ProcessLab-Konferenz 2021: Auf in die Plattformökonomie!

Ein Artikel von red | 07.09.2021 - 13:00
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Jürgen von der Lehr, ING Deutschland © Frankfurt School

Während sich digitale Plattformen inzwischen in fast allen Lebensbereichen wiederfinden, stehen Banken und Versicherer erst am Anfang. Angesichts des Niedergangs der Filialstrukturen wird der Druck jedoch immer größer, sich in Plattformen oder gar digitale Ökosysteme zu integrieren oder diese selbst zu betreiben. Damit beschäftigte sich die ProcessLab-Konferenz, die zum 15. Mal in ununterbrochener Folge in der Frankfurt School of Finance & Management stattfand, mit einem hochrelevanten Thema. 110 Teilnehmer nahmen an der wie im Vorjahr hybrid durchgeführten Konferenz teil (60 vor Ort, 50 online).

Die Konferenz wurde von Prof. Dr. Jürgen Moormann, Gründer und Co-Head des ProcessLab, eröffnet, der in das Thema einführte. Den Faden nahm Jürgen von der Lehr, Strategiechef und Generalbevollmächtigter der ING Deutschland, auf. Er adressierte die zentrale Frage „Wie bleiben Banken relevant?“ und stellte einen Drei-Punkte-Plan der ING vor. Als Beispiel griff er die Zusammenarbeit der Bank mit Amazon im Firmenkundengeschäft heraus. Besonders interessant waren seine Ausführungen zum Embedded Banking, bei dem Bankdienstleistungen in das alltägliche Leben der Kunden integriert werden. Dies müsse ergänzt werden durch das Contextual Banking, bei dem das jeweilige Bankprodukt in einen individualisierten Kontext gesetzt und an den Kunden angepasst werde.

Standardisierung ist für Plattformwirtschaft essenziell

Julius Kretz, Bereichsleiter beim Versicherer Alte Leipziger – Hallesche, ging zunächst der Frage nach, warum sich die Versicherungsbranche überhaupt mit dem Thema Plattformen auseinandersetzen muss und rief dann eindringlich dazu auf, die Transformation hin zu plattformbasierten Geschäftsmodellen zu starten. Durch die Entwicklung von „Open Insurance“ und die dazu nötige Standardisierung können neue, datenbasierte Use Cases geschaffen werden, die sowohl für die Assekuranz als auch für die Endkunden gewinnbringend seien. Als wichtige Initiative dazu stellte Kretz die Free Insurance Data Initiative (FRIDA) vor, mit der die Weiterentwicklung sowie die nötige Änderung des Mindsets innerhalb der Branche vorangebracht werden soll.

Diesen Aspekt nahm Chris Bartz, CEO des Fintechs Elinvar und Vorsitzender des FinTechRats des Bundesfinanzministeriums, auf. Er zeigte anhand des Apple App Store, dass Skalierung und Individualisierung kein Widerspruch sind und stellte am Beispiel der Vermögensverwaltung vor, wie das Konzept „Platform as a Service“ im Bankgeschäft funktioniert.

Im Anschluss an die Perspektiven aus Bank-, Versicherungs- und FinTech-Welt folgte der Keynote-Vortrag von Ilse Henne, Mitglied des Vorstands von thyssenkrupp Materials Services. Sie befasste sich mit dem Nutzen von Plattformen in der Werkstofflogistik und brachte mit ihrem Vortrag „Daten ersetzen Tonnen“ die Industrieperspektive ein. Sie skizzierte den Weg der Stahlindustrie in die Plattformökonomie. Viele Teilnehmer zeigten sich erstaunt, wie fortschrittlich das Unternehmen in der Werkstofflogistik ist. Der Vortrag regte dazu an, die eigene Digitalisierung voranzutreiben und neue Plattformen innerhalb der Unternehmen bzw. der Finanzbranche zu entwickeln.

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Prof. Dr. Jürgen Moormann © Frankfurt School

Ein weiterer Höhepunkt war die von Prof. Dr. Moormann vorgenommene feierliche Enthüllung des neuen Buches „Digitale Ökosysteme – Strategien, KI, Plattformen“. Das Buch wurde anlässlich der Konferenz erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Es beschreibt und analysiert die Rahmenbedingungen der Plattformwirtschaft insbesondere für die Finanzbranche.

Viele Ideen für digitale Ökosysteme vorhanden

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Workshop der Inspirationsplattformen © Frankfurt School

Nach der Mittagspause starteten die Workshop-Vorträge der „Inspirationsplattform“. Hier gaben Experten der Unternehmen Aareal Estate, ThinkSurance, Owlsome Team (fileee und PwC) und Mexxon Consulting spezifische Einblicke in Plattformthemen. Dabei ging es um Kreditprozesstransformation auf Basis von Outsourcing-Plattformen, den Aufbau eines InsurTechs, den Aufbau einer gemeinsamen Plattform für Förderkredite sowie die Entwicklung einer intelligenten Datenstrategie für digitale Ökosysteme.

Aus wissenschaftlicher Sicht widmete sich Guido Perscheid, Mitarbeiter des ProcessLab der Frankfurt School, einem neuen Phänomen – den dezentralen Plattformen. Diese können als Gegenbewegung zu den gängigen zentralen Plattformen (Amazon, Uber etc.) verstanden werden. Dezentrale Plattformen bauen auf der Blockchain-Technologie und Smart Contracts auf und können Nutzer direkt, also ohne einen zentralen Intermediär, miteinander verbinden.

Eine wichtige Rolle spielt der Einsatz kryptografischer Token. Der Vortrag war denn auch als Weckruf für die Finanzbranche zu verstehen. Die zunehmende Integration der Blockchain-Technologie in bestehende und neu entstehende Geschäftsmodelle wird auch eine vermehrte Nutzung von Token mit sich bringen. Unternehmen seien daher gut beraten, sich bereits heute zu überlegen, wie sie Schnittstellen schaffen oder eigene Blockchain-basierte Lösungen, inklusive Token, anbieten können.

Sprachtechnologie beim Aufbau digitaler Plattformen

Wie Sprachtechnologie beim Aufbau digitaler Plattformen eingesetzt werden kann, zeigte Dr. Gregor Wiest, Head of Innovation der ERGO Group. Das Unternehmen hat eine KI-basierte, multikanalfähige Plattform (Telefonie, Messenger-Dienste, Chat) aufgebaut, die bereits rund 80.000 Dialoge im Monat über Sprach-Bots abwickelt. Die Plattform wird aber nicht nur für den eigenen Kundenservice genutzt; in diesem Jahr hat ERGO die Plattform auch für Dritte geöffnet und bietet ihren Vertriebspartnern fertige Kundendialoge im Sinne einer „Platform as a Service“ an.

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Abschluss-Keynote von Stefan Münter © Frankfurt School

Die Abschluss-Keynote lieferte Stefan Münter, Co-CEO Europace, einer Tochter der Hypoport Group. Er erläuterte in einem begeisternden Vortrag die Entwicklungsschritte von Europace zum nationalen Marktführer bei der Vermittlung von Baufinanzierungen. Das Herz des Unternehmens ist eine hochentwickelte B2B-Plattform, die heute von rund 750 Banken, Versicherungen und Finanzbetrieben genutzt wird.

Innovative Use Cases und Prozesse

Mit einem Schlusswort von Prof. Dr. Daniel Beimborn, Co-Head des ProcessLab, endeten die Vorträge. Der Konferenztag hat gezeigt, welche enormen Möglichkeiten bestehen, innovative Use Cases und Prozesse in der Finanzbranche zu entwickeln. Die Plattformwirtschaft ist schon heute von großer Bedeutung. Es ist daher höchste Zeit, dass Banken und Versicherer Wege finden, um sich in digitale Plattformen einzubringen. Wir stehen vor spannenden Herausforderungen, die aber auch ganz neue Möglichkeiten für die Branche eröffnen.

ProcessLab

Das ProcessLab ist ein Forschungscenter der Frankfurt School of Finance & Management, das sich mit Themen des Prozessmanagements in der Finanzbranche beschäftigt www.processlab.info