So setzen Broker auf Trading-Plattformen für das Risikomanagement

Ein Artikel von Evgeny Sorokin, Leiter der R&D-Abteilung bei Devexperts | 27.04.2020 - 14:02

Da digitale Währungen ebenfalls OTC-Instrumente sind, weisen die Gefahren des Kryptohandels und die Risiken, die OTC-Broker mit anderen Anlageklassen eingehen, viele Ähnlichkeiten auf. Dieser Artikel beschränkt sich jedoch auf die Risiken, die die Broker beim Trading mit Kryptowährungen auf sich nehmen.

Die größten Risiken im Handel mit Kryptowährungen

Der Markt für Kryptowährungen ist – ebenso wie der Devisenmarkt – ein weltweiter, dezentralisierter und außerbörslicher Finanzmarkt. Hier schließen Käufer und Verkäufer elektronische Verträge über die zugrunde liegenden Kryptowährungen ab. Da die entsprechenden Börsen aber weder reguliert noch mit anderen Börsen verbunden sind, gibt es kein Clearing und keine garantierten Wechselkurse. So haben Broker gewisse Freiheiten bei der Auswahl ihrer Strategie, um die mit dem Kryptokurs verbundenen Risiken zu minimieren. 

Das Markt-/Kursrisiko

Eines der größten Risiken ist die sehr hohe Volatilität. Die Märkte für Kryptowährungen sind instabil und nicht reguliert, ihre Kurse hängen von zu vielen verschiedenen Faktoren ab. Darüber hinaus beruhen Kryptowährungen auf keiner klaren Basis, auf deren Grundlage man ihren Wert objektiv messen könnte. Deshalb sind sie stark vom Medien- und Internet-Hype beeinflusst – und nicht vom tatsächlichen Wert der, wie gesagt, schwer zu ermitteln ist.

Die Strategien für das Kursrisikomanagement, die von den Brokern angewendet werden, sind technisch oft sehr komplex und relativ ausgereift. Die bekanntesten unter ihnen sind die A-Book- und die B-Book-Strategien. Wie Broker die Trades auf das A-Book- oder das B-Book-Modell aufteilen – nach Kunde, Instrument, Trading-Sitzung oder dem allgemeinen Exposure des Unternehmens – hängt von ihrer Risikomanagementstrategie und ihrer allgemeinen Risikobereitschaft ab.

In den meisten modernen Trading-Plattformen sind beide Modelle bereits in Form eines Risikomanagementmoduls integriert. Hierbei kann man die Auswahl der Strategie mit einem Schalter vergleichen: Wenn Broker angesichts der aktuellen Marktsituation mit dem A-Book-Modell arbeiten und alles mit einem Kontrahenten absichern möchten, legen sie den „Schalter“ einfach um. Beim A-Book-Modell treten sie als Intermediär zwischen dem Trader und dem Market-Maker oder dem Finanzinstitut auf, an das sie zur Absicherung ihrer offenen Positionen eingehende Orders senden. Das Sicherungsgeschäft mit dem Kontrahenten erfolgt automatisch in dem Moment, an dem die Transaktion mit dem Privat-Trader bestätigt wird.

Sind Broker bereit, das Kursrisiko selbst zu übernehmen, können sie nach dem B-Book-Modell verfahren und das Orderbuch intern führen. Sie legen nun den „Schalter“ innerhalb des Risikomanagementmoduls der Trading-Plattform wieder um: Damit internalisieren sie das Risiko der Kauf- und Verkaufsorders, ohne sie durch einen Kontrahenten abzusichern. Alle FX-Plattformen, also auch Kryptowährungsplattformen, sind so konzipiert, dass sie Trades anhand der vom Liquiditätsprovider gestellten Kurse ausführen, die im System (auf der Plattform) gespeichert sind.

Sprich: Broker sollten Software einsetzen, die die geeigneten Mittel für ein effektives Trading bereitstellt, zum Beispiel durch die unterschiedliche Absicherung von Trades je nach Kunde, Instrument oder Symbol. Die Software sollte in Lage sein, Exposure- und Risikokennzahlen zu berechnen und die Sicherungsstrategien anhand der aktuellen Volatilität, des Exposures und mit Analysen zu optimieren. Broker können außerdem die Marktentwicklung verfolgen und mit Handelsstoppfunktionen arbeiten, um Verluste durch Flashcrashs zu vermeiden. Die Software fasst wichtige Marktzahlen und Schlagzeilen zusammen und meldet plötzliche Marktbewegungen. Sie sollte es ermöglichen, den Handel mit risikoreichen Finanzinstrumenten sofort auszusetzen und wiederaufzunehmen, falls laut Protokoll ein bestimmtes Ereignis eintritt.

Manche Broker konfigurieren die Software beispielsweise so, dass sie bei einer Kursbewegung von 1 % reagiert, manche setzen 10 % als Grenze fest. Erfolgt eine Warnmeldung zu einer plötzlichen Kursbewegung, kann das System die „Notbremse“ ziehen. In diesem Fall setzt die Handelsstoppfunktion die betreffende Währung (zum Beispiel EUR) auf den Modus „Kein Handel“, „Nur Short“ oder „Nur Long“. Das System blockiert dann so lange alle Transaktionen mit diesem Instrument, bis es die Gründe ermittelt hat.

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Evgeny Sorokin ist Leiter der R&D-Abteilung bei Devexperts, einem Entwickler von Handelsplattformen und Finanzmarktdaten-Lösungen für private und institutionelle Kunden. Er verantwortet die Entwicklung und Durchführung verschiedener Projekte für den Finanzmarkt, bei denen es sich meist um Lösungen für das Trading- und Vermögensmanagement handelt.

Das Liquiditätsrisiko

Ein weiteres großes Risiko ist die dünne Liquidität. Es können keine größeren Volumina aufgekauft werden, ohne den Markt zu bewegen. Der Grund für die geringe Liquidität könnte darin liegen, dass die Finanzinstitute noch nicht voll involviert sind. Im Vergleich zu etablierten Währungen ist das Marktvolumen für Kryptowährungen nach wie vor gering.

Hinzu kommt, dass die Liquidität auf viele Handelsplätze verstreut ist: Zwar gibt es überall auf der Welt Tausende von Kryptobörsen, doch diese sind nicht miteinander verbunden. Hier ist auch keine Änderung zu erwarten, denn die Kryptobörsen arbeiten mit eigenen, relativ unterschiedlichen Trading-Systemen. Sie miteinander zu verknüpfen wäre zeitaufwendig und kostspielig.

Um das Liquiditätsrisiko zu verringern, sollten Broker mit mehreren Kontrahenten arbeiten und mit ihren Liquiditätsprovidern beträchtliche Geldmittel und/oder Margins vereinbaren. Darüber hinaus empfiehlt sich der Einsatz einer Software, die sie mit mehreren vorgelagerten Systemen (Feeds) verbindet und es ermöglicht, schnell zwischen den Feeds hin- und herzuwechseln. Auch ein Warnsystem ist hilfreich: Die Handelsplattform sollte Benachrichtigungen verschicken, wenn die Limits für offene Nettopositionen bald erreicht sind. Das gleiche gilt für unzureichende Geldmittel oder Margin Calls: Mit der Alert-Funktionalität können Broker im Vorfeld absehen, wann der Liquiditätsprovider das Öffnen neuer Positionen blockiert, um nicht Ihr Risiko zu übernehmen.

Das Kontrahentenrisiko

Leider wissen Broker im Vorfeld weder, wann der Trader eine Transaktion eröffnet noch zu welchem Zeitpunkt sie sie beim Kontrahenten absichern müssen. Deshalb ist ein Kontrahent notwendig, der durchgehend verbindliche Geld- und Briefkurse stellt und jederzeit bereit ist, mit den veröffentlichten Kursen zu handeln. Um dem damit verbundenen Risiko zu begegnen, sollten Broker Ihren Hebel verringern. Dieser hängt zwar auch von der Risikofreude des Brokers ab, doch nach modernen Maßstäben gilt ein Hebel von 100:1 und mehr als hochriskant. Für verantwortungsbewusste, europäisch regulierte Broker hat die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) eine Hebelwirkung von 2:1 für Kryptowährungen festgelegt.

Darüber hinaus sollten Broker ein Margin-Call-, Glattstellungs- und Stop-Out-System einführen und eine Software einsetzen, die dieses Liquidations- und Marginsystem automatisiert. Zudem ist es wichtig, mit renommierten, erfolgreichen Liquiditätsprovidern zusammen, die eine gute Bilanz vorweisen können. Zu guter Letzt sollten Broker auch den Prozessen zur Legitimationsprüfung ihrer Kunden (KYC) genügend Zeit und Aufmerksamkeit widmen.

Das Technische Risiko

Unter technischen Risiken sind ISP- oder Netzwerkprobleme, Probleme mit der Software des Kontrahenten, Systemausfälle, Fehlfunktionen, Bugs der Trading-Software des Brokers oder Cyberangriffe zu verstehen. Um diese Gefahren auf ein Minimum zu reduzieren, sollten Broker in eine hochwertige, redundante und latenzarme Konnektivität investieren. Hierfür eignet sich eine qualitativ hochwertigen Plattform, die neben einer Warn- und Ausfallsicherungsfunktionalität auch Möglichkeiten zum Datenabgleich bietet. Die verwendete Software sollte nicht nur gründlich auf ihre Funktionalität, sondern auch auf einen ausreichenden Schutz vor Intrusions-, Penetrations- und DDoS-Angriffen hin getestet werden.

Inwiefern unterscheiden sich die Risiken von Kryptowährungen von denen anderer Assets?

Kryptowährungen unterscheiden sich von anderen Anlagen darin, dass es sich um relativ neue Finanzinstrumente handelt. Darüber hinaus ist ihre Marktliquidität sehr gering. Hinzu kommt, dass die bislang laxe Regulierung des Handels mit Kryptowährungen Betrügern Vorschub leistet. All das erhöht die Risiken, die mit traditionellen OTC-Instrumenten ohnehin schon verbunden sind.

Einer der größten Unterschiede zu anderen außerbörslich gehandelten Werten ist der Umgang mit Krypto-Geld: Einzahlungen und Abhebungen erfolgen über Cryptowallets, bei denen ein gewisses Diebstahlrisiko besteht. Cryptowallets sind meist zusätzliche Softwarekomponenten, die nicht zur Trading-Plattform gehören. Sie sind zwar sehr unterschiedlich, haben aber alle etwas gemeinsam: Zum einen können Cryptowallet-Transaktionen potenziell nicht rückgängig gemacht werden. Zum anderen gehen Private Keys oft verloren oder werden gestohlen. Das führt rasch zu nicht wiedergutzumachenden Verlusten: Im Gegensatz zu Fiatgeld ist Kryptogeld bei Verlust oder Diebstahl höchstwahrscheinlich für immer verloren.

Warum ist eine Trading-Plattform wichtig?

Um alle oben aufgeführten Risiken zu minimieren, sollte die Trading-Plattform ein Risikomanagementmodul beinhalten und aus Gründen der Nutzerfreundlichkeit sämtliche Vorgänge über ein und dasselbe Dashboard erfolgen.

Übliche Funktionen eines Risikomanagementmoduls:

•  Anzeige des Exposures des Brokers gegenüber dem Kontrahenten und gegenüber den Tradern (beispielsweise wenn Kunden verdächtig viel Glück haben und hohe Gewinne auf Kosten des Brokers machen oder wenn der Broker einem Kontrahenten zu hohe Summen schuldet)

• Automatischer und manueller Risikoausgleich über den Liquiditätsprovider

• Echtzeitkontrolle des Status von Kundenkonto/Kundenportfolio

• Diversifizierung nach Trader-Typ

•  Integrierter News-Feed, mit dem der Broker den Markt stets im Blick hat

•  KYC-Module für das Onboarding

Die heutigen Trading-Plattformen sind relativ flexibel: Sie ermöglichen es, neue Module hinzuzufügen, wenn ein Brokerunternehmen beispielsweise wächst und ein Modul aktualisieren oder ein neues Modul integrieren möchte.