Von smarten Prozessen zu smarten Unternehmen

Ein Artikel von Herbert Sebald | 15.07.2019 - 10:30
Bilder der ProcessLab-Konferenz  (9).jpg

Eröffnung der bereits 13. ProcessLab-Konferenz © Frankfurt School Verlag

Nach der Eröffnung der Konferenz durch Prof. Dr. Nils Stieglitz, den Präsidenten der Frankfurt School, führte Prof. Dr. Jürgen Moormann, Gründer und Co-Head des ProcessLab, in das Thema der Konferenz ein. Er wies auf die wichtige Rolle des technologischen Fortschritts in der Finanzbranche hin und betonte, dass Unternehmen bereit sein müssen, neue Wege zu gehen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Die erste Keynote der Konferenz wurde von Dr. Kerem Tomak, Managing Director und Divisional Board Member der Commerzbank AG, gehalten. Dr. Tomak berichtete über das Vorhaben, die Commerzbank einfacher, digitaler und effizienter zu gestalten. Insbesondere ging es um die Verlegung von Big-Data-Analysen und weiterer Front-End-Anwendungen in die Cloud. Aus Sicht der Commerzbank ist dies eine wesentliche Komponente der digitalen Transformation („Hybrid Cloud Computing“). 

Blockchain - Hype und Realität zugleich

In den folgenden Beiträgen ging es um den konkreten Einsatz der Blockchain-Technologie. Matthias Felder, Portfolio Manager Blockchain & DLT Solutions bei der DB Systel GmbH, stellte das Projekt einer Open-Mobility-Plattform vor, die ein auf der Blockchain-Technologie basierendes Revenue Splitting ermöglicht und als übergreifende Ticketing-Plattform dienen soll. Ein Prototyp ist bereits erstellt und ein erster Markttest mit 20 Unternehmen steht unmittelbar bevor.

Danach stellte Dr. Jure Zakotnik, Technologie-Architekt der KfW Bankengruppe, das Projekt TruBudget vor. Die Konferenzbesucher waren sehr beeindruckt, hier den Einsatz einer Blockchain live zu erleben. Die Plattform hilft dabei, die Geldströme der Entwicklungshilfe besser zu „tracken“. Durch die Erfassung der Mittelverwendung wird eine direkte Nachvollziehbarkeit gewährleistet, sodass Entwicklungshilfeleistungen tatsächlich in die entsprechenden Projekte fließen. 

Blockchain ist jedoch Hype und Realität zugleich. So stellte Dr. Nadine Ostern, Postdoctoral Researcher an der Frankfurt School und Mitglied des ProcessLab-Teams, klar, dass es nicht darum gehe, ob wir Blockchain brauchen, sondern vielmehr darum, was diese Technologie tatsächlich ist, wofür man sie nutzen kann und wo die Probleme der Nutzung liegen. Anschließend ging sie auf die Problemfelder der Anwendung der Blockchain-Technologie ein und zog das Fazit, dass die Potenziale der Blockchain-Technologie vor allem über Unternehmenskooperationen genutzt werden würden. 

Den zweiten Teil des Konferenztags eröffnete Dr. Hanna Huber, Director Technology and Governance der Zalando SE, mit ihrer Keynote zu „Machine Learning und Automatisierung im E-Commerce“. Ziel von Zalando sei es, so Dr. Huber, sich auf Operational Excellence zu fokussieren, wobei Agilität eine sehr wichtige Rolle spiele. Zalando, mit 2.000 Mitarbeitern allein in der IT, forciere die Automatisierung von so vielen Prozessen und Arbeitsabläufen wie möglich. Zudem hat die effiziente Nutzung der erhobenen und durch Machine Learning nutzbar gemachten Daten bei Zalando große Bedeutung. 

Aus eher akademischer  Perspektive berichtete Dr. Ansgar Bernardi, Stellvertretender Leiter des Forschungsbereichs „Smarte Daten und Wissensdienste“ des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), über die aktuelle KI-Forschung. Laut Dr. Bernardi liegt das größte Potenzial der KI darin, dem Menschen als intellektueller Leistungsverstärker im Sinne eines digitalen Partners zu dienen. Wir stehen „vor einem unaufhaltsamen Paradigmenwechsel für die Mensch-Computer-Interaktionen, wo Softwaresysteme im Alltag als lernende Intelligenzverstärker fungieren und wirken, um die kognitiven Fähigkeiten des Menschen zu ergänzen”, so Dr. Bernardi.

Automobilbranche immer noch Vorbild

Bilder der ProcessLab-Konferenz  (10).jpg

Paneldiskussion zu den Themen Distributed Ledger Technologie und KI © Frankfurt School Verlag

Anschließend eröffnete Prof. Dr. Daniel Beimborn, Co-Head des ProcessLab, die Paneldiskussion zur Distributed-Ledger-Technologie (DLT) und KI. Obwohl die Branchenexperten der KfW (Dr. Jure Zakotnik), DZ Bank (Dr. Udo Milkau) und DB Systel (Matthias Felder) und des AI Lab der Frankfurt School (Vahe Andonians) sich weitestgehend einig waren, dass sowohl die DLT als auch KI große Möglichkeiten bieten, gingen die Meinungen bezüglich Dezentralisierung und der Rolle des Vertrauens in Technologien auseinander. 

Im letzten Vortrag des Tages beschäftigte sich Sebastian Kreuschner, Senior Manager Business Process Improvement der solarisBank AG mit „Banking-as-a-Service platform for contextual finance“. Letztlich geht es darum, mithilfe neuer Technologien nicht nur smarte Prozesse zu entwickeln, sondern smarte Unternehmen zu gestalten. Dies erfordert neue Prozessarchitekturen, aber auch neue Organisationsformen wie Plattformen, hybride Modelle, Kooperationen, White-Label-Strukturen etc. In diesem Sinne stellte Herr Kreuschner das Plattform-Geschäftsmodell sowie einen Anwendungsfall der solaris Bank AG vor. Absehbar ist, dass die Finanzbranche in der Zukunft ähnliche Wege gehen wird, wie sie heute z.B. in der Automobilindustrie (Kooperationen von BWM und Microsoft, Volkswagen und Amazon usw.) verfolgt werden. 

Der Konferenztag hat sowohl aus akademischer als auch aus praktischer Sicht gezeigt, welche Möglichkeiten, aber auch welche Herausforderungen der Einsatz neuer Technologien mit sich bringt. Zudem wurde deutlich, dass bereits viele Projekte auf Basis von Blockchain und KI in Planung sind oder bereits realisiert werden. Das ist positiv und zeigt, welche enormen Chancen sich für die (deutsche) Kreditwirtschaft ergeben. Dementsprechend schließen wir uns der Empfehlung von Dr. Huber (Zalando) an, Projekte nach dem Motto „Start with a yes“ zu beginnen und hierbei kleine Rückschläge und Fehler zu akzeptieren. 

ProcessLab

Das ProcessLab ist ein Forschungscenter der Frankfurt School of Finance & Management, das sich mit Themen des Prozessmanagements in der Finanzbranche beschäftigt. Jeweils im Juni veranstaltet das Forschungscenter die ProcessLab-Konferenz.