Das 100-Tage Fazit

Ein Artikel von Dunja Koelwel | 21.05.2021 - 09:04

Die ersten 100 Tage als Vorsitzender sind vorbei. Wie ist Ihr erstes Fazit?

Andreas Schelling: Mein erstes Fazit ist natürlich auch geprägt von unseren Entwicklungen in den letzten Jahren, in denen wir das OSPlus-Kernbanksystem zu einer digitalen Finanzplattform für die Sparkassen-Finanzgruppe mit entsprechenden Beratungs-, Service- und Produktabschlussprozessen für die Filiale, das Kundenservice-Center sowie die digitalen Kanäle ausgebaut haben. Dabei haben wir viel Energie aufgewandt, um die Verbundpartner, wie die Deka, die Versicherungen oder auch die Landesbausparkassen, immer tiefer in die Anwendungen und digitalen Kanäle zu integrieren.

Aktuell haben die Sparkassen 12,7 Millionen aktive Kunden in der Internet-Filiale und 11,4 Millionen aktive Nutzer der Sparkassen-App. Das ist ein sehr guter Stand, aber mit Blick auf eine Welt, die immer digitaler wird, stringent weiter auszubauen. Um diesen Prozess gezielt zu unterstützen, werden meine Kollegen und ich die FI zu einem Digitalisierungspartner weiterentwickeln, mit Standardlösungen für Sparkassen und Verbund, die Kunden begeistern.

Unsere Erfahrungen zeigen, dass es heute nicht mehr reicht, einfach nur eine Funktion oder einen Service zu entwickeln und diese in der Internet-Filiale oder Sparkassen-App bereitzustellen. Die Kunden erwarten schlanke Prozesse, die es ihnen einfach, sicher und bequem machen. Nur wenn uns das gelingt, werden die Sparkassen auch in den digitalen Kanälen die Kunden vom Angebot überzeugen und damit die Kunden in der digitalen Welt an sich binden. Es freut mich sehr, dass unsere Führungskräfte, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter diese strategische Ausrichtung unterstützen und mit großem Engagement die neuen Zielsetzungen und Aufgaben angehen.

Uns war wichtig, dass alle Kolleginnen und Kollegen frühzeitig in diesen Veränderungsprozess eingebunden werden, denn wir müssen diesen umfassenden Wandel gemeinsam gestalten, um unsere Ziele zu erreichen. Das betrifft Prozesse und Abläufe, das Zusammenspiel mit unseren Partnern und Kunden und nicht zuletzt ein Umschalten in unseren Köpfen. Nur wenn die Kunden in der digitalen Welt erfolgreich sind, werden auch wir mit unseren Anwendungen und IT-Dienstleistungen erfolgreich sein. Wir erfahren hier breites Verständnis und Zustimmung. Alles in allem nehme ich eine Aufbruchsstimmung wahr, so dass mein erstes Fazit nach rund 100 Tagen positiv ausfällt. 

Sie sprechen davon, dass Sie die FI noch stärker als bisher als Digitalisierungspartner der Sparkassen und auch des Verbundes positionieren wollen. Welche Projekte sind bereits gelaufen?

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Andreas Schelling (Jhg. 1964), Diplom-Physiker, startete seine berufliche Laufbahn nach dem Studium und einer Tätigkeit bei einer Unternehmensberatung als Anwendungsentwickler bei einer Vorgängergesellschaft der Finanz Informatik (FI). Nach mehreren Stationen als Gruppenleiter Anwendungsarchitektur, Abteilungsleiter Projekt- und Produktmanagement, Prokurist und schließlich Geschäftsbereichsleiter Produktmanagementanwendungen wurde Andreas Schelling im Jahr 2003 zum Generalbevollmächtigten der Sparkassen Informatik und anschließend der FI ernannt. 2010 wurde er in die Geschäftsführung der FI berufen, in der er das Ressort Anwendungsbereitstellung verantwortet. Zum 1. Januar 2021 übernahm er den Vorsitz der Geschäftsführung der FI.

Andreas Schelling: Die FI trägt bereits heute viel Verantwortung bei der Digitalisierung der Sparkasse-Finanzgruppe. Insbesondere das letzte Jahr hat noch einmal eindrucksvoll gezeigt, wie wichtig es ist, dass Banken und Sparkassen neben einer guten regionalen Präsenz in den Filialen vor Ort auch ein breites Angebot von Service- und Produktabschlussprozessen in den digitalen Kanälen anbieten. Die Welt wird immer digitaler und Corona hat diesen Prozess noch einmal stark beschleunigt. Daher wollen wir das digitale Angebot der Sparkassen deutlich weiter ausbauen, damit die Kunden begeistern und an die Sparkassen binden.

Gemeinsam mit unseren Partnern im Verbund wollen wir bis zum Jahresende weitere 1,5 Millionen aktive Online-Banking Kunden gewinnen und das Angebot in der Internet-Filiale und Sparkassen-App weiter ausbauen. Den Kunden stehen heute in diesen digitalen Kanälen rund 75 fallabschließende Produktabschluss- und Serviceprozesse zur Verfügung, welche weiter ausgebaut, optimiert und mit neuen Mehrwerten angereicht werden. Die Kunden können bereits heute in der Internet-Filiale oder Sparkassen-App ein Girokonto oder ein Depot eröffnen, Wertpapiere kaufen oder verkaufen, Wertpapier-Sparpläne oder auch einen Konsumentenkredit abschließen.

Selbstverständlich können die Kunden auch ihre Anschrift ändern, ihre Limite anpassen oder einen Termin vereinbaren. Gemeinsam mit unseren Partnern im Verbund haben wir uns das Ziel gesetzt, dass die Sparkassen auch in den digitalen Kanälen immer mehr Produkte verkaufen. Dazu werden wir die Prozesse aus Kundensicht weiter verschlanken und vereinfachen. Bis Ende 2022 sollen die Sparkassen so eine Million Produktabschlüsse in der Internet-Filiale und Sparkassen-App pro Monat erreichen.

Was ist geplant bis Jahresende?

Andreas Schelling: Um unsere Kunden wirklich zu begeistern, müssen wir in der FI durchgängige Verantwortlichkeiten für unsere Anwendungen, Produkte und Dienstleistungen etablieren. Diesen Change treiben wir in diesem Jahr strukturiert voran. Ziel ist es, die Eigenverantwortung in den Teams zu stärken und eine umfassende End-to-End-Verantwortung in unserer Organisation abzubilden. 

Wir wollen zudem agiler und schneller werden. Das bedeutet auch, dass wir uns in diesem Jahr merklich auf den Weg begeben, ein höheres Tempo bei der Entwicklung und im Rollout zu erreichen. Unsere technologische Plattform wird dazu künftig eine einfachere, schnellere und unkompliziertere Einführung von Anwendungen ermöglichen.

Fachliche OSPlus_neo Anwendungen und Standardprozesse werden als Pakete definiert und stärker von der OSPlus-Basis-Plattform getrennt. Unsere Zielvorstellung ist, dass unsere Kunden zukünftig ein OSPlus-Release sehr viel einfacher und mit weniger Aufwand in der Breite einführen können. Ideal wäre es, wenn wir unser Vorgehen an Apple mit seinen iOS-Releases annähern könnten. Auch Apple stellt heute mehrfach im Jahr große iOS-Releases mit zahlreichen neuen Funktionen und Sicherheitsfeatures bereit, an die wir Kunden uns gewöhnt haben und jeder ganz einfach und sicher auf seinen Apple-Geräten einsetzen kann. 

Ein weiterer wichtiger Handlungsstrang wird in diesem Jahr die kundenzentrierte Entwicklung von schlanken Prozessen und einfachen Anwendungen sein. Wir werden die Endkunden sehr viel stärker in unsere Konzeptionen und Entwicklungen einbinden und unsere Anwendungen gezielt mit Endkunden erproben. Ich habe unseren Führungskräften, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter empfohlen, sich bildlich auf den Stuhl der Endkunden zu setzen, und zu überlegen, wie wir eine Anwendung und einen Prozess bauen müssen, damit diese die Endkunden begeistern.

Nur wenn uns das gelingt, werden die Sparkassen auch in der digitalen Welt erfolgreich sein. Und ich kann Ihnen sagen, dass es immer besser funktioniert. In den letzten zwölf Monaten konnten wir die Anzahl der erfolgreichen Produktabschlüsse in der Internet-Filiale und Sparkassen-App bereits auf gut 500.000 pro Monat steigern.

Bei den Volks- und Raiffeisenbanken und ihrem IT-Dienstleister, Fiducia GAD, hat ein gewaltiger Umbau begonnen. Der neue Chef, Martin Beyer, kündigte an, die Bank-IT im großen Stil zu verschlanken, Prozesse zu beschleunigen und zu automatisieren. Wie sehen Sie sich hier im Vergleich aufgestellt?

Andreas Schelling: Auch wenn beide Unternehmen die zentralen IT-Dienstleister für die jeweilige Verbundgruppe sind und im digitalen Wettbewerb vor den gleichen Herausforderungen stehen, haben wir sehr unterschiedliche Ausgangsituationen. Wir setzen auf der leistungsfähigen und aus technologischer Sicht sehr modernen Finanzplattform OSPlus auf, die beispielsweise schon komplett Service-orientiert ist. 

OSPlus unterstützt heute die Sparkassen von der Filiale, über das Kunden-Service-Center bis zum Smartphone des Endkunden mit fallabschließenden OSPlus_neo Beratungs-, Service- und Produktabschlussprozessen. Und die können auch kanalübergreifend weitergereicht und dann fortgesetzt werden können. Auf dieser Basis gestalten wir das Banking von morgen. Uns ist wichtig, dass wir zukünftig mit unseren fallabschließenden Prozessen auch die Nacharbeiten in den Sparkassen auf ein Minimum reduzieren und damit die Effizienz in der Marktfolge weiter erhöhen. 

Andererseits hat die Fiducia GAD gerade mit Blick auch die Verbundpartner für das Wertpapier-Geschäft, Versicherungen und Bausparen spürbare Vorteile in der Anwendungsentwicklung und Einführung bei ihren Kunden. In diesem Umfeld ist die Sparkassen-Organisation noch deutlich breiter aufgestellt, welches bei uns beispielsweise die Integration von mehreren Versicherungen mit ihren individuellen Angeboten in unsere OSPlus_neo Prozesse erforderlich macht.

Auch die Themen Agilität und New Work hat die Fiducia GAD deutlich vor uns in Angriff genommen. Wir beschäftigen uns erst seit diesem Jahr mit der Fragestellung, ob wir auch wie die Fiducia GAD eine komplett agile Unternehmensorganisation einführen sollen. Aktueller Stand unserer Überlegungen ist, dass wir unsere Prozesse und Abläufe weiterhin konsequent agil ausrichten werden, aber eine vollständige Umstellung auf eine agile Unternehmensorganisation nicht anstreben. Wir haben in den letzten Jahren mit dieser Vorgehensweise bereits gute Erfahrungen gemacht und viele Kolleginnen und Kollegen sehen gerade in der Kombination aus einer klassischen Organisationsstruktur in Verbindung mit agilen Projektstrukturen und modernen New Work Vereinbarungen eine gute Ausrichtung für die Zukunft.