Deutsche Banken erholen sich beim Firmenkundengeschäft

Ein Artikel von red | 29.06.2022 - 13:00
entrepreneur-2904772_960_720.jpg

© Gerd Altmann @Pixabay

Noch sei es zu früh, von einer Trendwende zu sprechen, warnt allerdings die Unternehmensberatung. „Derzeit ist nicht absehbar, inwieweit der Ukraine-Krieg mit seinen Folgen für Lieferketten, Preise und Konjunktur in den kommenden Monaten das Firmenkundengeschäft belasten wird“, erklärt Bain-Partner Dr. Christian Graf fest.

Verbesserte Kreditmarge

Die Banken hätten 2021 auch erheblich von den günstigen Refinanzierungsoptionen der Europäischen Zentralbank und staatlichen Corona-Hilfen für die Wirtschaft profitiert, so Graf. Diese laufen nun nach und aus. Durch die Stützungsmaßnahmen verbesserte sich die Kreditmarge im 2. Halbjahr 2021 auf 1,8 Prozent – drei Jahre zuvor hatte sie bei 1,1 Prozent gelegen.

Das Kreditvolumen ist bis Ende 2021 auf den neuen Rekordwert von über 1,3 Billionen Euro gestiegen. Dabei haben die Sparkassen ihren Marktanteil weiter ausgebaut, dieser nähert sich jenem der Privatbanken immer mehr an. Über Kooperationen realisieren sie zunehmend Finanzierungen bei größeren Mittelständlern. Dieses Marktsegment entdecken auch ausländische Institute vermehrt für sich und die Landesbanken beginnen nach ihrer Restrukturierung wieder anzugreifen.

„Die Wettbewerbsintensität im Corporate-Banking bleibt hoch. Dies zwingt jeden Marktteilnehmer, sich in ausgewählten Branchen oder Kundengruppen oder auch bei Produkten von der Konkurrenz abzuheben und parallel das Provisionsgeschäft zu forcieren.“

Stefanie Jacobsen, Bain-Partnerin und Bankenexpertin
bain_corporate-banking-index-fy-2021.png

© Bain & Company

Abhängigkeit vom Kreditgeschäft

Die Banken arbeiten zwar daran, ihre Abhängigkeit von zinsbasierten Geschäftsfeldern zu reduzieren. Der Erfolg hält sich aber in Grenzen. Der Anteil des Zinsüberschusses an den Erträgen belief sich im 2. Halbjahr 2021 auf 69 Prozent. Das sind zwar 7 Prozentpunkte weniger als vor gut zehn Jahren, ist aber immer noch deutlich mehr als in ausländischen Märkten üblich.

Jacobsen sieht die Branche trotzdem auf dem richtigen Weg: „Der Ausbau des Transaction-Bankings und ein forciertes Cross-Selling beispielsweise von Kapitalmarktprodukten tragen erste Früchte, die Provisionsüberschüsse steigen. Höhere Gewinne schaffen zudem mehr Spielraum, um verstärkt in digitale Plattformen und Services investieren zu können.“

Nach jahrelangem Anstieg ist es den Banken indes gelungen, ihren Verwaltungsaufwand 2021 zumindest zu stabilisieren. Wesentlich für die höhere Profitabilität im vergangenen Jahr war aber ein anderer Aspekt: Die Kreditrisikovorsorge hat sich nach dem pandemiebedingten Anstieg 2020 vor allem aufgrund der positiven Wirkung staatlicher Stützungsmaßnahmen normalisiert. Dies führte in Verbindung mit den höheren Erträgen zu einem deutlichen Anstieg der Eigenkapitalrendite im Firmenkundengeschäft auf 7 Prozent.

Dekarbonisierung als Chance

Banken sollten laut Bain zukunftsträchtige Geschäftsfelder weiter ausbauen, an ihrer Kostendisziplin festhalten und die Kapitalumlaufgeschwindigkeit beispielsweise durch eine vermehrte Syndizierung und Verbriefung von Krediten erhöhen. Neue Ertragschancen ergäben sich insbesondere durch die zügige Erweiterung des Leistungsspektrums rund um ESG-konforme Produkte und Services.

„Gerade der Mittelstand ist auf die Banken als Finanzierungspartner angewiesen, um die Mammutaufgabe Dekarbonisierung zu bewältigen. Je früher die Institute hier Kompetenzen aufbauen, desto größer sind ihre Erfolgsaussichten“, betont Bain-Partner Graf. Die Zeit dränge, da sich der Handlungsdruck aufgrund des Anstiegs der Preise für fossile Energien nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine erhöht habe.

Eine beschleunigte Dekarbonisierung dürfte dazu beitragen, dass sich der Trend in Richtung stabiler bis steigender Kreditvolumina in den kommenden Jahren fortsetzt. Da die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf einzelne Branchen unterschiedlich sind, werden die Banken ihr Engagement dabei bewusster als bisher auf Sektoren beschränken, die wie erneuerbare Energien, Konsumgüter und Pharma weniger risikobehaftet sind, prognostiziert Bain.