Immer mehr Banken berechnen negative Zinsen

Ein Artikel von Frank Diesterhöft, Head of Fixed Income Sales Germany, Insight Investment | 23.09.2021 - 15:57

Negative Zinssätze sind in Deutschland nicht unbekannt. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat bereits im Juni 2014 negative Einlagensätze für den Bankensektor eingeführt. Seitdem ist der EZB-Satz für die Einlagefazilität immer tiefer in den negativen Bereich gefallen und liegt seit September 2019 bei -0,50 Prozent. Bisher zögerten Banken, die gesamten Kosten dieser Zinspolitik an ihre Firmenkunden weiterzugeben. Oftmals bieten sie noch einen Zinssatz von 0 Prozent für Kassenbestände, die ein definiertes Maximalvolumen nicht überschreiten. Dieses Modell scheint für Banken allerdings immer weniger tragbar. Sie sind nicht weiter bereit, die Kosten der negativen Zinspolitik der EZB zu übernehmen und geben negative Renditen auf Bareinlagen verstärkt auch an Unternehmen weiter.

So scheint sich ein Trend abzuzeichnen, dass Einlagenkonten mit stark negativen Zinssätzen zur neuen Norm in Deutschland werden. Vor diesem Hintergrund sind Unternehmen daran interessiert, Cash-Management-Ansätze zu entwickeln, mit denen sie die Kosten für das Halten von Liquidität abfedern können. Für Unternehmen kann die Kategorisierung ihrer Kassenbestände eine Schlüsselkomponente sein, um das Renditepotenzial ihrer Liquiditätsbestände zu optimieren.

Im Zuge der vermehrten Weitergabe der negativen Zinsen an Unternehmen ist auch der klassische Geldmarktfonds stärker in den Anlegerfokus gerückt und stellt eine interessante Alternative zu Einlagekonten bei Banken dar. Geldmarktfonds bilden generell das Renditeniveau des Geldmarktes ab, sind hochliquide und bieten darüber hinaus eine hohe Diversifikation nach Emittenten und Ländern. Sie sind von der Europäischen Union durch die Geldmarktfondsverordnung (EU2017/1131) reguliert und unterliegen strengen gesetzlichen Anforderungen in Hinblick auf Liquidität, Risikomischung und Kreditqualität der investierten Vermögenswerte. Zusätzlich existieren umfangreiche Berichts- und Stresstestpflichten.

Höhere Renditen können erzielt werden, indem Cash-Bestände neben Geldmarktfonds zusätzlich in geldmarktnahe Fonds investiert werden. Geldmarktnahe Fonds sind in der Lage, weniger negative oder sogar positive Renditen zu erzielen. Short-term Bond Funds (STBF) nutzen beispielsweise die Möglichkeit, Wertpapiere zu kaufen, die eine längere Restlaufzeit als ein Jahr besitzen. Zusätzlich können sie in Wertpapiere investieren, bei denen eine Komplexitätsprämie vereinnahmt werden kann, die Rendite voraussichtlich verbessert wird, ohne dabei das Kreditrisiko zu erhöhen.

Die Kombination von Geldmarktfonds und geldmarktnahen Fonds bietet die Möglichkeit, eine höhere durchschnittliche Rendite auf die gesamten Cash-Bestände zu erzielen und gleichzeitig für einen Teil der Gesamtanlagen hochliquide zu bleiben. Corporate Treasurer teilen ihre Cash-Bestände je nach prognostiziertem Liquiditätshorizont dazu in drei Kategorien auf: (1.) täglich verfügbare Mittel (2.) Liquiditätsreserve (3.) Bodensatz. Im nächsten Schritt werden diese drei Töpfe dann in verschiedene Geldmarkt- und geldmarktnahe Fonds investiert, welche jeweils dem gewünschten Liquiditäts- und Risikoprofil entsprechen und in Kombination auch als „Cash-Waterfall“ bezeichnet werden.

Angesichts der negativen Zinssätze für Liquidität, die eine erhebliche Belastung für Unternehmen darstellen, sollten Cash-Management-Lösungen in Betracht gezogen werden, die darauf abzielen, das gesamte Liquiditätsportfolio optimieren, indem sie auf die individuellen Anforderungen der einzelnen Liquiditätsschichten eingehen. Treasurer können durch die Nutzung des „Cash-Waterfalls“ jedes Segment ihrer Cash-Pools gezielt abdecken. Unter Berücksichtigung unternehmensspezifischer Präferenzen und Liquiditätsanforderungen können Unternehmen so Liquidität erhalten, Risiken diversifizieren und darüber hinaus eine höhere Gesamtrendite aus ihrem Cashpool anstreben.