Zombie-Unternehmen: Gefahr für Banken

Ein Artikel von red | 29.06.2021 - 10:07
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© Comfreak @Pixabay

Mit steigenden Impfquoten und sinkenden Inzidenzen geht die Hoffnung einher, wir könnten bald in die Normalität vor Corona zurückkehren. Der Pandemie-Schaden scheint sich unter anderem durch massive staatliche Unterstützung schließlich in Grenzen zu halten, immerhin ist die Anzahl an Firmenpleiten vor allem bei kleineren Unternehmen auf dem niedrigsten Stand seit der Einführung der Insolvenzordnung im Jahr 1999. In einer Umfrage äußerten Finanz-Experten jedoch ihre Sorge hinsichtlich untoter „Zombie”-Unternehmen, die durch Kredite und staatliche Hilfestellungen künstlich am Leben gehalten wurden. Sie sehen sie sogar als ernstzunehmende Gefahr für die deutsche Wirtschaft. 

Seit Anfang Mai 2021 müssen überschuldete Firmen die Insolvenzantragspflicht wieder einhalten. Und wenngleich sich die News-Meldung von 20.000 Insolvenzantragsfällen in der ersten Maiwoche als Fehlinterpretationen der Daten herausstellte, so schweben die Probleme der Corona-bedingten Verschuldung doch über der deutschen Wirtschaft wie ein Damoklesschwert. Denn die derzeit mit größte Herausforderung der deutschen Wirtschaft und Industrie heißt digitale Transformation und wie schnell dieser grundlegende Wandel gestemmt werden kann, hängt von Investitionen auf Unternehmensseiten ab.

Diese wurden in den letzten Monaten allerdings häufig ausgesetzt oder nicht in der Höhe getätigt, die für ein Überleben im globalen, kompetitiven Umfeld nötig wären. Die befragten Finanz-Experten des 18., in Kooperation von Finance mit Struktur Management Partner entstandenen Restrukturierungsbarometers zeichnen ein klares Bild: 81 Prozent der Befragten fürchten, dass die mittels staatlicher Corona-Hilfsmaßnahmen künstlich am Leben gehaltenen Firmen die dringend notwendigen Strukturveränderungen verzögern oder Probleme bei der Schuldentilgung hervorrufen könnten. Damit rückt die digitale Transformation für Deutschland in noch weitere Ferne als ohnehin schon. 

Für das Restrukturierungsbarometer werden regelmäßig Professionals aus dem Intensive-Care-Bereich von Finanzierern und Kreditversicherern befragt. Nur 17 Prozent von ihnen gehen davon aus, dass es zu keiner massiven, Corona-bedingten Insolvenzwelle kommen wird, für die anderen ist es lediglich eine Frage der Zeit. Eine Mehrheit (58 Prozent) prophezeit, dass Deutschland im Herbst ein großes Firmensterben bevorsteht, wenn die Kredite zurückzuzahlen sind und die Zinsen anziehen. Nur vier Prozent rechnen damit schon im laufenden Quartal. Fest steht: Aktuell liegt die Anzahl der Restrukturierungsfälle deutlich unter dem sonst üblichen Schnitt und der Blick in die nahe Zukunft ist eher verhalten, was das Aufkommen einer Restrukturierungswelle betrifft. 

Was kommt noch auf uns zu?

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Georgiy Michailov von Struktur Management Partner.

Die unsicheren Aussichten aus dem vergangenen Herbst haben sich zum jetzigen Zeitpunkt in deutlich pessimistische Erwartungen manifestiert. „Es bleiben viele Probleme ungelöst“, kommentiert Georgiy Michailov von Struktur Management Partner, „besonders die Corona bedingte Verschuldung sowie aktuelle Inflationsentwicklungen bzw. Engpässe auf den Rohstoff- bzw. Logistikmärkten. Auch die zurzeit noch “unsichtbare” Verschuldung wie gestundete Sozialversicherungsbeiträge, Umsatzsteuer, Mieten oder auch Lieferantenverbindlichkeiten werden in den nächsten Monaten fällig und können die Liquiditätssituation deutlich beeinträchtigen. Jetzt beginnende Tilgungen bei KfW- oder LfA-Krediten werden zusätzliche Belastungen darstellen. Auf der anderen Seite gehen die meisten Volkswirte von einem neuen, starken konjunkturellen Aufschwung aus. Dieser spült dann zwar neue Aufträge in die Unternehmen, erfordert zunächst jedoch eine Anfinanzierung des Wachstums.“ 

Das anfänglich angepriesene und vom Gesetzgeber schnell auf den Weg gebrachte präventive Sanierungsverfahren ist für gerade mal acht Prozent der Experten ein echter „Game Changer”. Zwar erachten es 20 Prozent als hilfreich, doch knapp ein Viertel der Befragten (23 Prozent) schätzt die Regelung ohne die Möglichkeit zur Vertragsbeendigung als unwirksam ein. Die gestiegene, hohe Verschuldung der Unternehmen wird, so die Mehrheit der befragten Workout-Finanziers, die Spielräume für die Zukunftssicherung ihrer Portfoliounternehmen beeinträchtigen.

„Gerade die Branchen Textil und Bekleidung sowie Handel und E-Commerce wurden vom vergangenen Lockdown hart getroffen und sind in den letzten Wochen spürbar in die Knie gegangen, wie auch das Restrukturierungsbarometer zeigt“, bemerkt Georgiy Michailov, die Zahlen des HDE unterstützen dies: Der Handelsverband schätzt, dass in Deutschland etwa 120.000 von insgesamt 450.000 Einzelhandelsgeschäften aufgrund der Pandemie finanziell ausgeblutet sind und kurz vor der Schließung stehen.

„Aber auch die Segmente Fahrzeugbau und -zubehör sowie Anlagen- und Maschinenbau als Schlüsselbranchen der deutschen Wirtschaft stehen noch immer auf der roten Liste der Restrukturierungsabteilungen – und das liegt nicht an der aktuell problematischen Chip-Versorgung aus China, sondern an dem steigenden Digitalisierungsdruck dieser Bereiche der Wirtschaft.“ So ist es nicht verwunderlich, dass die Top exogenen Bedrohungen laut Expertenmeinung die krisenbedingte Verschuldung (86 Prozent) und die Digitalisierung (75 Prozent) stellen, während Herausforderungen wie der Brexit (29 Prozent) oder die Wachstumsschwäche der Eurozone (58 Prozent) im Vergleich zur letzten Befragung an Bedeutung verloren haben. 

Noch ist nicht aller Tage Abend

Die Bundesregierung hat auf die erschreckenden Zahlen reagiert und die Überbrückungshilfen bis Ende September 2021 nicht nur verlängert, sondern auch die maximale Grenze von 12 Millionen Euro auf 52 Millionen Euro erhöht. Das umfasst auch eine Personalkostenhilfe, die sogenannte „Restart-Prämie“. Nicht alle Zombie-Unternehmen werden es mit ihrer Hilfe zurück aus dem Reich der Untoten schaffen und dann dauerhaft bestehen können. Dennoch gibt es sanfte Lichtblicke zu verzeichnen: Erstmals seit dem Frühjahr 2019 wurden wieder mehr Restrukturierungsfälle aus der „Intensivstation“ entlassen, das gaben 28 Prozent der Umfragenteilnehmer an. Und auch das Lager der Experten, die einen Anstieg der Insolvenzzahlen bei den von ihnen betreuten Krisenfällen verzeichnen, hat um drei Prozentpunkte auf 11 Prozent abgenommen.