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Chefsache Digitaler Wandel

Ein Artikel von Prof. Dr. Hans-Gert Penzel, ibi research an der Universität Regensburg | 14.04.2021 - 12:00
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Prof. Dr. Hans-Gert Penzel, ibi research an der Universität Regensburg © Dirk Beichert BusinessPhoto

“Wo ist der Business Case?“ fragen viele deutsche und europäische Banken - und stellen damit die völlig falsche Frage! Digitale Währungen sind für eine Reihe von Anwendungen schlichtweg höchst bequem. Stellen Sie sich den digitalen Euro einfach als Münzen und Geldscheine in digitaler Form vor, neudeutsch als Tokens. Damit haben Sie also eigenständig akzeptierte Werte in Ihrer Geldbörse (neudeutsch Wallet) auf Ihrem Smartphone.

Die Tokens könnten auf dem Bildschirm sogar aussehen wie kleine Geldscheine und Münzen! Sie ziehen die Tokens mit einem Fingerstrich oder einem Siri-Kommando in Ihre Email, in eine WhatsApp-Nachricht – und schon landen sie beim Empfänger. Sie müssen kein Konto prüfen, nur in die eigene Wallet schauen. Das funktioniert letztlich genauso, wie wir heute mit Bargeld aus der physischen Geldbörse im Geschäft zahlen, aber auch auf Distanz. Es ist ungemein bequem und wird deshalb eine schnell wachsende Nutzergemeinde anziehen. Da mögen die Banken noch so verzweifelt nach ihrem Business Case forschen.

All das wird Realität werden. Aber warum können wir Europäer es nicht einer privaten digitalen Währung wie dem Diem überlassen, oder dem staatlichen „Digital-Renminbi“, der in China schon höchst begehrt ist, oder einem „Digi-Dollar“, den die FED bald lancieren wird? Weil wir uns nicht völlig von den Nun-wohl-wieder-Freunden im Westen oder den Partnern im Osten abhängig machen dürfen! Wer die Währung kontrolliert, der kontrolliert auch die Wirtschaftstransaktionen. Wer Zahlungen blockieren kann, kann große Teile der Wirtschaft lahmlegen und Staaten erpressen. Hier muss die europäische Union ihre Souveränität wahren. Natürlich wird die digitale Währung nicht heute oder morgen dominieren, aber übermorgen wird sie eine große Rolle spielen. Und alle Erfahrungen mit Zahlungsmitteln lehren, dass es dann zu spät zum Umsteuern ist. Wer Paypal nutzt, will kein PayDirekt mehr. Wer sich an den Diem gewöhnt hat, will keinen digitalen Euro mehr.

Es ist also kein Wunder, dass die EZB das Thema inzwischen mit höchster Intensität bearbeitet. Genau so wenig wundert es, dass die EZB-Umfrage zum digitalen Euro über 8.000 Rückläufe produzierte – mehr als jede andere Umfrage seit Existenz der EZB. Auch wenn sich die EZB formal mit der Entscheidung noch ziert, können Sie sicher sein: Das „JA“ zum digitalen Euro ist bereits in Stein gemeißelt.

Sinnieren über die Eigenschaften des D-Euro

Interessant ist natürlich, welche Eigenschaften er haben wird, der D-Euro. So wollen wir ihn abkürzend nennen, ausgesprochen „duro“, für hart, fest, langlebig. Seine Eigenschaften kann man zwar noch nicht in den offiziellen Statements lesen, sie sind aber mit ein wenig Logik ableitbar. Hier sind die wichtigsten sechs Punkte:

Erster Punkt:

Anwendungsfälle. Der ursprüngliche Fokus der EZB auf B2B-Zahlungen, also auf Großzahlungen von Banken und Firmenkunden, verliert an Gewicht. Das B2C-Geschäft mit vielen kleinteiligen Zahlungen von Konsumenten und Händlern rückt in den Mittelpunkt. Diese gibt es auch bei Machine to Machine-Payments (kurz: M2M-Payments): Das Auto zahlt das Parkticket, die Stromladung, die Sitzheizung an kalten Wintertagen oder die spontan erhöhte Batteriekapazität bei einer schnellen Fahrt. In der Industrie. 4.0 werden auch Produktionsanlagen selbständig zahlen, womit wir doch wieder im B2B-Markt wären. Dafür sind Wallet-Lösungen ideal, da sie mit Blick auf Effizienz und Sicherheit eine Separierung und Abschottung von den „großen Konten“ erlauben.

Zweiter Punkt:

Technische Umsetzung. Da erschallt sofort der Ruf nach der Blockchain. Aber die Blockchain bleibt eine verteilte Datenbank mit geringer Effizienz, die vor allem dann sinnvoll ist, wenn es keine Trusted Party im Netz gibt. Dass die EZB mit ihrem hohen Vertrauensvorschuss sie einsetzen wird, ist alles andere als ausgemacht. Selbst wenn das geschieht, wird es keine offene Blockchain sein, sondern ein Distributed Ledger mit wenigen Parteien zur Konsens-Findung. Die EZB könnte aber einfachere Lösungen bevorzugen: reine Tokens für kleinere Beträge, zum Beispiel in Weiterentwicklung der alten deutschen Geldkarte, die so schlecht gar nicht war. Offline-Zahlungen wären damit auch möglich. Und für Großzahlungen im B2B-Bereich könnten klassische Konten (mit einem Spiegelkonto bei der Zentralbank) das Mittel der Wahl sein.

Dritter Punkt:

Anonymität? Das Fragezeichen ist zu Recht gesetzt, denn dieses Thema ist umstritten. Die Guten haben Anonymität verdient, aber für die Bösen muss man sie eigentlich begrenzen. Welche Kompromisse möglich sind, wird eine spannende politische Diskussion werden, von der noch nicht klar ist, wie sie ausgeht. Da wir über Software reden, könnte eine Backdoor eingebaut werden, die nur auf Gerichtsbeschluss hin geöffnet werden darf.

Vierter Punkt:

Was ist mit der Schwächung der Geldmengensteuerung durch einen plötzlichen Run in oder aus dem D-Euro? Das wird die EZB nicht zulassen! Sie könnte in der Software Variable einbauen, mit denen sie „over the air“ Mengenbegrenzungen und auch automatische Belohnungen und Bestrafungen – sprich positive und negative Zinsen – nach Bedarf einsetzen kann. Nur als Beispiel: Setzt die EZB den Zinsschalter auf minus 0,5 Prozent, so wird der Halter des D-Euros am 31. Dezember eines Jahres automatisch mit einer „Gebühr“ von 0,5 Prozent fürs vergangene Jahr belastet. Softwaretechnisch ist es einfach, solche Elemente von Smart Contracts in den D-Euro einzubauen.

Fünfter Punkt:

Diese Frage bewegt besonders die Geschäftsbanken: Welche Rolle werden sie rund um den D-Euro spielen? Rein theoretisch braucht man sie für Zentralbankgeld-Konten nicht; die EZB könnte alles direkt mit den Endnutzern abwickeln. Aber mit der Versorgung mit Geldscheinen hat sie das auch nicht getan; noch weniger wird sie es beim D-Euro tun. Die EZB wird zum Beispiel im B2C-Geschäft keine Wallets ausgeben – das werden die Geschäftsbanken übernehmen. Auch all die Services rund um die Wallets, vom Aufladen über Sicherheitsprüfungen und Transfers in andere Währungsformen bis hin zu einem übersichtlichen Reporting. Ganz zu schweigen von Zusatzleistungen, zum Beispiel der Absicherung von Käufen, wie sie bei Paypal längst selbstverständlich sind und wie sie als profitables Zusatzgeschäft auch von klugen Geschäftsbanken angeboten werden können.

Und wann kommt er nun?

Es bleibt die abschließende Frage: Wann wird der D-Euro kommen? Im Zweifel schneller, als wir glauben! Frau Lagarde hat sich recht spontan auf 2025 festgelegt. Das war mutig. Trotzdem sollte es uns nicht wundern, wenn einige kleinere Pilotländer sogar noch schneller sind. Estland ist als digitaler Vorreiter bekannt, hat 1,3 Millionen Einwohner und – nur als Beispiel – gerade einmal 500 Filialen im Lebensmitteleinzelhandel. Also der ideale Pilot, durchaus schon für 2024!

Fazit

Als Fazit können wir feststellen: Wir brauchen den digitalen Euro, wenn uns an einem souveränen Europa gelegen ist. Wir wissen in großen Teilen auch bereits, wie er aussehen kann. Jetzt sollten wir die Einführung mit voller Kraft unterstützen und uns auf die ersten Piloten freuen!