New Finance – Aufbruch nach der Krise?!

Ein Artikel von Dr. Anja Peters, ibi research an der Universität Regensburg | 19.06.2021 - 08:58
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Dr. Anja Peters, ibi research an der Universität Regensburg

Lassen Sie uns den Blick auf positive Entwicklungen richten, die sich – nicht zuletzt durch die Pandemie angestoßen – in den letzten Monaten in der Finanzdienstleistung deutlich beschleunigt haben und sicher auch zukünftig eine entsprechende Geschwindigkeit beibehalten oder jetzt erst recht an Fahrt aufnehmen werden. Die Vielfalt der Themen ist groß, der Begriff des „New Finance“ durchaus gerechtfertigt.

Digital Banking

Das digitale Banking steht mehr denn je unter dem Motto „Mobile First“. Die Banking-App wird zu DEM Gesicht von Banken. Multi-Banking-Apps markieren dabei die mögliche Trennung von Bank-Marke und eigentlicher Funktionalität. Und das Potenzial weiterer Nutzer ist groß: Die Generationen Z (Geburtsjahre 1997 - 2012) und Alpha (Geburtsjahre 2010 - 2025) werden in Deutschland rund 20 Millionen Menschen umfassen, die sich als äußerst affin für digitale Anwendungen erweisen werden und für die das Smartphone eine völlig selbstverständliche Begleitung in allen Lebensbereichen sein wird (Leichsenring 2021).

Zudem stellen Banken mehr und mehr digitale Funktionen in den Filialen bereit. Dieser Aspekt hat nicht zuletzt durch die Pandemie an Bedeutung gewonnen. Ehemals vorhandene Berührungs- und Akzeptanzprobleme haben sich derzeit aufgelöst, hier wird ein Gutteil von Lösungen neu bewertet, von Seiten des Kunden ebenso wie von Seiten des Anbieters. Diese Änderung im Alltags-Kontext zeigt sich etwa in der Möglichkeit, in einer Filiale mittels Video-Chat Kontakt zu einem Service-Mitarbeiter zu erhalten. Man hätte dieser Lösung ohne „Corona-Aspekt“ sicher eher wenig Beachtung geschenkt, zumal sie bereits in 2018 live gegangen ist (Sparkasse Bodensee 2018). Die größte Hürde scheint dabei zum Teil die legal wirksame Unterschrift zu sein, denn die inzwischen komfortablen digitalen Lösungen stoßen nach wie vor auf Misstrauen.

Die Zukunft im digitalen Banking ist nicht rein digital, sondern hybrid. Diese Erkenntnis mag nicht neu sein, hat aber eine völlig neue Unterfütterung erhalten, und das sowohl aus Sicht des Kunden als auch aus Sicht eines Finanzdienstleisters. Das Dilemma, dass je nach Kundenstruktur ein gewisser Prozentsatz an Kunden digitale Angebote kaum oder nicht nutzen wird, bleibt. Gleichwohl können und müssen Banken und Sparkassen ihre Angebots- und auch Kostenstruktur insbesondere in Bezug auf Filial-Angebote quasi im „Fahrwasser“ der Pandemie auf den Prüfstand stellen, an geeigneter Stelle die Ausweitung hybrider Angebote für Beratung und Service konsequent vorantreiben und parallel die bestehenden Vor-Ort-Angebote kritisch einer Entscheidung für oder gegen Beibehaltung stellen. Um die Konzentration dieses Filialnetzes führt kein Weg vorbei, bis hin zur Ausgestaltung gemeinsamer Filialen, wie man diese von Sparkassen und Volksbanken inzwischen im Taunus oder im Großraum Augsburg findet. Und auch damit nicht genug, die Stichworte Hyperpersonalisierung, Conversational Banking, Customer Experience oder auch Nachhaltigkeit und Barrierefreiheit lassen erahnen, wie vielfältig die Aufgabenstellungen der näheren Zukunft allein an der Kunde-Bank-Schnittstelle sind.

Die Zukunft des digitalen Bankings liegt aber nicht alleine in neuen Prozessen, sie liegt auch in neuen Produkten. So wartet die Industrie 4.0 händeringend auf passende Lösungen. Dies beginnt mit eleganten Verfahren zum nutzungssynchronen Abrechnen und Zahlen – im Consumer-Bereich wie auch in der Nutzung des PKW, aber in hohem Maß auch in der Produktion. Es geht weiter mit datenbasierten Krediten, um die Assets der Zukunft zu finanzieren. Und am Horizont zeichnen sich Maschinen-Fonds ab, in denen die Portfolien finanzierter Assets verbrieft und dann bei Anlegern platziert werden können. Damit sind wir endgültig in der „Tokenisation“ von Vermögensgegenständen angekommen.

Zu den genannten Prozess- und Produktthemen an der Kundenschnittstelle kommen Themen, die sich zunächst einmal eher einer technischen Sichtweise zuordnen lassen, die aber natürlich Ausstrahlung auf die hier adressierten Lösungsangebote zum Kunden hin haben:

Open Banking / API-Banking

Die Standardisierung von Schnittstellen wird seit längerem durch Initiativen vorangetrieben, insbesondere thematisch im Bereich der PSD2 (z. B. Berlin Group), aber auch zunehmend durch weitere Ansätze, die sich gezielt der API-Standardisierung (z. B. im Wertpapiergeschäft) widmen. Auch werden neben klassischen Banking-Modulen zunehmend auch Module abseits des Kerngeschäfts offeriert („Beyond Banking“). Nur von einer Vorstellung muss man sich verabschieden: Die Banken werden in der Regel nicht im Zentrum der Ökosysteme stehen und die Plattformen betreiben. Sie werden sich vielmehr an eine Vielzahl von Ökosystemen andocken und Finanzservices bieten, in regionalen Ökosystemen ebenso wie in Ökosystemen der BigTechs.

CIBI 2021 am 29.06.2021

Der Titel der CIBI 2021 „New Finance – Aufbruch nach der Krise“, die dieses Jahr als reines Online- Event stattfindet, setzt ein klares Signal: Bei allen Risiken, die Corona in sich trägt, birgt die Krise für Finanzdienstleister konkrete Chancen und hohe Potenziale. Was möglich ist und wie es sich umsetzten lässt, arbeitet die CIBI mit einer Vielzahl von Vorträgen und Diskussionsrunden heraus.

www.cibi.de

Cloud Banking

Etablierte Finanzdienstleister migrieren Anwendungen in die Cloud und gehen strategische Partnerschaften mit großen Hyperscalern wie etwa Amazon oder Google ein. Auch Neobanken und FinTechs verlagern Anwendungen in die Cloud bzw. greifen auf Services aus der Cloud zu. Dies kann hohe Effizienzgewinne schaffen, und zwar nicht allein durch Größenvorteile, sondern schon im Vorfeld durch den gesunden Zwang zur Standardisierung, das heißt dem Abschneiden einer Vielzahl teurer, unnötiger „Sonderlocken“. 

Die Plattform der Sparkassen-Finanzgruppe

Ihr Vortrag heißt: "Innovative Finanzprodukte mit der zentralen API-Plattform der Sparkassen-Finanzgruppe" Was sind hier die Kernaussagen?

APIs sind seit Jahr(-zehnten) wichtiger Bestandteil von Finanzdienstleistungen und haben nicht zuletzt durch die PSD II weiter an Bedeutung gewonnen. Mit dem zentralen Developer-Portal s-wallis.de baut die Sparkassen-Finanzgruppe eine Plattform für die Kooperation mit Fintechs, Insuretechs und finanzdienstleistungsnahen Startups/Unternehmen auf. Basis hierfür ist hierfür die leistungsfähige API- und Integrations-Plattform BankAPI der Finanz Informatik sowie die Wallis.MultibankAPI mit der Kontoinformations- und Zahlungsauslösedienste technisch und regulatorisch unterstützt werden. Mit diesem Leistungsangebot sind alle Voraussetzungen geschaffen, um mit externen Partnern innovative Finanzprodukte für die Kunden der Sparkassen schnell umzusetzen.

Was verstehen Sie unter innovativen Finanzprodukten? Sind das Ergänzungen Ihres eigentlichen Portfolios? Wollen Sie damit näher an NEO-Banken?

Innovative Finanzprodukte sind aus unserer Sicht einerseits Ergänzungen des eigenen Portfolios und andererseits auch Optimierungen oder Erneuerungen in unserem Portfolio. Die anhaltende Pandemie hat auch in der Sparkassen-Finanzgruppe einen Schub zu weiteren Digitalisierung von Prozessen, Service und Produkten geführt. Mit unserer API- und Integrationsplattform können wir hier bestehende Prozesse vereinfachen, automatisieren. Wir möchten das All-Finanzangebot der Sparkassen-Finanzgruppe auch digital Erlebbar machen und etwa über eine intelligente Integration von Einlagenplattformen oder Kreditanbietern das Portfolio an Angeboten erweitern. Dabei geht es weniger um die Frage, ob wir damit näher an NEO-Banken wollen. NEO-Banken sind häufig kleiner, flexibler und haben nicht eine so große Struktur wie eine Sparkassen-Finanzgruppe. Wir versuchen über eine Leistungsfähige API- und Integrationsplattform über Kooperation auch flexibler und schneller zu werden und Dinge gemeinsam mit interessierten Instituten zu Verproben. Wenn die Lösung, das Produkt oder der Service nicht funktioniert, werden wir diesen wieder aus dem Portfolio nehmen. Das machen NEO-Banken auch.

Wie ist die Wahrnehmung einer klassischen Bank in der Wahrnehmung der Millenials? Wird sie als vertrauenswürdiger wahrgenommen als einen Challenger-Bank oder als nicht nahe genug an den Bedürfnissen?

Wir sind keine Marktforschungsexperten und die Fragestellung ist durchaus komplex. Die Pandemie hat gezeigt, dass das Vertrauen zu den Instituten in unsicheren Zeiten durchaus einen nicht zu verachtenden Wert hat. Millenials erwarten eine gute User-Expierence und ein umfassendes digitales Angebot und sind in der Lage selbst online zu recherchieren. Bei komplexen finanziellen Fragestellungen benötigen Millenials aber auch einen verlässlichen und kompetenten (Ansprech-)Partner. Hier hat die Sparkassen-Finanzgruppe durchaus ein sehr gutes Standing und hohes Vertrauen.

Referenten:

Martin Schaffranski, Geschäftsführer Star Finanz AHOI

Carsten Wendt, Bereichsleiter Finanz Informatik

 

Business Process Outsourcing

Der Schwerpunkt liegt bisher in der Auslagerung standardisierter Prozesse, beispielsweise in den Bereichen IT-Dienstleistungen und Zahlungsverkehr. Prognostiziert werden können darüber hinaus verstärkte Aktivitäten in den Themen Onboarding / Identität / Know-your-Customer und auch im Wertpapiergeschäft. Und was für den einen Finanzdienstleister Outsourcing ist, kann für einen anderen durchaus zum Insourcing und damit zum neuen Geschäftsmodell werden.

DLT im Transaction Banking

Ihr Kurzfazit zu DLT im Transaction Banking?

Wir beschäftigen uns seit 2016 intensiv mit DLT und haben nach Testläufen zur Nutzung im internationalen Zahlungsverkehr im Jahr 2019 zusammen mit anderen europäischen Banken mit we.trade die erste kommerzielle DLT-basierte Anwendung zur Unterstützung internationaler Handelsaktivitäten auf den Markt gebracht. Mit diesen Erfahrungen können wir das Potenzial der Technologie gut einschätzen. Aus meiner Sicht müssen Insbesondere die rechtlichen und technologischen Rahmenbedingungen noch weiter entwickelt werden, um DLT im internationalen Kontext massentauglich zu machen.

Im Gartner-Hype-Cycles hat die Blockchain mittlerweile den Status überzogener Erwartungen überschritten. Es folgt die nächste Phase der Enttäuschungen, in dem viele Versprechen revolutionärer Finanzdienstleistungen nicht erfüllt werden können. Was waren Ihre Enttäuschungen?

Wir haben im Rahmen unserer Testläufe positive Überraschungen erlebt. So war es für uns eine Bestätigung des DLT Potentials, dass eine Zahlungsverkehrstransaktion inklusive Währungskonvertierung von Europa nach Amerika final in wenigen Sekunden durchgeführt werden konnte. Allerdings haben wir auch gesehen, dass die Technologie heute noch nicht massentransaktionstauglich ist, d.h. mehrere tausend Transaktionen/Sekunde abwickeln kann.

Referent:

Manfred Richels, Managing Director im Business Development Global Transaction Banking der Unicredit Bank

Künftige Formen der Anlageberatung

Anlageberatung digital und persönlich scheint ein Widerspruch. Wie lösen Sie das für sich auf?

Eine digitale Lösung kann sehr persönlich sein, vor allem wenn sie zu mir als Kunde passt und ich mich persönlich angesprochen fühle. Mit der Komfort-Anlage kann der Kunde rein digital einen Anlagevorschlag für sich erstellen und auch abschließen.

Für digitale Anlageberater gilt ein gutes Storytelling als das Gebot der Stunde. Was macht für Sie gutes Storytelling aus?

Für mich ist Transparenz und Ehrlichkeit am wichtigsten, vor allem auch mit Blick auf mögliche Risiken. Auch sollte der Kunde das Produkt sehr gut verstehen, inklusive der Kosten die dadurch entstehen.

Was wäre Ihr Wunsch an Banken in Sachen digitaler Anlageberatung?

Ich wünsche mir, dass wir gemeinsam mehr Kundinnen und Kunden für das Investieren in Wertpapiere begeistern können. Voraussetzung sind faire und transparente Lösungen auf Augenhöhe.

Referentin:

Ilse Munnikhof , Head of Investment Advice bei der ING Deutschland. In ihrer Verantwortung liegt die Einführung der digitalen Anlageberatung, ebenso wie die Weiterentwicklung der Kooperation mit dem Vermögensverwalter Scalable Capital.

Moderne Kernbanken-Systeme

Mit der Corona-Pandemie haben sich auch die Anforderungen an Kernbanksysteme weiter verändert. Durchgängig digitalisierte und automatisierte Prozesse sind noch deutlicher in den Focus gerückt, die beschriebenen Entwicklungen an der Kunde-Bank-Schnittstelle finden hier ihren Niederschlag. Die Anforderungen an eine effiziente Prozessbearbeitung ziehen den Bedarf ab flexiblen Backend-Lösungen nach sich. Stellhebel können dabei die Modularisierung der Architektur, der Wechsel auf Standardlösungen und die Kooperation mit Ökosystem-Partnern sein.

Zu diesen Aufgaben im „Maschinenraum“ der Finanzdienstleister kommen äußere Rahmenbedingungen hinzu, die Einfluss nehmen, und deren Bedeutung durch die Corona-Pandemie zum Teil deutlich an Gewicht gewonnen haben:

  • Nachhaltigkeit: Die Anpassung an ökologische Veränderungen wird zu DEM Hygiene-Faktor im Banking, induziert z. B. durch die EU-Taxonomie, aber auch durch gesellschaftliche Umorientierungen.
  • Resilienz: Gesamtwirtschaftliche Auswirkungen und die darauf basierende Tragfähigkeit von Geschäftsmodellen stehen auch als Folge der Pandemie auf dem Prüfstand.
  • Digitale Barrierefreiheit: Erste EU-Richtlinien nehmen Bezug auf die Zugänglichkeit des Verbrauchers zu digitalen Kundenservices unabhängig von Fähigkeiten, sozialer Schicht etc. und werden entsprechende Umsetzungslösungen nach sich ziehen müssen.
  • Regulation: Mit dem Digital Finance Package der Europäischen Kommission werden die Themen Massenzahlungsverkehr, Kryptowerte sowie die Stabilität digitaler Systeme adressiert, was wiederum entsprechende Aktivitäten aller Marktteilnehmer impliziert.