Digitaler Standard für die Schuldschein-Abwicklung

Ein Artikel von Markus Neukirch, Deutsche Wert­papierService ­Bank AG und Peter Tenbohlen, DZ BANK AG | 06.11.2019 - 11:20
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Durch die Nutzung der Blockchain-Technologie reduziert finledger die Schritte zur Abwicklung von Schuldscheindarlehen um mehr als 50 Prozent  ©denisismagilov - stock.adobe.com

Schuldscheine haben sich für institutionelle Investoren als attraktive Alternative zu Krediten und Anleihen etabliert. Der Markt für Corporate Schuldscheindarlehen (SSD) belief sich 2018 auf rund 25 Milliarden Euro. In den Vorjahren war das Gesamtvolumen sogar noch höher. Und der Erfolg dieses ­Finanzierungsinstruments hat Gründe: Schuldscheine sind schlank und flexibel. 

Form und Dokumentation können frei gestaltet werden, Ratings oder Informationsprospekte braucht es nicht – schließlich sind SSD keine Wertpapiere. Sie werden auch nicht (wie Anleihen) an der Börse gehandelt, wodurch ein Mindestemissionsvolumen entfällt. Und sie können blanko ausgestellt werden, also ohne den Nachweis von Sicherheiten, wie es bei Krediten der Fall ist.

SSD-Abwicklung auf Blockchain-Basis

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Um einen neuen Marktstandard für die SSD-Abwicklung zu setzen, arbeiten DekaBank, ­dwpbank, DZ BANK und Helaba in einem Konsortium zusammen  ©tampatra - stock.adobe.com

Die Vorteile liegen auf der Hand. Unter­nehmen, die ein Schuldscheindarlehen be­geben, können über mehrere Investoren kostengünstig und unbürokratisch neues Fremdkapital erschließen. Der Abwicklungsprozess nach der Emission eines Darlehens bietet allerdings noch viel Potenzial, um das Finanzierungsinstrument schneller und effizienter zu machen. Das ist auch der Grund, warum wir – DekaBank, dwpbank, DZ BANK und Helaba – uns Gedanken gemacht haben, wie sich die Abwicklung mithilfe der Digitalisierung verbessern lässt. Das Ergebnis ist finledger. So nennen wir die Plattform, die wir gemeinsam mit dem IT-Dienstleister adesso aufbauen, um das Settlement nach Platzierung und Handel von SSD vollständig zu digitalisieren. Mit finledger sind wir adaptiv zu anderen Schuldschein-Plattformen, die sich auf die Emission und den Vertrieb fokussieren. 

Zugrunde liegt der Plattform die Distri­buted Ledger Technologie (DLT). Die ­SSD-Abwicklung erfolgt dezentral via Blockchain. Damit ist finledger die erste Blockchain-basierte Plattform, über die Schuldscheindarlehen mithilfe eines digitalen Netzwerks ohne zentrale Steuereinheit sicher und transparent abgewickelt werden können – von der Datenerfassung bis zur Erstellung der Urkunden. Jeder der vier Projektpartner betreibt dafür einen Knoten (Node), also einen Punkt innerhalb des Netzwerks, der – vereinfacht gesprochen – Zugang zur Plattform ermöglicht und an dem Daten erstellt, übertragen oder empfangen werden. finledger wird dabei in die bestehende Anwendungslandschaft der ­jeweiligen Bank integriert. Die Deutsche WertpapierService Bank, kurz dwpbank, koordiniert die Partner und stellt weitere Services wie Kunden-Hotline und Ticketing für sie bereit.

Vollständige Digitalisierung ohne Medienbrüche

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Markus Neukirch

War es bislang nötig, die Geschäftsbestätigung manuell und via Fax zu bearbeiten, erfolgt dieser Schritt mit finledger digital über die Eingabe in ein Nutzer-Frontend. Auch die anschließende Bestätigung des Zahlungseingangs und die Erstellung der Urkunde werden mithilfe der Blockchain digital, wo es aktuell noch eine Urkunde aus Papier und den Versand via Einschreiben oder Boten braucht. Diese Medien­brüche werden durch die Bündelung der Prozessschritte auf einer digitalen Plattform vermieden. Jede Urkunde erhält eine elek­tronische Signatur, die jederzeit eine ­Echtheitsprüfung erlaubt. Die Abwicklung über die Blockchain macht die Transaktion ­zudem fälschungssicher.

Betrachtet man den Abwicklungszyklus von der Darlehensausgabe bis zur Urkundenerstellung, müssen Emittenten und Investoren derzeit rund zwei Wochen warten, bis der Prozess vollzogen ist. Mit finledger reduziert sich die Bearbeitungszeit auf rund 30 Minuten, die Abwicklung nach Zahlungseingang erfolgt innerhalb von rund 10 Minuten. Ist eine Urkunde erstellt, ist sie sofort für alle Beteiligten einsehbar und kann auch im Falle eines Rückkaufs digital ungültig gemacht werden. Ein immenser Effizienzgewinn für das Backoffice.

Eine erste SSD-Abwicklung ist bereits im Mai dieses Jahres erfolgt. Zwischen DekaBank als Darlehensnehmer und DZ Bank sowie Helaba als Darlehensgeber wurde eine unkündbare Eigenemission mit fixem Zinssatz gehandelt. Die erfolgreiche Abwicklung dieses Produkts hat gezeigt, dass die Blockchain tragfähig für eine Anwendung im Bankgeschäft ist, mit der auch sämtliche regulatorischen und aufsichtsrechtlichen Regelungen eingehalten werden. Derzeit arbeiten wir daran, die Plattform um die Komponenten Kündigung, Abtretbarkeit und variable Verzinsung zu erweitern. In den kommenden Monaten soll dieser Prozess abgeschlossen sein. Wir planen, die Plattform ab 2020 auch für weitere Teilnehmer zu öffnen und damit einen neuen Marktstandard zu schaffen. Das technische Onboarding von Darlehensgebern und -nehmern übernimmt die dwpbank.

finledger offen für weitere Partner

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Peter Tenbohlen

Bei der Öffnung von finledger für Emittenten und Investoren wollen wir aber nicht stehenbleiben. Die Stärke der Netzwerkökonomie liegt ja gerade im Zusammenspiel mehrerer Partner. Deshalb möchten wir es auch weiteren Instituten ermöglichen, sich dem Konsortium von finledger anzuschließen. Kooperation im Bereich von DLT-Technologie sorgt nicht nur für die Intensivierung von Forschung und Entwicklung in einem Zukunftsfeld, sondern auch für stetigen Know-how-Transfer und die Modernisierung des eigenen Leistungsportfolios, an dem Banken und Finanzdienstleister von ihren Kunden künftig verstärkt gemessen werden.

Vorteile auf einen Blick:

• Vollständige Digitalisierung der SSD-Abwicklung

• Entfall von physischer Urkundenverwahrung und Wertsendungen

• Reduzierung der Abwicklungsschritte um mehr als 50 Prozent

• Ausführung einzelner Prozessschritte innerhalb von Sekunden

• Verminderung von Prozessrisiken und -kosten

• Nutzung eines neuen Marktstandards