Warum das europäische Payment-Ökosystem in Aufruhr ist

Ein Artikel von Sebastian Vetter, Head of North, East & Central EU von Mangopay | 11.06.2021 - 08:58
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Sebastian Vetter, Head of North, East & Central EU von Mangopay, Anbieter für End-to-End-Zahlungslösungen für Marktplätze

Immer öfter greifen Verbraucher heutzutage zu Karte oder Smartphone, wenn sie an der Supermarktkasse ihren Einkauf abschließen. Verschiedene Analysen zeigen die neuen Gewohnheiten in beeindruckenden Zahlen auf: In Deutschland hat sich beispielsweise der Anteil der kontaktlosen Visa-Transaktionen im Vergleich zum Vorjahr um fast 40 Prozent erhöht. Der Umsatz im E-Commerce steigt laut Statista in diesem Jahr voraussichtlich um 9,5 Prozent auf etwa 412.095 Millionen Euro. Und die Marktplätze sind gemäß dem “2021 Enterprise Marketplace Index” des Mangopay-Partners Mirakl im vierten Quartal 2020 im Jahresvergleich sogar um 81 Prozent gewachsen. Hier zeichnet sich eine echte Revolution ab – sowohl Business-seitig als auch technologisch. Online-Transaktionen boomen, Mobile Payment wird zum Standard und kontaktloses, sofortiges oder aufgeteiltes Bezahlen sind inzwischen Optionen, die Kunden von Unternehmen selbstverständlich erwarten.

Das Payment-Ökosystem im Wandel

Mit der Einführung der Richtlinie PSD1 eröffnete sich der europäische Zahlungsmarkt seinerzeit für eine Vielzahl innovativer Akteure, die die historischen Player im Bankensektor von Anfang an in ihrer Machtposition bedrohten und bis heute destabilisieren. Plötzlich entstanden quasi über Nacht unzählige Fintechs und Neo-Banken als Konkurrenz zu den alteingesessenen Finanzdienstleistern. Laut Deloitte erhielten Fintech-Start-ups im Jahr 2012 Investitionen in Höhe von etwa 3,7 Milliarden US-Dollar. Das ist ein beeindruckender Wert, der allerdings gegenüber den 69,2 Milliarden in 2019 winzig erscheint. Das Payment-Ökosystem teilte sich zunächst aufgrund der Wettbewerbssituation und der bewusst gewollten Abgrenzung zwischen den klassischen Banken und innovativen Anbietern strikt in zwei Lager.

Doch inzwischen ist die Landschaft komplexer geworden und der Markt gelangt immer stärker in die Konsolidierungsphase. Wer sich gestern noch als Konkurrenz gegenüberstand, arbeitet morgen partnerschaftlich im Sinne des Kunden und des gemeinsamen Erfolgs Seite an Seite. Im vergangenen Jahr gab es eine Vielzahl von Übernahmen und Partnerschaften mit dem Ziel, ganzheitliche Angebote zu schaffen und die gesamte Wertschöpfungskette im Zahlungsverkehr abzubilden. Zum Beispiel hat Worldline kürzlich Ingenico gekauft und wurde damit zu einem der europäischen Marktführer. In Italien fusionierte Nexi mit seinem Konkurrenten SIA zu einem Konzern mit einem Jahresumsatz von 1,8 Milliarden Euro. Parallel zu diesen großen Bewegungen spezialisieren sich einzelne Anbieter nach Zahlungsarten und suchen den Erfolg in der Fokussierung. Mehr denn je wird Technologie zum Unterscheidungsmerkmal und zum Grundpfeiler der Marktpositionierung.

PSD2 und Open Banking auf dem Vormarsch

Dank der neuen Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 haben Drittanbietern in der gesamten Europäischen Union und dem Europäischen Wirtschaftsraum die Möglichkeit, sich mit den Bankkonten von Bankkunden zu verbinden und Zahlungen so noch einfacher abzuwickeln. Besonders strenge Sicherheitsstandards für Online-Zahlungen sorgen für den notwendigen Schutz. Die Umsetzung der damit verbundenen Vorgaben gestaltet sich jedoch für die meisten traditionellen Finanzdienstleister sehr schwierig. Um die Anforderungen zu erfüllen, sind Banken und Co. daher gezwungen, stark in Forschung und Entwicklung zu investieren oder sich an externe Dienstleister zu wenden.

In diesem Zusammenhang lohnt sich ein Blick auf Open-Banking-Plattformen, die Banken über APIs mit Drittanbietern verbinden, damit diese neue Produkte und Dienstleistungen erstellen können. Laut PwC wird der Open-Banking-Markt bis zum nächsten Jahr 7,2 Milliarden US-Dollar erreichen. Allerdings reagieren nur eine Handvoll innovativer und hochspezialisierter Fintechs auf die technologischen Fragen, die die PSD2 mit sich bringt. Obwohl sie noch jung sind, haben diese Unternehmen eine dominante Marktposition und verlangen für ihre Technologie und ihr Know-how einen hohen Preis. Sie sind die Verkörperung der großen europäischen Erfolgsgeschichten von morgen im Zahlungsmarkt.

Die internationalen Big Five spielen ganz vorne mit

Seit einigen Jahren beschleunigen sich die Ambitionen der Silicon-Valley-Giganten im Bereich der Finanzdienstleistungen in Europa. Die internationalen Big Five – Google (Alphabet), Amazon, Facebook, Apple und Microsoft – entwickeln E-Wallets und Bankkarten, entdecken die Blockchain für sich, schaffen Kryptowährungen und erlangen Lizenzen bei den Regulierungsbehörden. Ihr Ziel ist es, den Verbrauchern maximalen Support zu bieten und genügend Daten zu sammeln, um ihnen die richtigen Dienste zur richtigen Zeit und am richtigen Ort anzubieten. Und dabei ist der Dreh- und Angelpunkt die Zahlungskontrolle. Allerdings haben nicht alle Player die gleichen Investitions- und Positionierungsstrategien. In diesem Punkt dominiert Alphabets Google nach Expertenmeinungen durch die Anzahl von Initiativen, Partnerschaften, Investitionen und internen Entwicklungen. Google bietet das breiteste Spektrum an Finanzaktivitäten, während Facebook und Apple noch sehr stark auf Blockchain bzw. Zahlungsdienste beschränkt sind.

Doch die Unterschiede sind gar nicht so entscheidend, denn es steht fest, dass die Tech-Giganten das gesamte Ökosystem auf die eine oder andere Weise durcheinanderbringen werden. Als große Gewinner der Pandemie verfügen sie über eine beispiellose Finanzkraft, eine durch Innovation und Technologie befeuerte DNA, Datenbanken mit Milliarden von Personen und eine starke Anhängerschaft in der Öffentlichkeit. Die Zukunft des europäischen Zahlungsverkehrs wird nicht ohne diese digitalen Champions stattfinden. Die Höhe des Umsatzes, den Fintech- und Tech-Giganten erzielen, könnte laut Accenture bis 2025 rund 280 Milliarden US-Dollar erreichen. Das wäre mehr als die Hälfte der neuen Umsätze, die durch das Wachstum des Zahlungsverkehrsmarktes generiert werden (schätzungsweise rund 500 Milliarden Dollar).