SERIE: NACHHALTIGKEITSRISIKEN RICHTIG EINORDNEN

Für stürmische Zeiten wappnen

Ein Artikel von Aristedeus Tumaini, Senior Consultant bei PPI | 30.11.2020 - 08:08

Harvey und Katrina halten gemeinsam einen Weltrekord, der Banken und Versicherungen selbst in der Rückschau noch den Schweiß auf die Stirn treibt. Die beiden Hurrikane sind die teuersten Wirbelstürme, die je das US-amerikanische Festland heimsuchten. Die Schadensumme lag jeweils bei rund 125 Milliarden US-Dollar. Und die Sturmfrequenz steigt: Mit Eta wurde Anfang November 2020 bereits der 28. Hurrikan der Saison gezählt – so früh wurde diese ohnehin seltene Anzahl noch nie erreicht.

Der Klimawandel ist längst da

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Autor: Aristedeus Tumaini ist Senior Consultant bei PPI .

Die Umweltveränderungen infolge der Erderwärmung werden durch diese Naturereignisse greifbar. Spätestens, wenn als Sicherheit geführte Gebäude einfach weggespült werden oder ganze Straßenzüge nicht mehr in der Lage sind, ihre Immobilienkredite zu bedienen, erreichen die Auswirkungen solcher Extremwetterereignisse auch die Banken. Und die Zunahme solcher Großschadenereignisse infolge von Klima- und Umweltveränderungen ist höchst wahrscheinlich. Dessen sind sich die Aufsichtsbehörden bewusst. Die BaFin und die EZB legen den Instituten im unlängst veröffentlichten Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken beziehungsweise dem Leitfaden zu Klima- und Umweltrisiken nahe, in ihren Risikokalkulationen künftig Nachhaltigkeitsrisiken zu berücksichtigen.

Begriffsbestimmungen

Was verbirgt sich eigentlich hinter dem abstrakten Begriff der Nachhaltigkeitsrisiken? In jedem Fall mehr als nur Risiken durch Klimaveränderungen und Umweltschäden. Auch ökologische, soziale und Governance-Faktoren sind inbegriffen. Am besten trifft es der Begriff der ESG-Risiken. Die Abkürzung steht für Umwelt, also (E)nvironment, (S)oziales und (G)overnance. Entsprechend fallen potenzielle Verluste in Form von Vermögens-, Ertrags- oder Reputationsschäden durch Ereignisse aus den genannten Bereichen unter diese Risikodefinition. Um Ordnung in die Risikoklasse zu bekommen unterscheidet die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) zwischen physischen und transitorischen Risiken. Erstere sind noch einmal in direkte und indirekte Faktoren unterteilt.

Physische Risiken

  • Direkte physische Risiken: Schäden oder Störungen im Geschäftsablauf durch Klima- oder Umweltveränderungen. Beispiele sind Extremwettereignisse wie Stürme, Überflutungen, Hagel, Trockenheit oder sehr starker Schneefall, aber auch das Aussterben bestimmter Tierarten. Banken sind selten von diesen Risiken betroffen, sofern sie nicht in entsprechend gefährdeten Gebieten ansässig sind.
  •  Indirekte physische Risiken: Diese schlagen in fast allen Risikoarten zu Buche. Sie umfassen die bei den Kunden der Institute durch Klima- und Umweltereignisse eingetretenen Schäden oder Verluste sowie die daraus resultierenden Zahlungsausfälle gegenüber der Bank.

Transitorische Risiken

Der Begriff umfasst die Übergangsrisiken bei der Umstellung auf eine ökologischere Wirtschaft. Beispiele sind Umweltabgaben, die Verteuerung fossiler Brennstoffe oder die Subvention der Elektromobilität. Auch vom Klimawandel angestoßene technische Innovationen lassen sich hierunter subsummieren. Die Manifestation zeigt sich meist in Bewertungsrisiken wie einer Wertminderung von Immobilien, dem Wertverfall von Sicherheiten und in Reputationsrisiken.

Zwischen physischen und transitorischen Risiken besteht eine Interdependenz. Gibt es beispielsweise keine größeren Eingriffe ins Gesellschaftsgefüge zur Reduktion der Treibhausgasemissionen, kommen die Umweltereignisse deutlich heftiger und häufiger vor. Umgekehrt lassen starke legislative Maßnahmen Transitionsrisiken eher eintreten, reduzieren dafür aber die Folgen des Klimawandels.

Bedeutung von ESG-Risiken für die einzelnen Risikoarten

Den Zentralbanken und Aufsichtsbehörden zufolge sind Nachhaltigkeitsrisiken ein Faktor bei allen aufsichtsrechtlich wesentlichen und unwesentlichen Risiken. Folglich müssen die Institute sie in die bestehende Risikokultur respektive -landschaft integrieren. Mit weitreichenden Implikationen für Bankstrategie, Geschäftsorganisation und Risikomanagement. Aber wie sehen die Auswirkungen hinsichtlich der ökonomisch und aufsichtlich wichtigen Kredit-, Marktpreis-, Liquiditäts- und operationellen Risiken aus? Denkbare Fallbeispiele:

Kreditrisiko
Der Kreditnehmer eines Instituts wird von gesetzgeberischen Maßnahmen zur Reduzierung der Treibhausgasemission getroffen, etwa einer CO2-Bepreisung. Dadurch bedingt sinkt seine Kapitaldienstfähigkeit, es droht der Zahlungsausfall.

Marktpreisrisiko
Marktpreise reagieren vor allem in den vergangenen Jahren sehr empfindlich auf größere Naturereignisse, sogenannte Event-Risks. Preissteigerungen auf den Rohstoff- oder Energiemärkten aufgrund von politischen Maßnahmen zählen dagegen zu den transitorischen Risiken.

Liquiditätsrisiko
Auswirkungen können sich in einer Reduzierung der Liquiditätspuffer zeigen, wenn Kunden ihre Ersparnisse zur Sanierung erlittener Zerstörungen nutzen. Zunehmende Kredit- und Marktrisiken durch Klima- und Umweltschäden erschweren zudem die Refinanzierung am Interbankenmarkt.

Operationelles Risiko
Natürlich können Banken auch direkt in ihrem operationellen Geschäft betroffen sein, beispielsweise durch Hochwasser und Stromausfälle nach Stürmen. Institute sollten zudem vorsichtig sein, wenn sie weiterhin Geschäftsbeziehungen mit sogenannten „schmutzigen“ Unternehmen pflegen, hier drohen Reputationsschäden.

Diese Folgen müssen Banken in ihrer zukünftigen Risikostrategie abbilden und ihre Risikoorganisation entsprechend anpassen. Was das bedeutet, lesen Sie im zweiten Teil der Serie „Nachhaltigkeitsrisiken richtig einordnen“.

Serie: Nachhaltigkeitsrisiken richtig einordnen

Teil 1: Risikodefinition und potenzielle Auswirkungen auf die weiteren Risikoarten

Teil 2: Abbildung von Nachhaltigkeitsrisiken in der Risikoorganisation und der Risikostrategie (zu lesen ab 14.12.2020 auf gi Geldinstitute)

Teil 3: Praktische Überlegungen – Scoring-Modell und Stresstests (zu lesen ab 11.01.2021 auf gi Geldinstitute)

Detaillierte Informationen zum Thema finden Interessierte im Whitepaper „Nachhaltigkeitsrisiken richtig einordnen“. Es steht auf der Website von PPI kostenlos zum Download zur Verfügung.