Europäische Finanzinstitutionen priorisieren Investitionen in Compliance

Ein Artikel von red | 17.09.2020 - 10:48

Aus einer früheren Untersuchung von Tink ging bereits hervor, dass europäische Finanzinstitute durchschnittlich 50 bis 100 Millionen Euro für Open Banking ausgeben. Eine neue Detailanalyse schlüsselt diese Ausgaben nun weiter auf. Sie zeigt, dass die Finanzinstitute vorrangig in Anwendungsfälle investieren, die ihren Unternehmen einen unmittelbaren Nutzen bieten, indem sie die Kundenakquise und -bindung sowie die Mitarbeiterproduktivität verbessern.

71 Prozent der befragten europäischen Führungskräfte aus dem Finanzbereich setzen Compliance-Anwendungsfälle ganz oben auf ihre Investitionsliste. 41 Prozent davon bevorzugen die digitalen Identitätsdienste. Automatisierung von KYC-Prozessen wird europaweit von 41 Prozent der Führungskräfte präferiert, während 37 Prozent der Überwachung und Aufbereiten von Konto-Transaktionen den Vorzug geben. Unter deutschen Führungskräften gibt es einen stärkeren Fokus bei Data Analytics Services für Konto-Transaktionen als in den meisten anderen Ländern Europas. Hier gestalten sich die Top 3 der wichtigsten Anwendungsfälle wie folgt: Data Analytics Services für Konto-Transaktionen und digitale Identitätsdienste werden mit jeweils rund 37 Prozent am häufigsten bevorzugt, circa 33 Prozent priorisieren Multi-Banking-Services.

Inzwischen gehen einige Finanzinstitute noch einen Schritt weiter und widmen sich neben der Compliance auch der Verbesserung des Kundenerlebnisses. 36 Prozent der Befragten investieren in Services zum Management der persönlichen Finanzen (PFM), 35 Prozent in die Automatisierung des Onboarding-Prozesses und 33 Prozent in Multi-Banking-Anwendungen.

Deutschland legt seinen Investitionsfokus deutlicher auf die Data Analytics Services für Konto-Transaktionen (37 Prozent) als andere Länder Europas (25 Prozent). Dies ist möglicherweise auf eine breite Basis von Software-Applikationen zurückzuführen, die traditionell Buchhaltungsfunktionen übernehmen, wie z.B. die Konto-Transaktions-Services auf FinTS (früher bekannt als HCBI). Finanzinstitutionen entfernen sich nun von diesem Standard und verbessern die Verwaltung durch Open Banking.

Investitionsschwerpunkt hängt von Größe und Reife der Institutionen ab

Tinks Daten zeigen auch, dass die Motivation, in einen bestimmten Anwendungsfall zu investieren, europaweit davon abhängt, wie stark ein Unternehmen bestimmten Vorschriften ausgesetzt ist und um welche Art von Geschäft es sich handelt.

Größe und Alter eines Unternehmens sind wichtige Faktoren, wenn es darum geht, wo Geld investiert werden sollte. Wobei im europäischen Durchschnitt größere Institutionen wie traditionelle Retailbanken (57 Prozent) und Vermögensverwaltungsunternehmen (53 Prozent) digitale Identitätsdienste als ihren wichtigsten Investitionsbereich einstufen.

Mittlerweile sind Challenger Banks und Zahlungsdienstleistungsabieter (PSPs) die einzigen Segmente, in denen ein Anwendungsfall, der mit der Nichteinhaltung von Vorschriften zusammenhängt, als wichtigster Investitionsbereich eingestuft wird. Wobei Challenger Banks  der Onboarding-Automatisierung (44 Prozent) den Vorrang geben und PSPs in Multi-Banking-Dienstleistungen investieren (47 Prozent). Dies ist keine Überraschung, wenn man bedenkt, dass einer der Hauptunterschiede zwischen Challenger Banks und etablierten Banken in der Onboarding-Erfahrung liegt.

Kleinere Unternehmen (mit 100 bis 499 Mitarbeitern) konzentrieren sich auf die gezielte Optimierung des Kundenerlebnisses, wobei 54 Prozent in die Automatisierung von KYC-Prozessen investieren (im Vergleich zu nur 29 Prozent der Institute mit mehr als 1.000 Mitarbeitern). Auf der anderen Seite konzentrieren sich große Organisationen (mit über 1.000 Mitarbeitern) in erster Linie auf digitale Identitätsdienste (42 Prozent). Dies ist wahrscheinlich auf die in PSD2 artikulierten SCA-Anforderungen zurückzuführen.

Dr. Cyrosch Kalateh, General Manager DACH bei Tink, erklärt: "Die Einhaltung von regulatorischen Anforderungen ist entscheidend für die Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs. Daher ist es verständlich, dass sich viele Finanzinstitute weiterhin auf diesen Bereich konzentrieren. Die Corona-Pandemie  hat jedoch den Wandel hin zu digitalen Kanälen beschleunigt. Somit bietet sich Finanzinstituten nun die einzigartige Gelegenheit, sowohl Kundenakquisition als auch -loyalität mit einer verbesserten Customer Journey zu fördern. Nur indem sie über Compliance hinausblicken und in Open-Banking- Anwendungsfälle investieren, die das Kundenerlebnis optimieren, können sie gewährleisten, dass sie Wettbewerbern, wie Challenger Banks und PSPs, immer einen Schritt voraus sind.”

"Führungskräfte sollten genau abwägen, in was sie als nächstes investieren und die Komplexität von Open Banking sowie seine Auswirkungen und Dringlichkeit in jedem Branchensegment bewerten. Als Faustregel sollte man immer genau dort investieren, wo TPPs im bestehenden Geschäft Marktanteile ausbauen", so Dr. Kalateh weiter.

Über die Studie

Um besser zu verstehen, wie sich der Markt seit dem letzten Jahr verändert hat, hat sich Tink das zweite Jahr in Folge mit dem Marktforschungsunternehmen YouGov zusammengetan. Dieses Mal wollte Tink mehr über die Einstellung zu Open Banking, seine Investitionsbudgets und Investitionsprioritäten in ganz Europa erfahren - deshalb wurden zwischen dem 28. Januar und dem 3. März (2020) 290 Finanzleiter aus 12 europäischen Ländern befragt. Der dritte Bericht der Reihe konzentriert sich auf Open-Banking-Anwendungsfälle und hebt die wichtigsten Unterschiede zwischen Ländern und Teilbereichen hervor.