Digitale Ökosysteme im Banking

Ein Artikel von Dr. Ulrich Meyer, Managing Director Financial Services, GFT Technologies Deutschland | 10.07.2019 - 14:55
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Moderne Banking-Apps legen die Grundlage für digitale Geschäftsmodelle © GFT Technologies

In zehn Jahren wird die arbeitende Bevölkerung zu zwei Dritteln aus „Digital Natives“ bestehen. Doch schon jetzt erwarten die Kunden von ihrer Bank mehr als zuverlässigen Zahlungsverkehr und einen jährlichen Gruß zum Geburtstag. Dabei zeichnet sich deutlich ab, dass der Besuch in der Filiale künftig oft von einer mobilen Banking-Anwendung ersetzt wird, wenn es nicht um beratungsintensive Themen geht. Hinzu kommt, dass soziale Netzwerke wie Facebook oder Messenger-Dienste wie WhatsApp dem Verbraucher einen Dialog auf Augenhöhe ermöglichen. 

Schon vor 25 Jahren stellte Microsoft-­Mastermind Bill Gates süffisant die Zukunft des Finanzsektors in Frage: „Banking is necessary – banks are not!“ Ganz so schlimm ist es bisher nicht gekommen, doch es besteht die reale Gefahr, dass der klassisch aufgestellte Bankensektor seine Bedeutung als wichtigster Marktplatz für Finanzgeschäfte verliert. Deshalb müssen die Kreditinstitute ihr klassisches Produktportfolio um neue Serviceangebote erweitern und Wertschöpfungsketten zu anderen Marktteilnehmern aufbauen. 

Erfolgreiche Internethändler, die ihr Ökosystem für Partner geöffnet haben, weisen den Weg: Immer häufiger kommt die Zahlungsdienstleistung im Servicepaket mit dem Konsumprodukt zum Kunden, kontrolliert von Payment-Providern wie der schwedischen Klarna Group. Zudem zeigt ein Blick auf die Business-Strategien der weltweit führenden Digitalplayer, dass der Plattform-Ökonomie die Zukunft gehört. Damit wird die Rolle des Intermediärs für den Zahlungsverkehr neu definiert und die Entstehung innovativer Geschäftsmodelle forciert. 

Digitale Plattformen als Teil der Vorwärtsstrategie

Tech-Konzerne und Unternehmensgründer werden auf ihrem Wachstumskurs nicht von unflexiblen Legacy-Systemen gebremst. In der Finanzbranche wächst daher die Sorge, längerfristig gegenüber den kundenorientierten Serviceleistungen von Amazon, Google & Co. ins Hintertreffen zu geraten. Gegen diese Entwicklung hilft nur eine klare Vorwärtsstrategie: Banken und Finanzdienstleister, die ihren Kunden über digitale Plattformen attraktive Mehrwertangebote unterbreiten können, haben alle Trümpfe zur Erschließung neuer Erlösquellen entlang verschiedener Wertketten in der Hand.

Zudem besteht mit Open Banking und Banking-as-a-Service die Möglichkeit, eigene Dienste auf der digitalen Plattform eines Kooperationspartners auszurollen – etwa aus dem Konsumgüterbereich. Angesichts der Tatsache, dass die Kundenbindung immer mehr an Bedeutung gewinnt, sollten die Banken ihren Daten­bestand mit neuen technologischen Verfahren wie dem maschinellen Lernen auswerten. Dies eröffnet die Chance, ­näher an den Kunden heranzurücken und frühzeitig zu erkennen, welche Produkte zu dessen aktueller Lebenssituation ­passen. Selbstverständlich sind dabei die strengen gesetzlichen Datenschutzvor­gaben zu beachten.

FinTechs bringen Inno­vationen und Kundennähe

Die Zusammenarbeit mit Startups, die den nötigen fachlichen Background besitzen, gibt Banken die Möglichkeit, rascher auf veränderte Marktbedingungen zu reagieren, neue Services zu testen und die Zeit bis zur Einführung neuer Produkte (Time-to-Market) zu verkürzen. Laut einer Studie der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers sind Kooperationen mit FinTechs für 88 Prozent der Banken in Deutschland von hoher Bedeutung. Dabei kann es sich jedoch nur um eine Momentaufnahme handeln, denn längerfristig müssen die Banken wieder ihre eigene Innovationskraft in den Vordergrund rücken – digital, überraschend und immer auf den Kunden ausgerichtet. 

Beim Aufbau eines digitalen Ökosystems ist die Kundenfreundlichkeit (Customer Convenience) von besonderer Bedeutung. Von smarten technologischen Lösungen verwöhnte Konsumenten erwarten auch von ihrem Kreditinstitut ein ­intuitives Nutzererlebnis – unabhängig davon, ob die Website über ein Self-Service-Terminal in der Filiale, am heimischen Rechner oder unterwegs auf dem Smartphone aufgerufen wird. Moderne Online­banking-Anwendungen genießen vor allem bei jungen Konsumenten eine enorme Popularität: Acht von zehn Befragten verrieten in einer Untersuchung der Deutschen Bank, dass es für sie wichtig sei, Finanzangelegenheiten über das Internet abwickeln zu können. Fast zwei Drittel gaben an, ihre Bankgeschäfte per Smartphone oder Tablet zu erledigen. Auch die international beliebtesten Banking-Apps zeichnen sich laut Forrester Research durch eine sehr gute User Ex­perience aus. An diesem Niveau muss sich jede neue Banking-Applikation messen lassen, wenn sie Erfolg haben soll.

Der wertvolle 360-Grad-Blick auf den Kunden

Die umsatzstärksten Internetversender machen es eindrucksvoll vor: Apps, die intelligent mit der jeweiligen Plattform vernetzt sind, ermöglichen eine aussagekräftige 360-Grad-Sicht auf den Kunden und dessen Bedürfnisse. Über welchen Access-Point der Kontakt mit der Bank zustande kommt, spielt dabei keine Rolle. Lässt sich zum Beispiel aus einer Anfrage Interesse an einem Darlehen erkennen, kann nach der Kurzanalyse der finanziellen Lage eine Offerte mit den passenden Konditionen versendet werden. Eine moderne Banking-App bildet die optimale Basis für jedes digitale Ökosystem. Ein Austausch des Kernbankensystems ist nicht erforderlich. Was digitale Platt­formen im Bankenumfeld leisten können, zeigen Vorreiter wie die russische Tinkoff Bank: Neben klassischen Produkten können die Kunden über das Kreditinstitut Flug- oder Zugtickets kaufen, Versicherungen abschließen oder Restaurant­reservierungen vornehmen. 

Eine interessante Strategie verfolgt auch die solarisBank aus Berlin, die eine Plattform mit offener Schnittstelle für digitale Finanzapplikationen gestartet hat. Zu den angedockten Partnern zählt eine Internet-­Gebrauchtwagenbörse, mit der die Bank Sofortkredite für den Fahrzeugkauf anbietet. Attraktiv für die Finanzbranche ist auch die von Apple und Google bekannte App-­Store-Vermarktung: Die Betreiber-Bank prüft die digitalen Inhalte der Fremdfirmen, gewährleistet den sicheren Betrieb und stellt eine einheitliche Bedienoberfläche bereit.

Schon jetzt verändern digitale Ökosysteme die Wertschöpfungsketten zahlreicher Wirtschaftszweige. In naher Zukunft werden sie auch den Markt der ­Finanzdienstleistungen erobern. Kreditinstitute, die diesen unaufhaltbaren Trend als Chance begreifen, können ihre Wettbewerbsfähigkeit erheblich verbessern, wenn sie aus ihrer traditionellen Rolle als Verkäufer von Finanzprodukten ausbrechen und zuverlässige Partner mit Digitalkompetenz suchen, um mit diesen die Tür zu neuen Geschäftsfeldern aufzustoßen. Die Erfolgsformel für das Banking-Business der Zukunft heißt Innovation durch Kollaboration.