So kann das Gendern nachhaltig eingeführt werden

Ein Artikel von Dr. Anikar Haseloff, Oliver Haug, Geschäftsführer Communication Lab | 20.05.2022 - 10:16

Gendersensible Sprache benötigt ein durchdachtes System und klare Regeln, damit die Kommunikation funktioniert, effizient erstellt und anschließend überall konsistent verwendet wird. Dazu gehören unter anderem die Überarbeitung der Bestandskommunikation mit einem validen Regelwerk, technische Unterstützung bei der Erstellung neuer oder individueller Kommunikation (z.B. Briefe oder E-Mails), sowie eine Sensibilisierung und Schulung der Mitarbeitenden.

Kommunikation ist nicht immer einfach. Sie muss komplizierte Zusammenhänge, eine oft veraltete Sprachkultur und juristische Fachausdrücke rechtssicher so unter einen Hut bringen, dass Briefe oder E-Mails von den Empfänger*innen auch verstanden werden. Ist das nicht der Fall, entsteht Unsicherheit und es kommt zu Rückfragen, die mit Mehrarbeit verbunden sind. E-Mails müssen beantwortet, Anrufe entgegengenommen werden. Darum ist Verständlichkeit eine notwendige Grundlage für funktionierende Verwaltungs-Kommunikation.

Doch das Vermeiden von Fremdwörtern oder das Erklären komplizierter Sachverhalte in einer für den Laien verständlichen Sprache ist noch nicht alles. Denn zunehmend gerät die Art und Weise der Kommunikation ins Blickfeld: Ist sie wertschätzend und auf Augenhöhe? Ist die Sprache modern oder bürokratisch? Und wie erfolgt die Ansprache? Ein Thema brennt dabei vielen Versicherungsunternehmen auf den Nägeln: die korrekte Umsetzung einer gendersensiblen Sprache. 

Bereits seit dem 1. Januar 2019 gibt es, durch das Bundesverfassungsgericht beschlossen, neben „weiblich“ und „männlich“ einen dritten Geschlechtseintrag. Da Sprache unser Denken und Handeln formt, soll eine geschlechterneutrale Sprache zu Gleichstellung und Chancengleichheit beitragen und durch Sichtbarmachung und Inklusion Benachteiligung und Diskriminierung ausgeschlossen werden. Dabei geht es nicht nur um Mann und Frau, sondern auch um nicht-binäre Menschen und damit alle Geschlechter. Die Nennung einer weiblichen und männlichen Form reicht demnach nicht aus, da sie die Lebensrealität von Menschen außerhalb des binären Geschlechtssystems nicht abbildet. 

Warum gendersensible Sprache wichtig ist

crossdressing-6184282_1920.jpg

© crossdresser @Pixabay

Viele Verwaltungen, Versicherungen und Unternehmen haben die Zeichen der Zeit erkannt und sprechen nun Empfehlungen für das Gendern aus. Zum einen ist es eine Frage des Respekts und der Repräsentation: Unternehmen können es sich nicht leisten, in ihrer Kommunikation die Hälfte der potenziellen Kunden auszuschließen, wenn sie nur die maskuline Ansprache wählen. Zum anderen wandeln sich Zeitgeist und Mindset und mit ihnen die Sprache, die gesellschaftliche Verantwortung und Veränderung abbildet.

Gerade die jüngere Generation hat eine geschärfte Wahrnehmung von Sprachrepräsentation. Ohne Gendern fühlt sie sich nicht angesprochen. Es geht also um mehr, als einen inklusiven Gedanken zu zeigen und sich klar zu positionieren: Eine zielgruppengerechte Ansprache erhöht den Erfolg von Kommunikation. Versicherungsunternehmen zeigen mit der zeitgemäßen Kommunikation darüber hinaus gesellschaftliches Commitment und unterstreichen ihre Werte. Sie können sich als fortschrittlich positionieren und ein Statement für Gleichberechtigung setzen. 

Es zeichnet sich bereits ab, dass der wahrgenommene Widerstand gegen das Gendern nicht von Dauer sein wird. Denn Lesegewohnheiten ändern sich: Wo früher Anglizismen kritisch gesehen wurden, sind sie heute Teil der Sprache und nicht mehr wegzudenken. Man hat sich daran gewöhnt und man versteht sie. Stellt sich diese Gewöhnung ein, wird man auch über gegenderte Formen nicht mehr stolpern. Was anfangs komplex und kompliziert erscheint, reduziert und konsolidiert sich – das ist bereits an einzelnen Wörtern zu beobachten. So stört sich heute kaum noch jemand an „Studierenden“, der gegenderten Form von „Studenten“. Zudem muss Gendern in der Praxis nicht dogmatisch erfolgen – es gibt ein breites sprachliches Repertoire, um gendersensible Formulierungen umzusetzen, ohne den Sprachfluss oder den Sinn zu stören. 

So gelingt das Gendern in der Praxis

Trotzdem muss man sich klar sein: Eine gendersensible Sprache umzusetzen ist kein Kinderspiel. So gibt es über 44.000 Begriffe, die angepasst werden müssen. Die Varianten hängen oft stark vom Kontext ab und die Anzahl der Synonyme kann überwältigen. Gendern greift tief in die Sprache ein und diese vielen Fälle und Ausnahmen brauchen klare Regeln, auch, um nicht ins Komische umzuschlagen und um sprachlichen Wildwuchs einzugrenzen. 

Nun reicht es nicht, männliche und weibliche Form auszuschreiben, wie bei „Mitarbeiter“ und „Mitarbeiterin“. Durch Kurzformen kann ein drittes Geschlecht inkludiert werden – mit einem Doppelpunkt, dem Gendergap oder dem Genderstern. Binnen-I und Schrägstrich zielen dagegen eher auf zwei Geschlechter ab. Eine weitere Technik ist das sogenannte Individualisieren, also die direkte Anrede, da darüber die Geschlechts- und Genderidentität meist automatisch berücksichtigt wird. Möglich ist auch, ein geschlechterneutrales Substantiv zu wählen, etwa Fachkraft statt Experte oder Personal statt Arbeitnehmer. Auch der Plural kann helfen, geschlechtsspezifische Begriffe zu vermeiden, etwa die Interessierten statt ein Interessierter. Und nicht zuletzt kann eine an eine Partizipialkonstruktion angelehnte Form helfen – Studierende statt Studenten. 

Auch die Aussprache ändert sich mit dem Glottis-Schlag: Dieses kurze, sprachliche Innehalten ist keine Erfindung der Gendersprache, man kennt es im Deutschen zum Beispiel von Worten wie Spiegelei, das „Spiegel-ei“ gesprochen wird. 

Wenn die Entscheidung gefallen ist, dass gegendert werden soll, dann sollte das Wie, die Umsetzung, durchdacht und geplant erfolgen. Es muss anhand klarer Entscheidungen und noch klarerer Regeln eingeführt und umgesetzt werden. Denn ein bisschen Gendern funktioniert nicht. Damit es nicht zu Widersprüchen kommt, braucht man klar definierte Konzepte und ein durchdachtes Vorgehen. So lässt sich dann auch die Verständlichkeit und ein moderner Sprachstil gewährleisten.

Versicherungsunternehmen benötigen ein belastbares Regelwerk, das alles umfasst und auch für Sonderfälle Lösungen anbietet. Sie bieten einen Leitfaden, wie, wann und in welcher Form man gendert. Es gibt viele Möglichkeiten, die am besten gemeinsam ausgelotet werden. Denn es geht nicht darum, ein fertiges Konzept überzustülpen, sondern die beste Sprachregelung zusammen zu entwickeln und dabei Ansprüche und Anforderungen an die Kommunikation zu berücksichtigen. Wichtig ist dabei, dass das Regelwerk flexibel bleibt, denn auch Sprache kennt Moden und Trends und entwickelt sich dynamisch. Deswegen ist auch eine Art globales Regelwerk nicht sinnvoll, Unternehmen, Versicherungen und Verwaltungen benötigen den Freiraum für individuelle Gestaltung und Entscheidungen beim Wording. Zudem können lokale und regionale Sprachgewohnheiten das Gendern beeinflussen.  

Am leichtesten gelingt die Einführung des Genderns, wenn zusätzlich zu einem Konzept als verlässlichem Regelwerk eine Software in der Praxis und Anwendung unterstützt. So kann beispielsweise der Gender*Profi, ein Ad-On für Microsoft Office, alle Wörter, die gegendert werden sollen, prüfen und für über 44.000 Begriffe die korrekten Schreibweisen im Text ersetzen. Damit wird das Gendern vereinfacht – und auch die Überzeugungsarbeit fällt leichter. Denn viele Mitarbeitende stehen dem Gendern skeptisch gegenüber, verstehen den Sinn dahinter nicht oder scheuen die Mehrarbeit oder Umstellung der Sprache. Oder haben eigene Vorstellungen davon, wie man am besten gendert. Es ist deswegen wichtig, dass für das Gendern einheitliche Regelungen geschaffen und Mitarbeitende sensibilisiert und in der Umsetzung geschult werden. So können die Hürden in der Praxis überwunden werden - mit dem Ziel, dass die Genderprüfung in Zukunft so selbstverständlich wird wie die Rechtschreibprüfung. 

Gendern weist in die Zukunft, immer mehr Menschen wünschen sich eine passgenaue Ansprache. Deswegen ist jetzt der ideale Zeitpunkt, mit der sensiblen Kommunikation zu beginnen. 

 

Fazit

Sprache ist dynamisch und bildet Strömungen und Veränderungen der Gesellschaft ab. Versicherungsunternehmen sollten sich deswegen dem Gendern öffnen und eine inklusive und sensible Kommunikation nach außen einführen. Damit können sie nicht nur eine Kommunikation auf Augenhöhe gewährleisten, sondern erhöhen mit einer zielgruppengerechten Ansprache auch deren Erfolg. Wichtig ist, nicht einfach zu starten, sondern das Gendern durchdacht mit Konzept und idealerweise mit einer Software einzuführen, die die Anwendung in der Praxis erleichtert.