Forderungsmanagement in Corona-Zeiten

Ein Artikel von red | 17.11.2021 - 15:05
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Thomas Kunisch, CEO von Demondo

Herr Kunisch, auch, wenn wahrscheinlich lange über kein anderes Thema so viel gesprochen wurde: Was hat Corona mit der Inkassobranche gemacht?

Thomas Kunisch: Viel. Und auch wieder nicht so viel. Zwar waren zum Beispiel Geschäfte und Restaurants lange geschlossen. Da gab es also auch keine Forderungen in dieser Zeit. Im Gegenzug sind die Geschäfte in digitalen Bereichen wie eCommerce oder IT gewachsen. Unter dem Strich hält es sich also für die Inkassobranche in etwa die Waage. Dennoch sind die Auswirkungen der Pandemie noch immer spürbar, da die Übergabe der Kunden an oft zeitversetzt passiert, insbesondere im Projektgeschäft. Zusätzlich fehlt es vielen Schuldnern aufgrund der Pandemie an Liquidität, da bleiben Zahlungen schon mal aus. Und Forderungen sind insgesamt schlechter durchsetzbar, auch, weil sich die Bearbeitungszeiten der Gerichte verlängert haben.

Und jetzt auch noch ein neues Gesetz, das die Branche unter Druck setzt. Können Sie uns kurz erklären, was da passiert ist und was die neuen Regelungen für das Forderungsmanagement bedeuten?

Kunisch: Zu dem, was da passiert ist, gibt es mehrere Perspektiven, zum Beispiel aus Verbrauchersicht. Dazu gleich mehr. Aus der Sicht der Inkassobranche beschneidet das neue Gesetz ganz kurz gesagt die Gebühren, die dem Schuldner auferlegt werden dürfen. Also unsere Einnahmen. Etwas ausführlicher beschrieben, gibt es durch das neue Gesetz eine Staffelung der Inkassogebühren nach Anzahl der Schreiben, man könnte auch sagen eine „Eskalation der Gebühren“. Dadurch zahlt der Schuldner, der früh begleicht, weniger, weil – und das klingt zunächst auch völlig einleuchtend – dadurch weniger Telefonate, Schreiben etc., also weniger Aufwand für das Inkassounternehmen (IKU) anfällt.

Im Grundsatz finde ich die Logik gut, dass der Schuldner, der seine Inkassoforderung schnell begleicht, weniger zahlt als der, für den das Inkassounternehmen viel Aufwand (mehrere Schreiben, ggf. Adressrecherche, wiederholter telefonischer Kontakt etc.) betreiben muss. Im Übrigen ist das auch eine Logik, welche in unserem Nachbarland Österreich schon lange Usus ist. Aber in den Fällen mit hohem Aufwand muss dieser auch monetär vergütet werden können – und das ist auf Basis des neuen Gesetzes in sehr vielen Fällen nicht gegeben. Konkret bedeutet das für die Inkassobranche, dass die Gebühren im Durchschnitt um ein Drittel sinken, bei zunächst gleichen Kostenstrukturen. Man kann sich vorstellen, dass ein Drittel weniger Einnahmen dazu führen können, dass vor allem kleine Inkassounternehmen insolvent gehen bzw. mit anderen Unternehmen konsolidieren werden. Das ist der Druck, unter dem unsere Branche durch das neue Gesetz nun steht.

Wird sich das neue Gesetz auch auf Unternehmen auswirken, die auf das Forderungsmanagement angewiesen sind?

Kunisch: Ganz kurz: Ja. Dabei gibt es hier mehrere Möglichkeiten. Entweder werden Inkassounternehmen zum Beispiel ihre Erfolgsprovision für eine erfolgreich eingeholte Forderung erhöhen müssen. Oder sie erhöhen die sogenannte „Abschlusspauschale“ oder „Nichterfolgspauschale“. Die funktioniert so: Im Nichterfolgsfall wird oftmals eine Gebühr erhoben. Zum Beispiel: Bei einer Forderungshöhe von bis zu 500 Euro fällt eine Gebühr von 25 Euro an, bei einer Hauptforderung zwischen 500 Euro bis 5.000 Euro, 50 Euro und bei einer HF über 5.000 Euro, 100 Euro Gebühr im Nichterfolgsfall. Beide Erhöhungen würde die Kunden eines Inkassounternehmens also finanziell höher belasten.

Die andere Möglichkeit: Wo das nicht realisierbar ist oder vom Kunden nicht akzeptiert wird, werden die Inkassounternehmen weniger Aufwand in den einzelnen Fall investieren, weil es schlicht und ergreifend wirtschaftlich nicht geleistet werden kann. Die Folge: Geringere Beitreibungsquoten, also Höhere Ausfallquoten für die Unternehmen und das bedeutet weniger Geld, welches dem Wirtschaftskreislauf zugeführt wird. Tatsächlich also eine gesamtwirtschaftliche Herausforderung. Bei Demondo hingegen arbeiten wir in der Regel erfolgsbasiert. Heißt, im Nichterfolg entstehen dem Kunden dadurch keine Mehrkosten. Sie sehen, es wird durch das neue Gesetz komplizierter und häufig teurer für die Unternehmen, die auf Inkasso-Dienstleistungen angewiesen sind.

Welche Chancen bietet die Digitalisierung der Inkassobranche, gerade im Hinblick auf die aktuellen Herausforderungen?

Kunisch:Wie in so ziemlich jeder Branche bietet die Digitalisierung auch im Inkasso große Chancen. So können digitale Lösungen das Dienstleistungsportfolio erweitern und Inkassounternehmen dabei helfen, neue Märkte zu erschließen. Auch lassen sich die Prozesse für alle Stakeholder, also Inkassounternehmen, deren Kunden und Schuldner gleichermaßen effektiver gestalten.

Hierzu ein Beispiel aus der Demondo-Praxis. Wir bieten mit unserem „Demondo Paygate“ ein multilinguales Online-Schuldnerportal. Es ist weltweit nutzbar und bietet für jedes Land die passenden Bezahlmethoden. Wir bieten das Paygate zudem in jeder Sprache an, das macht es überall auf der Welt verständlich. Der große Vorteil für alle Beteiligten: Offene Forderungen können ganz einfach und schnell online beglichen werden. Und es ist maximal transparent. So kann der Schuldner zu jeder Zeit von überall aus zum Beispiel das FAQ und alle Dokumente zu den Forderungen abrufen. Für unsere Kunden macht es das Forderungsmanagement auch viel bequemer. So gibt es ein weltweites Reporting, egal wo Kunde oder Schuldner sitzen, ganz bequem, online am Schreibtisch abrufbar. Zudem ist die Lieferung von aussagefähigen Reports an den Kunden auf dessen Kennzahlensystem abgestellt.

Auch KI-Lösungen bieten spannende Ansätze. Durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz lässt sich die richtige Vorgehensweise je Schuldnergruppe quasi automatisch ermitteln.

Durch Digitalisierung schaffen wir gesamte Wertschöpfungsketten. So werden im ersten Step die Rechnungen geschrieben und versendet. Wir haben aber auch digitale Payment-Dienstleistungen angeschlossen und können diese weltweit auch bei unseren Kunden integrieren. So gibt es zum Beispiel die Möglichkeit, einen QR-Code und/oder Zahlungslink auf den Rechnungen integrieren zu lassen, die den Kunden direkt zu einer Bezahlseite leitet. Wir können Factoringdienstleistungen integrieren, bei der einfach die Rechnung an uns übergeben wird und das Geld in 24 Stunden bei unserem Kunden ist. Weiter geht es mit dem kaufmännischen Mahnverfahren, Inkassoverfahren und gerichtlichen Mahnverfahren, bis zur Vollstreckung.

Sie bieten digitale Lösungen jetzt ja sogar Branchen-Kollegen an. Was hat es damit auf sich?

Kunisch: Ohne falsche Bescheidenheit können wir hier sagen, dass dieser Service in der Tat etwas Besonderes ist, das es so auf dem Markt wahrscheinlich nicht in der Inkassobranche gibt. Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, unseren Branchenkollegen in dieser schwierigen Situation mit unseren Services weiterzuhelfen. Mit uns können Inkasssounternehmen ihre Geschäftsfelder erweitern. Zum Beispiel mit einer weltweiten Zahlungsabwicklung mit über 200 Zahloptionen. Das Inkassounternehmen kann auswählen, welche gängigen oder auch individuellen Bezahlmethoden und Bezahlarten, wie zum Beispiel die Ratenzahlung, in welchem Land angeboten werden sollen. Der große Mehrwert für unsere Branchen-Kollegen: Meist ist es für sie nur in Deutschland sinnvoll, tätig zu werden. Mit uns ist es weltweit durchsetzbar bei minimalem Aufwand für das Inkassounternehmen, da nur eine Übergabe erfolgen muss.

Wir bieten zudem ein eigenes Schuldnerportal, auch im CI des Inkassounternehmens oder auch ein weltweites Reporting. Wir arbeiten dabei strikt nur im Hintergrund. Das heißt, wir geben die Daten an das jeweilige IKU weiter, das mit seinem Kunden abrechnet/reportet und den Kontakt hält. Den Service kann das Unternehmen an die Kunden weitergeben und erfährt dadurch einen Imagegewinn. Und: Neue Kunden durch neue Services, ohne diese erbringen zu müssen. Auf diesen einzigartigen Service von Demondo bin ich persönlich besonders stolz.

Gibt es schon Partner aus der Inkassobranche, mit denen Sie zusammenarbeiten? Wenn ja, können Sie uns einen nennen?

Kunisch: Ja, die gibt es – und nicht nur in Deutschland, was unserem weltweiten Konzept denke ich recht gibt. Namentlich erwähnen möchte ich diese aber aus Diskretionsgründen nicht und bitte um Ihr Verständnis.

Zum Schluss: Wie wird Ihrer Meinung nach die Zukunft der Branche aussehen?

Kunisch: Die Digitalisierung wird die Branche gründlich verändern. Damit meine ich nicht nur die gerade schon angesprochenen Punkte. Zunehmend wird das Thema Forderungsmanagement in andere Dienstleistungen und Anwendungen eingebunden. Komplementäre Dienstleistungen werden so auch von Inkassounternehmen angeboten -und genauso andersherum. Dienstleister in benachbarten Branchen werden zusätzlich Forderungsmanagementdienstleistungen anbieten. Dieser Bereich hat auch bei uns einen großen Stellenwert, sprich: Das ist ein Weg, den wir bereits gehen.