Zum Abschied von Dr. Harald Olschok

Ein Artikel von Dunja Koelwel | 27.06.2022 - 13:13
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Dr. Haralad Olschok © Martin Fischer Fotografie

Sie waren jetzt 30 Jahre lang Hauptgeschäftsführer der BDGW. Wie haben sich die Themen der BDGW geändert?

In den ersten Jahren meiner Tätigkeit standen zwei Themen im Vordergrund: Die Sicherheit des Geldtransports und die Entlohnung der Mitarbeiter. Die Erarbeitung von Sicherheitsvorschriften für die Mitgliedsunternehmen gemeinsam mit Vertretern der Berufsgenossenschaft und den Sachversicherern sowie Mitgliedsunternehmen waren und sind mit zahlreichen Abstimmungsprozesses verbunden und somit zeitaufwändig. Sie sind aber ein europaweites Erfolgsmodell der BDGW. Die größte Herausforderung war aber die Schaffung von tariflichen Grundlagen für die Beschäftigten.

Zwei Jahre nach der Deutschen Einheit gab es große Lohnunterschiede zwischen Ost und West. In einigen Bundesländern gab es noch keine tarifvertraglichen Grundlagen. Gleichzeitig wurde der Geldtransport immer mobiler. Zahlreiche Unternehmen wurden bundesländerübergreifend tätig. Unternehmen aus einem Bundesland mit niedrigeren Löhnen hatten somit deutliche Wettbewerbsvorteile, wenn sie in Bundesländern mit höheren Löhnen tätig wurden. Bei meiner ersten Mitgliederversammlung wurde aus diesem Grund ein Unternehmen ausgeschlossen, es kam zu mehrjährigen Klagen wegen unlauteren Wettbewerbs.

Die Situation beruhigte sich erst, als die BDGW eigenständige, bundesweite Tarifverträge für die Werttransportunternehmen abschloss. Mit einem Wort, es waren „wilde Zeiten“. Effiziente und anerkannte Verbandsstrukturen mussten erst noch geschaffen werden. Die Branche war überwiegend mittelständisch strukturiert, die BDGW hatte über 100 Mitglieder. Zahlungen wurde fast zu einhundert Prozent mit Bargeld beglichen. Heute beträgt der Anteil des Bargeldes als Zahlungsmittel nur noch rund 30 Prozent. Die Folge ist ein – schon länger anhaltender - Konsolidierungsprozess. Die Zahl der ordentlichen Mitgliedsunternehmen bewegt sich auf nur noch 20 zu.

Seit vielen Jahren ist der „Kampf für das Bargeld“ eine der wichtigsten Aufgaben der BDGW geworden. Es gibt immer weniger Mitstreiter. Die Verbände des Handels und vor allem der Kreditwirtschaft setzen fast ausschließlich auf bargeldlose Zahlungsmittel. Gemeinsam mit dem europäische Dachverband ESTA, Verbraucherschützern, der Abteilung Bargeld der Deutschen Bundesbank und einigen Vertretern aus der Wissenschaft und aus der Politik arbeiten wir eng zusammen und fordern u.a. eine resiliente Bargeldinfrastruktur. Mit einem Satz: Die Arbeit ist wesentlich politischer geworden!

Welche Ereignisse sind Ihnen hier in Bezug auf Ihre Tätigkeit am meisten in Erinnerung geblieben?

Von den vielen positiven aber auch ein paar negativen Ereignissen in drei Jahrzehnten will ich drei herausstellen. Die Einführung des Euro zum 1. Januar 2002 war der Höhepunkt. Erstmals wurden die Branche und ihre Verbandsvertreter von der Deutschen Bundesbank als Partner anerkannt. Gemeinsam mit den anderen Verbänden aus der Kreditwirtschaft, des Handels und anderer betroffener Wirtschaftszweige wurde unter Federführung der Deutschen Bundesbank ein Drehbuch für die „Inverkehrgabe des Euro-Bargeldes“ erarbeitet.

Die Arbeit daran begann rund vier Jahre vorher. Ab September 2001 wurden sukzessive druckfrische Euro-Banknoten und Münzen im Wert von 64,5 Milliarden Euro im sogenannten „Frontloading-Verfahren“ an die Filialen der Kreditwirtschaft aufgeliefert. 53,5 Millionen „Starterkids“ mit frischen Euro-Münzen im Wert von 10,23 Euro bzw. 20 DM konnten ab dem 17. Dezember 2001 über die Kreditwirtschaft bezogen werden. Nach dem „Big-Bang“ zum Neujahrstag 2022 galt es innerhalb von zwei Monaten fast 150 Milliarden DM aus dem Verkehr zu ziehen. Gemeinsam mit dem Bundesinnenministerium und Polizeivertretern wurden Sicherheitsfragen erörtert. Es wurde von einigen Politikern ernsthaft vorgeschlagen, die Bundeswehr bei der Einführung des Euro mit einzubeziehen. Es gab keine Zunahme der Raubüberfälle. Die Branche hatte erfolgreich an einer sicheren und effizienten Einführung des Euro mitgearbeitet. Kaum war der Euro eingeführt, informierte die Bundesbank die Branche über die Einführung neuer „Multistückelungsmaschinen“ für die Geldbearbeitung.

Gegen den technischen Fortschritt gab es keine Einwände. Die bisherigen Vorgaben der Bundesbank für die Einzahlung von auf- und vorbereiteten Banknoten konnte entfallen, damit hatten unsere Mitglieder Geld verdient. Die Bundesbank wollte diese neue Dienstleistung aber kostenlos anbieten. Das hätte für unsere Branche dramatische wirtschaftliche Konsequenzen zur Folge gehabt. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte wurde die Deutschen Bundesbank beklagt. Die BDGW klagte für eine markgerechte Gebührenpolitik vor dem Landgericht Frankfurt. Nicht ganz überraschend verloren wir diesen Prozess. Viel wichtiger für uns war jedoch, dass wenige Tage nach der Urteilsverkündung die von uns geforderte Gebühr für Bargeldeinzahlungen eingeführt wurde. Die „0-Euro-Gebühr“ war vom Tisch.

Das negative Ereignis war die Insolvenz des betrügerischen Unternehmens Heros aus Hannover im Jahr 2006. Über viele Jahre hatte das Unternehmen über ein „Schneeballsystem“ Kundengelder abgezweigt und einen Schaden von über 500 Millionen Euro vor allem bei Handelsunternehmen verursacht. Dies war ein „GAU“ in der 50jährigen Geschichte der Branche. Mit viel Arbeit und Mühen haben wir binnen eines Jahres die Sicherheitsvorschriften der BDGW überarbeitet und erweitert sowie verbindliche Kontrollen durch externe Wirtschaftsprüfer und Sachverständige eingeführt. Der Staat musste nicht eingreifen. Wir konnten dadurch verlorengegangenes Vertrauen bei den Kunden, der Politik, den Medien aber auch in der Bevölkerung wieder zurückgewinnen. 

Gegen das flächendeckende „Bargeld-Bashing“ kommt man nur sehr schwer an. Erstaunlich offensiv setzt sich seit geraumer Zeit der Verbraucherzentrale Bundesverband für das Bargeld ein. Er weist wie die BDGW auf die Risiken einer weitgehend bargeldlosen Zahlung hin. In Schweden sehen wir, welche Auswirkungen eine überwiegend bargeldlose Bezahlung auf die Bargeldinfrastruktur hat.

Dr. Haralad Olschok

Zahlen zum Bargeldumlauf

Sie haben den Bundestagswahlkampf 2021 genutzt, um Ihre Vorstellungen in einem Forderungspapier vor der Wahl allen Bewerbern für den Bundestag zukommen zu lassen: „Bargeld mehr als Scheine und Münzen“. Sehen Sie Ergebnisse Ihrer Forderung?

Die Zahl der uneingeschränkten Bargeldbefürworter hat in den letzten Jahren deutlich abgenommen. Die Coronakrise wurde vom Handel und den Kreditkartenunternehmen dazu genutzt, um auf die vermeintlich gesundheitsgefährdende Verwendung von Bargeld hinzuweisen. Zahlreiche Studien haben ergeben, dass dies nicht der Fall ist. Sie werden kaum gehört. Die Werbung für bargeldloses Zahlungsverhalten wurde medial und vor allem auch an den Kassen der Supermärkte im Lebensmitteleinzelhandel tagtäglich propagiert.

Die Mainzer Verkehrsbetriebe nehmen ab dem 1. Juni 2022 kein Bargeld mehr in den Bussen und Straßenbahnen an. Bargeldloses Bezahlen sei effizienter und hygienischer. Die EU plant noch in diesem Jahr, Bargeldobergrenzen einzuführen. Die 500-Euro-Banknote wurde bereits aus dem Verkehr genommen. Bargeld wird häufig mit der Organisierten Kriminalität und der Schwarzarbeit in Verbindung gebracht. Gegen dieses flächendeckende „Bargeld-Bashing“ kommt man nur sehr schwer an. Erstaunlich offensiv setzt sich seit geraumer Zeit der Verbraucherzentrale Bundesverband für das Bargeld ein. Er weist wie die BDGW auf die Risiken einer weitgehend bargeldlosen Zahlung hin. In Schweden sehen wir, welche Auswirkungen eine überwiegend bargeldlose Bezahlung auf die Bargeldinfrastruktur hat. Das Bargeld-Handling wird teurer, wenn immer weniger Geldausgabeautomaten oder Kreditinstitute in der Fläche Bargeld an Konsumenten auszahlen bzw. vom Handel annehmen. Es entsteht ein Kreislauf nach unten.

Vor diesem Hintergrund haben wir vor der Bundestagswahl eine nachhaltige und resiliente Bargeldinfrastruktur in Deutschland gefordert. Nach meiner Wahrnehmung werden diese Gefahren in Deutschland - noch? - nicht gesehen. Außerdem stellen die Kreditkartenproduzenten in Verbindung mit der Kreditwirtschaft und Teilen des Handels eine mächtige Lobby dar. Das Bargeld-Handling in Deutschland ist derzeit kein politisches Thema. Diese Aufgabe wird der Deutschen Bundesbank zugewiesen. Aus dem Bundesbankgesetz leiten die Bundesbanker ihren Sorgeauftrag ab und greifen nach meiner Auffassung zu stark in einzelne Prozesse ein, die man den Wertdienstleistern überlassen könnte.

Die Bundesbank ist zu Recht unabhängig und auch kein einheitliches Gebilde. Vertreter betonen immer wieder die Neutralität im Hinblick auf Zahlungsarten. Verschiedene Abteilungen beschäftigen sich damit. Ein uneingeschränktes Plädoyer für Bargeld ist von der Bundesbank deshalb zu erwarten. Äußert begrüßenswert ist, dass die Deutsche Bundesbank eine Studie in Auftrag gegeben hat, die die Entwicklung von Bargeld in einer Szenarioanalyse in den nächsten 15 bis 20 Jahren untersucht.

Die Bargelddiskussion hat sich nach Corona von tendenziell bargeldlos auf Grund der politischen Situation wieder eher in Richtung „pro Bargeld“ verlagert. Bleibt dieser Pendelausschlag Ihrer Meinung nach nun etwas bestehen?

Die vorliegenden Zahlen belegten - leider - nicht den von ihnen skizzierten Trend. Die vor ein paar Tagen vorgelegte EHI-Studie "Zahlungssysteme im Einzelhandel 2022" zeigt die dramatischen Veränderungen im Zahlungsverhalten. Nur noch 38,5 Prozent des Umsatzes im deutschen Einzelhandel wurden im Jahr 2021 bar bezahlt. Im Vor-Corona-Jahr 2019 lag der Barzahlungsanteil lt. EHI noch bei 46,5 Prozent bei einem Umsatz in Höhe von 445 Milliarden Euro.

In absoluten Zahlen: 2019 wurden 209,92 Milliarden Euro im Einzelhandel bar bezahlt, 2021 waren es nur noch 165,55 Milliarden Euro. Ein Rückgang um 44 Milliarden Euro. Anders ausgedrückt: 21 Prozent weniger Eurobanknoten oder -münzen mussten von den Wertdienstleistern transportiert und in den Cash-Centern bearbeitet werden.

Dabei gilt es aber die EHI-Abgrenzung zu beachten. Bei den vom EHI veröffentlichten Umsatzzahlen i.e.S. von 430 Milliarden Euro sind nicht dabei: Kfz, Mineralöl, Apotheken, E-Commerce/Versandhandel. Seit dem Jahr 2008 untersucht die Bundesbank in regelmäßigen Abständen das Zahlungsverhalten der Deutschen an der Ladenkasse. Laut der letzten durchgeführten Umfrage aus dem Jahr 2020 werden zwar sechs von zehn alltäglichen Bezahlvorgängen auch in der Pandemie mit Bargeld getätigt. Bezogen auf den Wert der Transaktionen sind es aber nur noch 32 Prozent des Umsatzes, die über Bartransaktionen abgewickelt werden. Ich gehe davon aus, dass sich an diesem Prozentsatz in den nächsten Jahren wenig ändern wird.

Im Unterschied dazu ist in den letzten zehn Jahren der Banknotenumlauf des Eurosystems stetig gewachsen, durchschnittlich um mehr als fünfeinhalb Prozent pro Jahr. Im vergangenen Jahr stieg der Bargeldumlauf sogar um rund 8 Prozent auf 1.540 MMilliarden Euro. Nur rund 20 Prozent der vom Euro-System ausgegebenen Banknoten werden als Zahlungsmittel benutzt. 40 Prozent der ausgegebenen Banknoten werden zur Wertaufbewahrung gehalten und auch 40 Prozent der landen im Ausland.

Aktuelle Sicherheitsschwachstellen bei Banken

Sie sind mit ihren Dienstleistungen selbst ein bedeutender ­Wirtschaftsfaktor geworden. Wie groß ist der Umsatz der Sicherheitswirtschaft in Deutschland und wie viele Arbeits- und Ausbildungsplätze sind dadurch gesichert?

Die Sicherheitswirtschaft in Deutschland ist in den letzten 20 bis 30 Jahren ein nicht unbedeutender Wirtschaftsfaktor geworden. Der Umsatz wird in diesem Jahr erstmals die 10 Milliarden Grenze übersteigen. 1992 betrug er noch 1,6 Milliarden Euro. Insgesamt sind rund 260000 Beschäftigte in der Branche tätig. Die meisten davon arbeiten in der Sicherheitswirtschaft im eigentlichen Sinne. Dazu gehören der Werkschutz, Pforten- und Empfangsdienste, der Schutz der kritischen Infrastruktur und militärischer Liegenschaften, der Schutz von Veranstaltungen, Fluggastkontrollen u.v.m.

Allein im Bereich der Luftsicherheit sind rund 25.000 Mitarbeiter beschäftigt. Bei den Wertdienstleistern arbeiten derzeit noch rund 11.000 Beschäftigte, die Zahl dürfte aber in den nächsten Jahren infolge der Konsolidierung abnehmen. Der Umsatz der Wertdienstleister lag vor Corona bei rund 600 Mio. Euro pro Jahr und dürfte in den vergangenen beiden Jahren um bis zu 30 Prozent gesunken sein.

Wo sehen Sie bei Banken derzeit den größten Sicherheitsbedarf?

Falschgeld ist auf einem historischen Tiefstand. Banküberfälle finden in Deutschland kaum mehr statt. Durch die Einführung des Automatischen Kassentresors liegen sie nur noch bei rund 80 im Jahr. Der größte Sicherheitsbedarf bei den Banken besteht derzeit eindeutig beim Schutz der Geldausgabeautomaten. Seit vielen Jahren haben kriminelle Netzwerke erkannt, dass der Raubüberfall auf Geldausgabeautomaten ein lukratives Geschäft sein kann. Vermutet werden vor allem kriminelle Clans aus den Niederlanden.

Häufig ist der Schaden für die Gebäude höher als der Wert der erbeuteten Banknoten. Im Jahr 2020 ist die Zahl der Angriffe nach Angaben des Bundeskriminalamtes um 28,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf 704 Fälle gestiegen. In 414 Fällen versuchten Kriminelle die Geldausgabeautomaten durch Sprengungen aufzubrechen. Der Schaden liegt im mittleren zweistelligen Millionenbereich und übersteigt den Wert der insgesamt erlangten Beute von 17,2 Millionen Euro um ein Vielfaches. Eine konsequente Umsetzung von Sicherheitsmaßnahmen, wie in den Niederlanden, ist dringend erforderlich. Die Zugänge zu den Schalterhallen sollten in den Nachtstunden begrenzt werden. Neue technische (Einfärbe-)Systeme sind einzuführen, die den Wert des geraubten Geldes auf 0 reduzieren. Natürlich hat auch der bargeldlose Zahlungsverkehr Sicherheitsrisiken. Cyber-Attacken nehmen weltweit Jahr für Jahr zu. Verlässliche Zahlen liegen jedoch nicht vor.

Im Unterschied dazu ist die Zahl der Überfälle auf Spezialgeldtransportfahrzeuge in Deutschland relativ gering. Mit Ausnahme von Berlin, das 2020 mit sieben Überfällen zu einem „Hotspot“ geworden ist, finden in den letzten Jahren fast keine Überfälle mehr statt. Dazu haben die Sicherheitsvorschriften der BDGW und vor allem die erfolgreiche Arbeit der Polizei beigetragen. Ich gehe davon aus, dass fast alle Überfälle der vergangenen 30 Jahren aufgeklärt wurden. Diese hervorragende Arbeit der Polizei, die manchmal erst nach 20 Jahren erfolgreich beendet werden konnte, wirkt äußerst abschreckend auf potentielle Täter.