Bionic Advisory hält Einzug in die Finanzbranche

Ein Artikel von Kim Y. Mühl | 16.12.2021 - 11:26
Bild_bionic_Innovation.jpg

Lernen von der Natur ist ein Fortschritt und kein Rückschritt, das wusste auch Bionik-Vorreiter Leonardo da Vinci. © Pixabay

Wer sich mit der digitalen Transformation im Finanzbereich auseinandersetzt, stößt früher oder später auf die „Bionic Advisory“, einen hybriden Beratungsansatz, der sich seit einigen Jahren in Asien und Nordamerika unter technologieaffinen Finanzdienstleistern durchsetzt. Bisher handelt es sich in den meisten Fällen lediglich um modern anmutende Robo Advisors, die mit echter Bionik nur wenig zu tun haben. Mit neuen Schlüsseltechnologien wandelt sich die Bionic Advisory nun jedoch vom Buzzword zu einer ernstzunehmenden Alternative zur herkömmlichen Finanzberatung. 

Die Bionik orientiert sich an der Natur

Die Natur ist agil. Sie ist hypervernetzt. Sie ist nachhaltig. Sie ist ständig im Wandel. Und sie hat Jahrmillionen Vorsprung in der Orchestrierung von komplexen Ökosystemen. Über einen langwierigen Prozess der Adaption, Evolution und Mutation konnten sich Tiere, Pflanzen und andere Organismen perfekt an ihre Umgebung anpassen. Die Fähigkeiten und Eigenschaften, die daraus resultierten, liefern uns heute wertvolle Impulse und Lösungen für innovative Technologien, Prozesse und Systeme.

Das interdisziplinäre Forschungsfeld der Bionik (eine Wortkombination aus „Biologie“ und „Technik“) beschäftigt sich mit dem Übertragen ebendieser Naturphänomene auf die technischen, technologischen und organisatorischen Herausforderungen unserer Zeit. Im Vordergrund stehen dabei das Beobachten, Entschlüsseln und Übertragen von biologischen Vorbildern auf die Technik und die Technologie sowie auf Prozesse und Organisationsformen. In vielerlei Hinsicht orientiert sich die Bionik (engl.: „bionics“, abgeleitet von griech.: „bios“ = das Leben und dem Suffix „-onics“ = das Studium von) also am Leben selbst.

Der Innovationsprozess kann dabei sowohl Top Down als auch Bottom Up stattfinden, je nachdem ob für ein aktuelles Kernproblem eine Lösung in der Natur gefunden werden soll, oder ob praktische Anwendungsmöglichkeiten für ein zuvor beobachtetes Naturphänomen gesucht werden. Dabei geht es jedoch um weit mehr als nur das Imitieren der Natur. Es geht um die Frage, wie ihre Prinzipien und Funktionsweisen erkannt, beobachtet, verstanden und auf technische Herausforderungen der Menschen übertragen werden können. Die daraus entstehenden Errungenschaften können als eine Ergänzung und Weiterentwicklung der menschlichen Fähigkeiten begriffen werden, als Bionic Enhancement.

Schon der Bionik-Vorreiter Leonardo da Vinci hat intuitiv gespürt, dass das Lernen von der Natur ein Fortschritt und kein Rückschritt ist, als er die erste Flugmaschine am Vorbild der Vögel entwarf. Seither ist es mithilfe der Bionik gelungen, biologische Phänomene auf die Architektur, die Luft-, Schiff- und Raumfahrt, die Robotik, Sensorik und Computertechnik, sowie auf viele andere Bereiche zu übertragen. Wir verdanken der Bionik eine Vielzahl von Errungenschaften, denn ohne Vorbilder aus der Tier- und Pflanzenwelt existierten heute weder moderne Flugzeugflügel, Helikopterrotoren und U-Boote, noch der Kompass, das Echolot, das Ultraschallgerät, die Wasser­­stofft­­echnologie, moderne Recylingverfahren, HighTech-Retinaimplantate, Computerviren, dreidimensionale Supercomputer, künstliche neuronale Netzwerke oder Algorithmen, die auf Evolutionsprinzipien beruhen. Um ein paar konkrete Beispiele zu nennen: Künstliche Prothesen ermöglichen Menschen (und Tieren) ein selbstbestimmteres Leben. In der Industrie werden langlebige Dichtringe eingesetzt, die auf dem Selbstheilungsprinzip der Ficus-Pflanze beruhen. In der Architektur revolutionierten von Termitenbauten inspirierte Heiz- und Belüftungssysteme die Branche (Stichwort: Eastgate, Simbabwe). Und Unternehmen organisieren sich zunehmend wie agile und selbstregulierende Öko­systeme (Stichwort Holokratie).

Auch im Finanzbereich ist die Bionik angekommen und ermöglicht unter anderem mithilfe evolutionärer Algorithmen überlegene Finanzportfolios zu erstellen. Die Idee, Naturphänomene auf den Finanzbereich zu übertragen, ist allerdings nicht neu. So wandte ­Leonardo Fibonacci schon im 13. Jahrhundert das von Euklid (ca. 300 v. Chr.) erstmalig beschriebene Prinzip des Goldenen Schnitts auf die Mathematik an – und legte damit den Grundfeiler für Fibonacci-Retracements. Neu sind hingegen die umfassenden Möglichkeiten, die sich aus dem heutigen Stand der Wissenschaft ergeben. Höchste Zeit also, dass wir uns fragen: Was kann die Finanzbranche von der Natur lernen und wie können wir ­dieses Wissen ins digitale Zeitalter über­tragen?

Grafik_bionic_Innovation.jpg

Der Innovationsprozess kann sowohl Top Down als auch Bottom Up stattfinden. © Kim Y. Mühl

Bionic Advisory: die hybride Vermögensanlage

Traditionelle Vermögensverwaltung diskriminiert weite Teile der Gesellschaft aufgrund der Höhe ihres frei verfügbaren Kapitals. Voll-digitale Robo Advisors gewähren zwar vergleichsweise mehr Menschen einen erschwinglichen Zugang zu den Kapitalmärkten, verzichten im Gegenzug aber auf wichtige zwischenmenschliche Komponenten. Denn während digitale Beratungsprozesse Sympathiepunkte gewinnen können, werden Empathie und Vertrauen (im Sinne der Kundenbeziehung) zur größten Herausforderung der digitalen Beratung. Das Trade-off hier lautet also Automatisierung und Skalierbarkeit versus Empathie und Vertrauen. Beide Ansätze haben ihre Berechtigung und Zielgruppe am Markt. Doch zwischen „digital first“ und „oldschool concierge finance“ liegt ein ganzes Spektrum an Ansätzen, die eine ganzheitlichere Betreuung der Vermögenswerte sowie relevantere Kundeninteraktionen ermöglichen, ­allen voran die Bionic Advisory. Die Bionic Advisory (zu Deutsch: Bionik-basierte Vermögensanlageberatung und -vermittlung) kombiniert personalisierte Beratung mit automatisierten Hintergrundprozessen. Vereinfacht ausgedrückt treten Bionic Advisors als Intermediäre und Dolmetscher zwischen Anlegern und Asset Management/Robo Advisor auf: Sie übersetzen die Ziele, Wertvorstellungen und Fitnessfaktoren (Anlageklassen-Präferenzen, erstrebte Rendite, Risiko­bereitschaft/Volatiltät, Sharpe Ratio, Umschichtungs-Präferenzen, usw.) der Kunden gemeinsam mit diesen in Parameter, die anschließend von bionischen State-of-the-Art-Technologien in Anlagestrategien übersetzt werden.

Die Anlagevorschläge selbst kommen hier nicht von den Beratern (oder Asset Managern), sondern von Portfolio Management Systemen die auf Künstliche Intelligenz, maschinelles Lernen und evolutionäre Algorithmen (EA) setzen. Diese Technologien ermöglichen umfassende Portfolio Fitness Tests, erleichtern die Informationsbeschaffung sowie die Mustererkennung, gestatten die vollautomatisierte Erstellung von Portfolios und ermöglichen im Unterschied zu herkömmlichen Computerskripten und -algorithmen gezielt Evolution und Mutation. Letzteres ist unabdingbar, denn das Prinzip des maschinellen Lernens basiert zum schen und digitalen) Wesen, zu experimentieren, Erfahrungen zu sammeln und daraus Schlüsse zu ziehen und zum anderen auf der Fähigkeit, Zufälle zuzulassen und sogar aktiv herbeizuführen. Genau diese Zufälle, die wir sonst üblicherweise als Fehler klassifizieren, sind das Erfolgsrezept der sogenannten Evolutionsbionik.

Im Wesentlichen unterteilt sich die Bionic Advisory in zwei Gruppen: Das ­Digital Advisor-Modell und das High-Touch Advisor-Modell. Ersteres bietet Anlegern den leichten Einstieg in die hybride Vermögensanlage: Menschen leisten die Erstberatung und Parameter-Einrichtung. Anschließend übernimmt eine digitale Plattform. Im Bedarfsfall wird die überwiegend digitalisierte Anlageempfehlung zusätzlich um persönliche Kundenberatung ergänzt. Im Unterschied dazu stellt das High-Touch Advisor-Servicemodell die persönliche Interaktion in den Mittelpunkt und bietet Investoren mit komplexen Finanzbedürfnissen eine maßgeschneiderte Kundenerfahrung. Die Beratung umfasst hier sowohl die traditionellen Angebote im unteren Leistungsspektrum (Low-Tier Leistungsklassen) als auch die individuelle Unterstützung bei der Finanz-, Vorsorge- und Nachlassplanung. Hinsichtlich des Anlageuniversums ist die Bionic Advisory – im Unterschied zu den meisten Robo Advisors – allerdings nicht auf ETFs und wenige Strategien (Modellportfolios) beschränkt, die auf alle Kunden angewandt werden. Vielmehr ist das an die Beratung geknüpfte Bionic Wealth Management aufgrund leistungsstarker Research- und Portfoliomanagementsysteme in der Lage, digitale Anlagetechnologie mit fundierter Erfahrung zu kombinieren. Die so entstehenden Strategien können von virtuellen Musterdepots bis hin zu maßgeschneiderten Port­folios reichen (z. B. Custom ESG).

Bild_Kim_Muehl.jpg

Kim Y. Mühl ist ehemaliger Head of Research & Business Development Europe eines global agierenden FinTech-Unternehmens aus dem Private Banking-Umfeld. Er setzt sich beruflich wie auch privat intensiv mit Bionik, Nachhaltigkeit und dem Digitalen Wandel auseinander und teilt seine Expertise als Autor, Berater, Coach und Ghostwriter.

Bionic Advisory leitet einen Paradigmenwechsel ein

Die hybride Bionic Advisory kombiniert die wichtigsten Kompetenzen des Menschen – etwa bei der Erstellung von algorithmischen Leitplanken und ethischen Richtlinien – mit der unbestreitbaren Logik und grenzenlosen Kapazität der Informationserfassung und -verarbeitung von Maschinen. Im Fokus steht stets die persönliche zwischenmenschliche Beziehung. Sie stellt die Vertrauensbasis der Zusammenarbeit dar und kann sowohl analog als auch digital stattfinden. Im Hintergrund unterstützen digitale Technolo­gien und datengetriebene Customer Relationship Management-Systeme (CRM) die Bionic Advisors dabei, ihre begrenzten Ressourcen (Zeit und Aufmerksamkeit) optimal zu verteilen, den gesamten Kundenlebenszyklus zu begleiten und nachhaltige Anlagestrategien gezielt nach den individuellen Interessen und Lebenssituationen der Kunden zu erstellen. Erweitert um Technologie ist der menschliche Service so in der Lage, Kunden bei allen Finanzentscheidungen schnell, flexibel und individuell, aber auch persönlich und empathisch zu unterstützen. Damit verändert sich der üblicherweise ­lineare Beratungsprozess grundlegend: Anstatt Finanzprodukte und Anlagestrategien im stillen Kämmerchen zu entwickeln und anschließend zu „pushen“, treten Bionic Advisors mit ihren Kunden in ein partnerschaftliches Verhältnis, das auf Dialog, Interaktion, Transparenz und Vertrauen basiert.