Förderbanken als unkomplizierte Helfer

Ein Artikel von Stefanie Walter | 22.05.2020 - 06:38

Galten Banken 2008 als Auslöser der Krise, sind sie aktuell für viele ein willkommener Helfer in akuter Not. Firmen- und Privatkunden schätzen in der aktuellen Situation ihre Hausbank als soliden Partner, der sich in Zusammenarbeit mit Förderbanken um schnelle, nachhaltige Lösungen bemüht und persönliche Verbundenheit bietet. Die Banking-Experten diskutierten unter anderem darüber, welche Rolle Förderbanken bei der Bewältigung der Krise spielen können. 

Beate Siewert (Abteilungsdirektorin Fördergeschäft, Bundesverband Öffentlicher Banken):  Deutschland hat sich sehr schnell für eine Unterstützungen seiner Unternehmen entschieden und sofort ein dichtes Netz an Hilfen für die Wirtschaft gestrickt, das auf der bewährten Zusammenarbeit zwischen Förderbanken und Hausbanken basiert. Darauf können wir stolz sein und um unser funktionierendes System beneiden uns auch die anderen europäischen Länder. 17 regionale Institute sowie die KfW und die landwirtschaftliche Rentenbank auf Bundesebene leisten wichtige Dienste für die regionale und bundesweite Wirtschaftsförderung. Diese Aufstellung kommt uns auch in der Corona-Krise zu Gute.

Mit Beginn der Krise galt es zunächst, den Förderbedarf zu ermitteln und für die unterschiedlichen Kundengruppen die geeigneten Instrumente anzubieten. Alle Förderbanken haben binnen kürzester Zeit für ihren Wirkungsbereich Programme aufgestellt. Die Soforthilfen des Bundes wurden durch weitere Zuschüsse der Länder kräftig aufgestockt und über die regionalen Förderbanken ausgezahlt. Die KfW nutzt das Instrument der Kredite für ihre Sonderprogramme und den Schnellkredit. Hier lagen Mitte Mai schon annähernd 40.000 Anträge mit einem Kreditvolumen von über 35 Mrd. Euro vor. In allen Förderbanken gehen täglich viele Anträge ein, die mit einem sehr großen Einsatz der Mitarbeiter bewältigt werden.

Die jetzt auftretenden Schwierigkeiten wurden ja nicht von den Unternehmen selbst verursacht, sondern sind pandemiebedingt. Dies ist eine Ausnahmesituation, die wir in dieser Form noch nicht hatten. Ganze Branchen sind komplett lahmgelegt. In Bundesländern wie Schleswig-Holstein, Bayern oder Mecklenburg-Vorpommern ist von einem Tag auf den anderen der komplette Tourismussektor zusammengebrochen. Eine Soforthilfe hilft kurzfristig. Aber wir müssen darüber nachdenken, wie es dann weitergeht. Und das tun wir bereits.

In den Banken laufen unheimlich viele Prozesse im Hintergrund, die der Kunde gar nicht mitbekommt. Eine ganze Reihe von Regularien bedurfte einer Anpassung oder Interpretation. Um beispielsweise eine Stundung einräumen zu können, müssen die bankaufsichtlichen Regelungen dies auch erlauben und die Bilanzierungsrichtlinien entsprechend ausgelegt werden dürfen. Förderbanken müssen sich an die Regelungen des europäischen Beihilferechts halten. Mit Eintreten der Coronapandemie wurde durch die EU-Kommission kurzfristig ein befristeter Beihilferahmen geschaffen, der die Grundlage für die zahlreichen Förderangebote bildet.

Auch wenn nicht alles perfekt ist, so kommen uns die Fortschritte in der Digitalisierung doch deutlich zu Gute. So war die Online-Antragstellung bei den meisten Förderbanken schon vor der Krise flächendeckend möglich.

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Beate Siewert (Abteilungsdirektorin Fördergeschäft, Bundesverband Öffentlicher Banken: „Prozesse werden in allen Häusern seit einiger Zeit digitalisiert. Diese Entwicklung wurde jetzt noch einmal deutlich beschleunigt und auf alle Kanäle verbreitert. Vieles klappt gut – aber natürlich ist noch vieles verbesserungsfähig. Aber der Bankensektor hat in der Krise gezeigt, dass er sich dem digitalen Wandel erfolgreich stellen kann.“ © Copyright Andreas Neßlinger

Wie sehen die Hausbanken das Zusammenspiel mit den Förderbanken?

Tim Hesse (Marktregionsleiter Unternehmerkunden, Commerzbank): Der Verzicht auf eine weitere Risikoprüfung durch die KfW hat den Antragsprozess enorm beschleunigt. Sowohl die Hausbanken als auch die Förderbanken haben das gemeinsamen Ziel, die Wirtschaft zu unterstützen. Das haben wir in den Verhandlungen über die Ausgestaltung der Hilfsprogramme schnell gemerkt. Es war ein Kraftakt für beide Seiten, aber jetzt sind wir gut aufgestellt. Alle Details sind geklärt und wir können unseren Kunden individuell passende Lösungen anbieten – mit eigenen Mitteln, Fördermitteln oder Bürgschaftsbank-Programmen. 

Clifford Jordan (Vorstandsmitglied der VR Bank Südpfalz): Ich glaube auch, dass das Zusammenspiel zwischen Förderbanken und Hausbanken sehr gut funktioniert und die Geschwindigkeit enorm war. Was mir persönlich Unbehagen bereitet hat, war, dass die Politik in Fernsehsendungen und anderen Medien suggeriert hat: Der Zugang zu Fördermittel ist jetzt ganz einfach, unkompliziert, unbürokratisch. Es gibt Geld für jeden, so viel wie nötig, ohne irgendeine Unterlage beizubringen. Das war etwas unglücklich. Wenn ein Firmenkunde selbst die Einreichung einer einzigen Bilanz von 2019 als große Bürokratie empfindet, läuft etwas falsch.

Eigentlich haben Politik, Förderbanken und Hausbanken vieles richtig gut gemacht, aber die Chance vertan, dies positiv zu kommunizieren. Das erste Programm war auf fünf Jahre ausgelegt. Jetzt hat man ein zweites nachgeschoben mit einer Laufzeiterweiterung auf zehn Jahre, was völlig richtig war. Die Haftungsfreistellung auf 100 Prozent auszudehnen war gar nicht notwendig. Beim Querschnitt unserer Kunden, die vor der Krise top waren, spielte die zehnprozentige Haftungsübernahme nicht die entscheidende Rolle, sondern die zu kurze Tilgungsdauer. 

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Tim Hesse (Marktregionsleiter Unternehmerkunden, Commerzbank): "Das Zusammenspiel aus digitalen Zugangskanälen und persönlicher Beratung ist in dieser Krise der Anker, um die Realwirtschaft und Privatpersonen weiter zu unterstützen."

Beate Siewert (Abteilungsdirektorin Fördergeschäft, Bundesverband Öffentlicher Banken): Dieses Unbehagen teile ich. Natürlich können öffentliche Mittel nicht über das Gießkannenprinzip verteilt werden. Zunächst entscheiden Bund und Länder als Fördermittelgeber, ob staatliche Unterstützung erforderlich ist. Die Banken prüfen dann gewissenhaft die Einhaltung der Förderkriterien. Es gibt ein gemeinschaftliches Interesse, dass Fördermittel auch wieder zurückfließen. Dabei wird auch beachtet, ob ein Unternehmen am 31. Dezember 2019 nicht in wirtschaftlichen Schwierigkeiten war. Diese Prüfung verlangt das Beihilferecht. 

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Holger Hürten (Stellvertretender Vorstandsvorsitzender der VR-Bank Rhein-Sieg): „Vertrauen und Nähe werden weiterhin Grundsteine unseres Geschäfts sein. Dies bauen wir auf digitalem, telefonischem und persönlichem Weg weiter aus. Die Digitalisierung wird sich weiter beschleunigen, weil sie im Kundenkontakt gut funktioniert. Die Filial-Architektur werden Banken in einer anderen Dimension und Geschwindigkeit als bisher überdenken.“ © Creativ Picture

Holger Hürten (Stellvertretender Vorstandsvorsitzender der VR-Bank Rhein-Sieg): Den Banken wurde durch die Art der Kommunikation ja fast ein Kreditvergabezwang mit auf den Weg gegeben. Es geht darum zu bewerten, ob ein Unternehmen durch diese turbulenten Zeiten durchfinanziert werden kann. Gewerbetreibende und Unternehmenskunden, die vor der Krise schon in Schwierigkeiten gewesen sind, werden das im Zweifelsfall nicht schaffen. Es wird einen Bereinigungsprozess geben, so oder so. Deswegen ist es gut, dass es das Hausbanken-Modell gibt. Bei aller Kompetenz der Förderbanken. Die Banken vor Ort können am besten bewerten, ob und aus welchem Baukastensystem eine Finanzierung, auch über Krisenzeiten hinaus, zur Verfügung gestellt werden kann.

Tim Hesse (Marktregionsleiter Unternehmerkunden, Commerzbank):  Letztlich ist es unser aller Steuergeld, das jetzt über die Förderbanken zur Verfügung gestellt wird. Natürlich entscheiden wir möglichst schnell und pragmatisch. Dennoch können wir uns nicht über die Kreditvergaberichtlinien hinwegsetzen, die ja auch einen gesamtwirtschaftlichen Zweck erfüllen. 

Beate Siewert (Abteilungsdirektorin Fördergeschäft, Bundesverband Öffentlicher Banken):  In den Medien wird breit berichtet, dass derjenige, der unberechtigt Soforthilfe-Anträge einreicht, sich des Subventionsbetruges strafbar machen kann. Auch die Verwaltungen, die Politik und die Banken haben darauf immer hingewiesen. In Berlin gibt es laut verschiedener Veröffentlichungen bereits freiwillige Rückzahlungen über rund zwanzig Millionen Euro, was einer Quote von etwa einem Prozent entspricht. In den Banken mussten unter hohem Zeitdruck komplexe Entscheidungen getroffen werden. Mit Sicherheit werden im Nachhinein stichprobenartige Prüfungen erfolgen.

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Marco May (Leiter Vertriebsmanagement der TeamBank): „Was wir momentan erleben würde ich als digitalen Zeitraffer bezeichnen. Wir haben ganz schnell wesentliche Entwicklungen gemacht. Sowohl Banken als auch Kunden hatten hohe Lernkurven beim digitalen Thema.“ © All rights reserved

Lars Sørstrøm, (Geschäftsführer Synpulse Deutschland): Kurz nochmal zum Stichwort Bereinigung. Diese kommt durch die jetzige Krise auch systemisch zum tragen. Sie steht eigentlich seit vielen Jahren aus. Manche kriselnde Unternehmen wurden seit der Finanzkrise durch die Niedrigzinsphase u.a. eine Weile weitergetragen. Jetzt werden einige durchfallen, die kein dauerhaft tragfähiges Geschäftsmodell mehr haben.

Wir haben mit zwei Banken angefangen, systematisch zu prüfen, welche Branchen voraussichtlich von disruptiven Veränderungen post Corona betroffen sein werden. Ein klassisches Beispiel ist die Hotellerie. Es wird es sicherlich deutlich über die akute Coronazeit hinaus eine Reduzierung von Reisen geben. Auch der Einzelhandel: Konsumenten haben sich während der Krise beschleunigt an digitale Einkaufsmöglichkeiten gewöhnt. Das wird bestimmte Branchen auch nach der Krise nachhaltig beeinflussen. Der Weg zurück wird nicht zwangsläufig komplett gegangen werden. Somit ist die Aufgabe nach Corona und auch jetzt schon beginnend, zu überlegen, wie man als Bank mit dieser Risikoposition umgeht und wie man Kunden, die immer solide waren, aber jetzt in einer gefährdeten Branche sind, strategisch dauerhaft helfen kann – nicht nur mit Geld, sondern mit Expertise verschiedenster Art.

Tim Hesse (Marktregionsleiter Unternehmerkunden, Commerzbank):   Hierzu ein Beispiel: Wir haben einen Friseur als Kunden, dessen Umsätze komplett weggebrochen waren. Zusammen mit seinem Steuerberater haben wir verschiedene Szenarien geprüft. Schließlich hat unser Kunde einen Onlineshop für spezielle Haarpflegeprodukte eröffnet, die es bei anderen Online-Anbietern nicht gibt. Das allein hat nicht den gesamten Umsatzausfall aufgefangen, aber unserem Kunden geholfen, ein nachhaltigeres Geschäftsmodell aufzubauen und sich so besser vor zukünftigen Krisen zu schützen. 

Mittelständler haben einen hohen Beratungsbedarf

Beate Siewert (Abteilungsdirektorin Fördergeschäft, Bundesverband Öffentlicher Banken): Schwieriger ist die Situation für Unternehmen, die im Export stark sind. Für sie ist auch die Entwicklung in den europäischen Nachbarländern und den Abnehmerländern außerhalb Europas entscheidend. Oft sind hier Chancen schwieriger zu erkennen und es bedarf tieferer Analysen.

Tim Hesse (Marktregionsleiter Unternehmerkunden, Commerzbank): Gerade Mittelständler haben hier sicherlich einen hohen Beratungsbedarf. Es werden neue Wege erschlossen, weil Lieferanten wegbrechen. Lieferketten werden neu definiert. Als Bank können wir unterstützen, zum Beispiel über Bürgschaften, die Absicherung von Währungsschwankungen oder Liefergeschäften.

Frank Dehnke (Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Oberhessen): Unterstützungsleistungen können auch durch das Thema Rating erfolgen. Ich belohne den kleinen Friseur, indem ich ihm sage, das hast du gut gemacht, dir mit unserer Hilfe Gedanken zu machen, ob dieser Onlineshop nicht vielleicht die Zukunft ist, vor der du so lange Halt haltgemacht hast. Wir haben glaube ich Möglichkeiten, über die klassischen Bankdienstleistung hinaus, zu zeigen, dass wir das goutieren, indem wir z.B. eine Ratingverbesserungen in Aussicht stellen. Das ist nur ein Minibeispiel für eine Klaviatur, die uns zur Verfügung steht. Dem Kunden zu zeigen: Wir möchten, dass du dein Geschäftsmodell jetzt digitalisierst, da führt nämlich überhaupt nichts drum herum, so, wie bei uns Banken eben auch nicht.

Marco May (Leiter Vertriebsmanagement der TeamBank):  Mittlerweile findet vieles auch eine ganz andere Akzeptanz. Das Thema persönliche digitale Legitimation der Kunden, was ja die wenigsten bisher gemacht haben, funktioniert auf einmal völlig problemlos. Die Hürde, die da war, ist auf einmal genommen. Jeder, der das einmal ausprobiert hat, für den ist es danach normal, einfach und selbstverständlich. Das hilft bei allen zukünftigen Bankgeschäften deutlich weiter. Da sehen wir sprunghaft eine Riesenentwicklung.