Auf dem Prüfstand: SAP S/4HANA Banking for Complex Loans

Ein Artikel von Volker Behnke, Manager Consulting Services Innobis, Frauke Boller, Senior Consultant Consulting Services Innobis | 17.06.2020 - 10:21

Zunächst ist zu klären, was die Lösung, die seit Ende 2018 erhältlich ist, überhaupt kann: „SAP S/4HANA Banking for Complex Loans“ ist ein Standardprodukt im Bereich Core Banking der SAP SE. Die Software bietet die effiziente Bearbeitung von strukturierten Finanzierungen. Im Einzelnen ermöglicht sie die Verarbeitung und Überwachung von komplexen Finanzierungsstrukturen einschließlich der darin enthaltenen Syndizierungen, Stammdaten, Konditionen, Regeln (für Ziehungen, Zahlungssteuerung und Zahlungsketten), Covenants sowie die erforderlichen Geschäftsvorfälle (z. B. bei Rücktritten, Verzichten, Rückzahlungen, Prolongationen und Schuldnerwechseln).

Technisch gesehen fußt die Software als Add-on auf dem SAP Loans Management for Banking ERP, (ehemals SAP FS-CML) und nutzt die SAP S/4HANA-Technologie. Sie ergänzt das bisherige Leistungsportfolio um die Funktionalität der Konsortialabwicklung und bietet über den Finanzierungsarbeitsplatz den Zugriff auf alle erforderlichen Funktionen.

Neuer zentraler Baustein: Der Finanzierungsarbeitsplatz

Der Kern der SAP-Komponente ist der Finanzierungsarbeitsplatz (engl. Financing Workplace), der allen Personen von Belang einen gemeinsamen Einstieg zum Anlegen und Bearbeiten von Finanzierungen und Syndizierungen bereitstellt. Die so entstandenen Finanzierungselemente werden im Back-End als Verträge der Darlehensverwaltung oder andere Konten abgelegt. Im Detail: Der Finanzierungsarbeitsplatz ermöglicht es, alle Bestandteile der Finanzierung gemeinsam abzubilden und zu bearbeiten, quasi wie mit einer Excel-Tabelle, in der in jeder Zeile ein Darlehen gezeigt wird, sodass die Finanzierungsbestandteile übersichtlich dargestellt sind.

Mittels Regelwerken können Konditionen automatisch abgeleitet und ergänzt werden. Nach dem Sichern und gegebenenfalls einer Freigabe werden die erfassten Bestandteile als einzelne Verträge im SAP Loans Management angelegt. Die Bearbeitung von Geschäftsvorfällen – wie die weitere Syndizierung aus dem Eigenanteil oder aus einem Konsortialanteil heraus – erfolgt ebenfalls wieder über den Finanzierungsarbeitsplatz. Auch hier wird nach dem Sichern und einer eventuell erforderlichen Freigabe die Neuanlage eines weiteren Konsortialvertrags im SAP Loans Management automatisch durchgeführt – genauso wie auch die anschließende Kapitalumbuchung zwischen den Verträgen vollständig automatisch läuft.

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Autor Volker Behnke ist seit 1993 bei Innobis tätig. Zu seinen Aufgaben als Manager Consulting Services gehört es, für innobis alle fachlichen Entwicklungen im Darlehens- und Rechnungswesenbereich für Banken zu verfolgen. Sein Steckenpferd ist die Abbildung von komplexen Anforderungen in stabile IT-Anwendungen.

Weitere Neuerungen: modernes UX-Design, unterstütztes Handling und höhere Automatisierung

Zu den zusätzlichen Weiterentwicklungen dieser Software gehören eine angepasste User Experience sowie optimierte Workflows und ein erhöhter Automatisierungsgrad in der Bearbeitung. Gerade im Hinblick auf das bisherige SAP Loans Management for Banking sind die Veränderungen augenfällig:

Die Oberflächen basieren auf dem Designkonzept von SAP Fiori. Durch intuitive Masken und Erfassungshilfen ist eine leichte Dateneingabe möglich, die damit gleichzeitig Fehler reduziert. Die User Experience gewinnt zudem durch eine vertragsnahe Darstellung komplexer strukturierter und syndizierter, aber auch bilateraler Kredite über die Abbildung in einer dreistufigen Hierarchie (Finanzierung – Tranche – Ziehung). Der Nutzer kann sich anhand der wichtigsten Informationen in vergleichsweise kurzer Zeit eine gute Übersicht über die Finanzierung verschaffen.

Des Weiteren bekommt der Anwender Unterstützung durch Workflow- und Monitoringprozesse, die beispielsweise in Freigabeprozessen bei Änderungen am Kreditvertrag, bei Covenants-Prüfungen, beim Ablauf von Inanspruchnahmefristen oder der Fälligkeit von impliziten Optionen zum Einsatz kommen. Vorteilhaft in der Handhabung ist auch die Möglichkeit der Vererbung von Konditionen in Ziehungen und die Option, mit Kopien von strukturierten Finanzierungen verschiedene Vertragsänderungen zu simulieren.

In puncto Automatisierung lässt sich festhalten, dass die Kreditbearbeitung mit einer Vielzahl von bekannten oder zusätzlichen neuen Geschäftsvorfällen deutliche Unterstützung erfährt. Auch das Synchronisieren von der Aktiv- auf die Beteiligungsseite erleichtert dem Nutzer die Datenerfassung und das Durchführen von Geschäftsprozessen und bietet einen effizienten Prozess.

Hat die Software insgesamt überzeugt?

 „SAP S/4HANA Banking for Complex Loans“ ist eine durchdachte Lösung für strukturierte Finanzierungen mit hohem Einsparpotenzial in der laufenden Bearbeitung als auch im Rückbau der bisherigen IT-Eigenentwicklungen. Die Funktionalitäten und die neuen Oberflächen – d. h. die automatisierten Prozesse und die Benutzerfreundlichkeit des Add-ons – liefern einen hohen Mehrwert für die Bank. Die enge Zusammenarbeit mit dem Fachbereich lässt sich an der Oberfläche und den dort unterstützen Funktionalitäten zur Erfassung erkennen. Mit der Basis SAP Loans Management (ehemals SAP FS-CML) für Datenhaltung und Berechnungen wird zudem ein ausgereiftes Standardprodukt von SAP genutzt.

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Autor Frauke Boller ist seit 1999 als Senior Consultant im Bereich Consulting und Application Services bei Innobis tätig.  © Daniel Reinhardt

Und für wen lohnt sich die Einführung?

Für Neukunden (d. h. zum Beispiel Banken, die vorher kein SAP for Banking im Einsatz hatten) ist die Sache klar: Die komfortable und stabile Software bereichert und komplettiert die SAP-Systemlandschaft, sodass sie nur logischer und sinnvoller Part bei der Einführung/Umstellung von bzw. auf SAP S/4HANA-Systeme ist.

Bei Kunden, die bereits funktionierende Eigenentwicklungen für die Konsortialabwicklung oder Software von anderen Anbietern nutzen, ist die Entscheidung dagegen schwieriger. Banken müssen sich genau überlegen, ob sich der Aufwand einer kompletten und sofortigen Umstellung auf SAP S/4HANA oder die Einführung eines Parallelbetriebs mit einer hybriden Lösung lohnt. Letzteres zieht zum einen durch die aufwendige Erstellung komplexer Schnittstellen große Anstrengungen für die gesamte IT-Landschaft der Bank nach sich und zum anderen stellt sich die Herausforderung, diese Daten dann in die Analytics- und Meldewesenanwendungen zu integrieren. Zu einem späteren Zeitpunkt (beim Umstieg der SAP ERP-Installation auf SAP S/4HANA) wären beide Loans-Applikationen wieder zusammenzubringen. Das Verhältnis von Kosten- bzw. Aufwand und Nutzen scheint in diesem Fall fraglich.

Kurz zusammengefasst: In der Theorie zeigt sich die neue Lösung äußerst smart – sie besticht durch wesentliche technische Verbesserungen für eine effiziente Arbeitsweise im Fachbereich. Sie fordert allerdings den Umstieg auf SAP S/4HANA.