Die Instant Payments-Initiative der EU

Ein Artikel von Bernd Richter ist Digitalexperte beim Finanztechnologiespezialisten FIS | 29.11.2022 - 07:31

Zehn Sekunden anstatt mehrerer Stunden oder sogar Tage und das rund um die Uhr. Möglich sind solche Echtzeitüberweisungen dank des SEPA Instant Credit Transfer-Verfahrens (SCT-Inst) schon seit 2017 – nur mit der Nutzung hapert es. Gerade einmal jede neunte Überweisung wird hierzulande auf diese Weise getätigt.

Der Grund: Die Geldinstitute verlangen dafür einen Aufpreis im Vergleich zur herkömmlichen SEPA-Überweisung. Manchmal sind es nur wenige Cents, manchmal aber auch mehrere Euro. Das schreckt viele Interessenten ab, vor allem aber die Verbraucher. Auch bietet jede dritte Bank oder Sparkasse in der EU diesen Service noch gar nicht an oder hat die technischen Voraussetzungen dafür noch nicht geschaffen.

Eine neue Gesetzesinitiative der EU-Kommission will genau das ändern und Druck machen. Alle  Bürgern sowie Unternehmen in der Euro-Zone sollen in Zukunft die Option erhalten, eine solche Echtzeitüberweisung, bei der die Empfänger innerhalb weniger Sekunden den überwiesenen Betrag ihrem Konto gutgeschrieben bekommen, zu tätigen. Und ausnahmslos alle Geldinstitute werden verpflichtet, mitzumachen und entsprechende Angebote bereitzustellen. Das eigentlich Revolutionäre an dem Vorstoß der EU-Kommision aber ist die Tatsache, dass solche Instant Payments nicht mehr mit zusätzlichen Kosten verbunden sein sollen, also nicht teurer sein dürfen als eine ganz normale SEPA-Überweisung. So erhofft man sich einen Booster für ihre Akzeptanz und Nutzung.

Win-Win-Situation für alle Beteiligten

Die EU-Kommission begründet diesen Vorstoß mit dem Verweis auf die Vorteile für alle Beteiligten, zumal Wettbewerb und Effizienz im Zahlungsverkehr innerhalb der EU so verbessert werden sollen. Für die Verbraucher haben Echtzeitüberweisungen jedenfalls einen klaren Mehrwert. Wenn ein Online-Shop unmittelbar nach der Bestellung erkennt, dass die Rechnung beglichen wurde, kann der Versand rascher in die Wege geleitet werden, was vor allem dem Wunsch der Kunden nach einer möglichst schnellen Lieferung entgegenkommt. Dabei sind Zahlungen in Echtzeit für viele Nutzer eigentlich nichts wirklich Neues, sondern dank Paypal & Co. längst Alltag.

Unternehmen, vor allem KMU, dagegen profitieren von einem verbesserten Cashflow. So stehen ihnen derzeit laut Schätzungen der EU-Kommission jeden Tag rund 200 Milliarden Euro nicht zur Verfügung, weil sich genau dieser Betrag gerade im Überweisungsmodus befinden, also praktisch „auf Eis gelegt“ ist.  Haben Online-Shops oder stationäre Händler aber Zahlungen innerhalb von Sekunden als Eingang auf ihrem Konto verbucht, lassen sich laut Schätzungen der EU Effizienzgewinne in Höhe von 1,34 bis 1,84 Milliarden Euro im Jahr realisieren, die sich aus der Verringerung des Zahlungsflusses ergeben.

Oder anders formuliert: Wer seine Rechnungen in Echtzeit bezahlt bekommt, hat einfach mehr Geld zur Verfügung, das entweder für Neuinvestitionen verwendet werden kann oder die Beschaffung neuer Waren. Doch nicht nur im elektronischen Handel oder am Point-of-Sale sorgen Instant Payments für mehr Tempo. Auch der Fiskus kann Steuereinnahmen schneller verbuchen und wer beispielsweise seiner Versicherung einen Schaden meldet, kommt rascher an sein Geld – Echtzeitüberweisungen dürften in vielen Bereichen für die Endnutzer – egal ob Verbraucher, öffentliche Verwaltung oder Unternehmen – zum Game Changer werden.

Warum führen Instant Payments in Deutschland noch ein Nischendasein?

Die Zusatzkosten gelten als größtes Hindernis auf dem Weg zur flächendeckenden Nutzung von Instant Payments in Deutschland. Am Angebot dürfte es weniger liegen. Denn laut European Payments Council (EPC) stellen hierzulande etwa 1200 Banken und Sparkassen diese Option bereits zur Verfügung, also so gut wie alle am Markt aktiven Geldinstitute. Doch vor- und nachgelagerte Systeme, die die Empfänger von Überweisungen in Echtzeit über den Eingang auf ihren Konten informieren, stehen bis dato nicht in ausreichendem Maße zur Verfügung – viele Unternehmen müssen entsprechende Prozesse erst noch implementieren, scheuen jedoch die Kosten und Mühen.

Ebenso müssen die Buchungssysteme der Banken weiter an die sekundenschnelle Überweisung angepasst werden, was gleichfalls mit Investitionen in eine leistungsfähige Systemarchitektur verbunden ist. Als ein weiterer Grund für die stockende Entwicklung wird immer wieder die Betragsobergrenze von 100.000 Euro angeführt, die maximal bei einer Echtzeitüberweisung möglich ist und vor allem im B2B-Zahlungsverkehr als hinderlich gilt. Und es muss Vertrauen aufgebaut werden. Denn hinsichtlich des Betrugs- und Fehlerrisikos bei dieser neuen Zahlungsart existieren noch Bedenken.

Deshalb sieht die Initiative der EU-Kommission vor, dass Banken und Sparkassen bei Instant Payments überprüfen, ob die Angaben des Auftraggebers auch zu der Kontonummer (IBAN) und dem Namen des Empfängers passen. Ferner soll der Initiator einer Überweisung gegebenenfalls vor der Ausführung der Zahlung auf mögliche Unstimmigkeiten oder einen Betrugsversuch aufmerksam gemacht werden. Und alle Kunden müssen täglich mindestens einmal mit den EU-Sanktionslisten abgeglichen werden, wodurch die alte Regel, pro Sofortzahlung eine solche durchzuführen, entfällt.

Mehr Echtzeitwirtschaft wagen

Bernd Richter.jpeg

Autor: Bernd Richter ist Digitalexperte beim Finanztechnologiespezialisten FIS. Er beschäftigt sich intensiv mit Trends und Entwicklungen im Zahlungsverkehr.

Wie Instant Payments anderswo bereits funktioniert, zeigt das Beispiel der Niederlande. Dort gehören Echtzeitüberweisungen längst zum Alltag, weil man 2019 ein nationales Instant Payments-Regime eingeführt hatte und den 100.000-Euro Deckel abschaffte.

Bei unseren Nachbarn dauert es im Durchschnitt nur noch fünf Sekunden, bis eine Zahlung auf ein Konto eingegangen und für den Empfänger verfügbar ist, und das 365 Tage im Jahr. Und was in den Niederlanden schon möglich ist, soll bald EU-weit Standard sein. Wird die Gesetzesinitiative Realität, sollen alle Geldinstitute mit Sitz im Euro-Raum dazu verpflichtet werden, sechs Monate nach Inkrafttreten der neuen Regeln solche Euro-Sofortzahlungen zu empfangen. Dann haben sie noch einmal sechs Monate Zeit, selbst entsprechende Transferservices aufzubauen und anzubieten.

Banken und Sparkassen außerhalb der EU erhalten eine zusätzliche Übergangsfrist von zwei Jahren. Was die EU-Kommission nicht einschränken will, sind dagegen die Möglichkeiten der Zahlungsdienstleister, die Kosten für den Aufbau einer neuen Systemarchitektur durch andere Einnahmequellen, beispielsweise der Erhöhung der Kontogebühren, wieder auszugleichen. In diesem Fall setzt man in Brüssel ganz auf den Markt und hofft, dass der Wettbewerbsdruck und die Kontrolle durch Verbraucherorganisationen alle Preissprünge deckeln werden.