GAFA) nur dann erzielen und halten lassen, wenn Unternehmen über ihren Schatten springen und bis dato für unverrückbar geltende Grenzen überschreiten“, sagt Simon Oberle, Leiter Future Management Consulting von Sopra Steria NEXT.


Lieber junge Start-ups als etablierte Tech-Unternehmen

sopra_wettbewerb2.jpg

© Sopra Steria Consulting

58 Prozent der befragten Entscheider der Finanzbranche halten darüber hinaus Fintechs und Insurtechs für geeignete Partner oder Kandidaten für Beteiligungen. Dagegen wollen nur 22 Prozent mit den GAFA kooperieren, 14 Prozent mit anderen großen IT-Firmen. Versicherer Ergo arbeitet beispielsweise mit dem IT-Konzern IBM zusammen, um Teile des Lebensversicherungsbestands auf eine separate Plattform zu übertragen, um sie effizienter managen zu können. Eine strategische Option ist, künftig auch Verträge anderer Versicherer gegen Gebühr in die Plattform zu integrieren.

Das starke Engagement der Finanzdienstleister, eigene Plattformen zu etablieren und dabei auch mit Konkurrenten und branchenfremden Unternehmen zusammenzuarbeiten, kommt nicht von ungefähr: Drei von vier Bank- oder Versicherungsentscheidern sehen das eigene Geschäft durch bestehende digitale Plattformen bedroht. Ihre zentrale Sorge ist die Abhängigkeit von den Betreibern, vor allem von Nischenplattformen der eigenen Branche, den großen Tech-Konzernen sowie von Vergleichsportalen. Dazu kommen der drohende Preiskampf und mögliche Margeneinbußen, die mit einer Teilnahme an fremden Plattformen verbunden sind.