Von Core Banking bis innovative Apps: Herkulesaufgabe Banken-IT

Ein Artikel von Achim Thienel, Product Manager für Core Banking und Cloud bei Finastra | 19.02.2020 - 14:41

Warum können Banken nicht so agil wie FinTechs agieren, um die rasant wachsenden Ansprüche ihrer Kunden zu erfüllen? Die veralteten Kernbankensysteme, ein Großteil aus der Zeit vor der Finanzkrise, nicht selten aber sogar noch auch aus den 1980er Jahren stammend, lähmen die ­Innovationskraft. Sie sind nicht darauf ausgelegt, Mobile oder Cloud Banking zu unterstützen. Seit PSD2 und Instant Payment Directive sind offene Schnittstellen ein Muss. De facto verlangen diese Verordnungen, dass das Kernbankensystem online geht. Tatsächlich sind aber zwei von drei der aktuell eingesetzten Systeme gar nicht in der Lage dazu. Damit kommen diese Banken weder den gesetzlichen ­Bestimmungen nach, noch können sie das Potenzial derselben heben. Onboarding eines Neukunden per Video-Identifikation? Fehlanzeige, wenn nicht einmal eine IBAN unmittelbar bereitgestellt werden kann. Damit sind Finanzinstitute weder in der Lage, mit innovativen FinTechs zu kollaborieren, noch agil und flexibel auf Kundenbedürfnisse zu reagieren. Die Konsequenzen sind verheerend: Wer es verpasst, seinen Kunden durch benutzerfreundliche Funktionen einen Mehrwert zu bieten, wird bald den Kontakt zu ihnen verlieren. 

Flickenteppich: Finger weg vom Layer

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Achim Thienel

Dennoch scheuen viele Banken den Schritt, ihr in die Jahre gekommenes Core-Banking-System auszutauschen. Denn dies kommt einer Operation am offenen Herzen gleich, weil es buchstäblich auf die gesamte Bankeninfrastruktur ­Auswirkungen hat und dadurch geschäftskritisch ist. Einige Banken führen stattdessen eine Zwischenschicht ein. Dieser Layer dockt auf der einen Seite an das veraltete Kernbankensystem an und ermöglicht es auf der anderen Seite, beispielsweise Apps von FinTechs einzubinden. Das führt zwar kurzfristig zu einem funktionierenden Workflow, ist aber zu kurz gedacht. Letztendlich wird dadurch das System noch unübersichtlicher, komplexer und fehleranfälliger. Wer die ­IT-Infrastruktur von Banken wirklich ­zukunftssicher aufstellen will, muss zwangsläufig den Schnitt wagen und sein Core-Banking-System endlich ins neue Jahrtausend bringen.

Cloud: Zukunft des Core Bankings

Immer mehr setzen sich Cloud-Services in verschiedensten Bereichen durch, von einfachen Applikationen bis hin zu komplexen Geschäftsprozessen – mehr und mehr IT-Dienstleistungen wandern in die Wolke. Kein Wunder, denn Cloud-Services können nicht nur mit Skalierbarkeit und Sicherheit punkten, sondern sind auch agiler und flexibler an neue Anforderungen anzupassen. ­Zusätzliche Rechenleistung in Form von physischen oder virtuellen Servern können Banken in der Cloud binnen weniger Minuten hinzubuchen, anstatt sie innerhalb von Wochen im bankeigenen Rechenzentrum aufbauen und konfigurieren zu müssen. Beim Kernbankensystem gilt es jedoch, umfassende regulatorische Aspekte zu beachten, allen voran die Mindestanforderungen an das Risikomanagement der Banken (MaRisk) der BaFin. Folglich ist es für Banken entscheidend, bei der Auswahl eines Kernbankensystems genau hinzuschauen, damit der Modernisierungsschritt die gewünschten Effekte erzielt und die IT-Infrastruktur für kommende Anforderungen gerüstet ist.

Worauf kommt es beim Kernbankensystem an?

Die oberste Priorität hat gerade bei einem Core-Banking-System der stabile Betrieb. Gleichzeitig sind der Zuschnitt auf individuelle Bedürfnisse und die agile Anpassung an neue Herausforderungen sowie die Einhaltung aller regulatorischen Bestimmungen nicht minder wichtig. Prinzipiell bieten ­internationale Marktführer moderne Lösungen auf der Basis der aktuellsten Technologie. Aber auch hier gilt es, auf bestimmte Qualitätsstandards zu achten – allen voran objektorientierte Programmiersprachen und offene Schnittstellen, um Partnerlösungen agil und flexibel integrieren zu können. ­Außerdem sollten auch Marktführer in der Lage sein, auf die individuellen Bedürfnisse einer Bank einzugehen und gleichzeitig die Qualität dieser Anpassungen zu gewährleisten. Ein Komponentensystem nach dem Baukastenprinzip ist hier eine funktionierende und zugleich kostengünstige Heran­gehensweise. Idealerweise bietet sich ein standardisiertes, auf den Markt und dessen gesetzliche Bestimmungen lokalisiertes, teilfertiges Mastersystem an. Dieses sollte der Provider mithilfe spezifischer Parameter und des Anschlusses von Drittanbieter­lösungen speziell nach den individuellen Bankanforderungen finalisieren. Zudem sollte das Core-Banking-System durch ein breites Rechenzentrumsnetzwerk auch in andere Märkte skaliert werden können. Wichtig ist es außerdem, bei der Auswahl des richtigen Providers darauf zu achten, dass auch die regionale Infrastruktur überzeugt – sowohl in puncto Service als auch IT-Bereitstellung und Compliance. Deswegen sollte der Anbieter entweder eigene ­Rechenzentren nach gültigen Qualitätsstandards vorweisen können oder mit führenden Partnern in diesem Bereich zusammenar­beiten. Einige Anbieter von modernen cloudbasierten Kernbankensystemen liefern Prüfungsberichte nach deutschen Standards mit, die genau die durch MaRisk vorgegebenen Aspekte berücksichtigen. Auch für die Kollaboration mit FinTechs sind Kernbankenlösungen von Marktführern am besten ausgerüstet, weil sie die modernste Technologie vorweisen und durch ihre Marktpräsenz für FinTechs am lukrativsten sind.

Öffnung für Innovationen

Mit der passenden Kernbankenlösung ­können sich Finanzinstitute einige Vorteile sichern und sich im steigenden Wettbewerb durchsetzen. Sie können auf der einen Seite nicht nur ihre IT-Kosten senken, sondern auf der anderen Seite schneller neue Funktionen und Produkte designen und einführen. Im Kampf um Kundenbeziehungen und Marktanteile ist ein modernes Kernbankensystem letztendlich unabdingbar für den Geschäftserfolg.