Kurze Kabel, schnelle Übertragung

Ein Artikel von Murat Turgut, Client Director Capital Markets DACH & CEE, Colt Technology Services | 28.06.2022 - 10:00
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Zwei Börsen verlagern 2022 ihre Rechenzentren: Euronext zieht nach Bergamo und die London Stock Exchange zieht innerhalb des Stadtgebietes um.  © NadinLisa @Pixabay

Der Brexit hat eine Phase der Fragmentierung auf dem europäischen Kapitalmarkt eingeleitet. Die Landkarte der Finanz- und Handelszentren ist in Bewegung geraten. Handelshäuser, Finanzinstitute und Banken stehen vor der Frage, an welchen Standorten sie ihr Geschäft ausrichten sollen.

Die Herausforderung ist aktueller denn je: Gleich zwei Börsen haben entschieden, 2022 ihre zentralen Rechenzentren zu verlagern. Euronext zieht von Großbritannien nach Bergamo in Italien, London Stock Exchange innerhalb der Metropole um. Auf den ersten Blick keine bewegende Nachricht. Doch in einer Handelswelt, in der Deals vor allem computergesteuert automatisiert abgewickelt werden, haben die Umzüge der Datacenters weitreichende Folgen für alle Marktteilnehmer, die Handel mit den Börsen betreiben oder auf Marktinformationen angewiesen sind. Denn schnelle Verbindungen sind hier die Währung, auf die es ankommt. Um im Geschäft zu bleiben, ist ein Umzug der IT-Infrastruktur daher unausweichlich. So paradox es auch klingen mag, in einem hochtechnisierten, digitalen Finanzsystem ist die physische Anbindung entscheidend.

Um die Latenzen einer Netzwerkverbindung möglichst niedrig zu halten, muss der Standort eines Finanzunternehmens im sogenannten Proximity-Bereich, also idealerweise in unmittelbarer Nähe zu den Servern der Börse im Rechenzentrum, angesiedelt sein. Denn je kürzer das Kabel, desto niedriger die Latenz und damit die Übertragungszeit von Daten. Glasfaser ist dabei nach wie vor das performanteste Übertragungsmedium.

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Für einen Umzug sollten sich Unternehmen einen Provider suchen, der nicht nur eine breite Netzabdeckung hat, sondern auch die Zugehörigkeit der Netzwerkstrecken offenlegen kann. © lassedesignen - Fotolia

Der Weg ist das Ziel

Während bei klassischen Umzügen der Wechsel ins neue Gebäude genügt, muss hier also auch der Weg zum neuen Zielort geplant werden. Kurze Wege sind hier nicht nur bequem, sondern geschäftskritisch. Der erste Schritt für IT-Verantwortliche ist daher, die Streckenführung des Netzwerks im Detail zu prüfen und mit dem passenden Glasfaser-Netzanbieter zu realisieren. Drei Kriterien sollten von den Providern dabei erfüllt werden:

Netzwerkdichte
Da die Streckenführung über die Latenz entscheidet, ist eine hohe Netzwerkdichte, also eine Vielzahl an Verbindungen von Vorteil. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die kürzest mögliche Anbindungsvariante über den Carrier umgesetzt werden kann. Ein großes eigenes Netz ist zudem auch für das Redundanzprinzip von Bedeutung, das ebenfalls neu durchdacht werden muss.

Redundanz
In der Regel sind Finanzinstitute auf eine „Zwei-Carrier-Strategie“ angewiesen, um die Sicherheit ihrer Systeme zu gewährleisten. Um die Verbindungen bereitstellen zu können, haben Carrier zwei Möglichkeiten: Sie besitzen die Kabel selbst oder sie mieten im sogenannten Wholesale-Geschäft Strecken bei anderen Anbietern an. Je mehr Strecken ein Carrier dabei anmieten muss, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass einzelne Verbindungen im Endeffekt einem Carrier gehören, den das Unternehmen schon nutzt. In diesem Fall ist keine echte Redundanz hergestellt und das Risiko eines Netzwerkausfalls gegeben.

Transparenz
Um also mit den Compliance-Regeln konform gehen zu können, sollten IT-Entscheider sich vollständige Netzwerkübersicht geben lassen. Aus dieser sollte transparent hervorgehen, welche Strecken zum eigenen Bestand und welche anderen Anbietern gehören. 

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Je kürzer das Kabel, desto niedriger die Latenz und damit die Übertragungszeit von Daten. Glasfaser ist dabei nach wie vor das performanteste Übertragungsmedium. © chaitawat @Pixabay

Neue Technologien für mehr Effizienz

Im hohen Aufwand eines Infrastrukturumzugs liegt auch eine große Chance: Denn, wenn ohnehin alles neu eingerichtet wird und man übergangsweise zweigleisig fahren muss, bevor die alte Aufstellung abgeschaltet wird, kann man dies auch als Test-Setup für neue Technologien nutzen. Beispielsweise können Banken mit einem großen Filialnetz das zum Anlass nehmen, ihr Netzwerk zu virtualisieren und mithilfe von Software-Defined-Networking (SDN) und Technologien wie SD-WAN die Datenübertragung zwischen Standorten zu optimieren. SD-WAN bietet dabei die Möglichkeit, verschiedenste vor Ort verfügbare Anbindungsarten zu integrieren, sodass kritische Anwendungen weiterhin über das eigene Rechenzentrum On Premise geroutet werden, während weniger kritische Anwendungen in Public Clouds gehostet und an jedem Standort direkt angebunden werden. Damit reduziert sich der Aufwand der manuellen Konfiguration der Hardware erheblich. Je mehr Infrastruktur softwarebasiert abgebildet werden kann, desto flexibler auch die Reaktion auf künftige Entwicklungen. Auch wenn Bankennetze aufgrund von Sicherheitsvorgaben auf ein Hybrid-Modell (Software/Hardware) setzen müssen, die Kosteneinsparungen und Effizienz sind beträchtlich, selbst wenn nur Teile des Netzwerks über softwarbasiertes SD-WAN gemanagt werden.

On-Demand-Bandbreiten flexibel skalieren

Nicht für alle Finanzinstitutionen ist der Bandbreitenbedarf dauerhaft hoch. Mit einer zusätzlichen On-Demand-Option kann die Kapazität in Echtzeit angepasst werden. Das bringt beispielsweise für Clearinghäuser eine enorme Kostenersparnis, da der Bedarf innerhalb eines Tages stark schwankt. So kann für die Durchführung des Clearings die volle Leistung abgerufen werden, während für den restlichen Tag eine mittlere Rate genutzt wird. Das ist auch von Vorteil, wenn weitreichende Marktentscheidungen anstehen, wie etwa die Zinsentscheidungen der Europäischen Zentralbank. Mit der Echtzeit-Skalierung, kann auch in Minutenschnelle die Bandbreite erhöht werden, sodass alle relevanten Informationen in Echtzeit verarbeitet werden können. Gleiches gilt für Phasen, in denen Simulationen bestimmter Finanzprodukte durchgeführt werden. So können sie vorab getestet werden und erst wenn sie final und dauerhaft zum Einsatz kommen, muss der Tarif angepasst werden.

Schneller Zugang zu Marktinformationen

Sollte nach Kosten-Nutzen-Analyse die Entscheidung getroffen werden, dass ein Umzug der gesamten Infrastruktur nicht stemmbar ist, gibt es auch die Möglichkeit sich an Financial-Extranets anzubinden. Dies ist insbesondere für Analystenhäuser interessant, die nicht am Handel teilnehmen, sondern auf die Auswertung von Marktinformationen spezialisiert sind. Die Anbindung an das Extranet ermöglicht den Zugang zu allen zentralen Börsen, Handelsplätzen, Analysedaten über nur eine einzige, dedizierte Verbindung.

Fazit

Je computerbasierter der Handel, desto stärker liegt das Augenmerk auf der zugrundeliegenden IT-Infrastruktur. Die Entscheidung zweier Börsen ihre Rechenzentren zu verlagern, hat damit Auswirkungen auf die Netzwerkstruktur aller angebundenen Marktteilnehmer. Für einen Umzug sollten sich Unternehmen daher einen Provider suchen, der nicht nur eine breite Netzabdeckung hat, sondern auch die Zugehörigkeit der Netzwerkstrecken offenlegen kann, damit auch mit angemieteten Strecken echte Redundanz gewährleistet ist. Um sich dabei auch zukunftssicher aufzustellen, ist auch ein breites Portfolio an Netzwerkservices wie beispielsweise SD-WAN von Vorteil, um den Datenverkehr effizient und anwendungsorientiert zu routen. Sollte ein Umzug nicht machbar sein, bietet sich die Anbindung über Financial-Extranets an.

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© www.andreasschlote.de

Autor: Murat Turgut
ist seit acht Jahren bei Colt Technology Services. In seiner jetzigen Position als Client Director Capital Markets DACH & CEE verantwortet er die Geschäftstätigkeiten im Bereich Capital Markets mit dem Ziel international agierende Finanzmarkteilnehmer wie Börsen, Banken und Finanzunternehmen mit hochleistungsfähigen, latenzarmen und sicheren Netzwerkverbindungen bei der digitalen Transformation zu unterstützen. Zuvor war er bei Colocation-Providern und FinTech-Unternehmen tätig.