Deutschland vor dem Tsunami fauler Kredite

Ein Artikel von Hartmut Wagner, CEO Collenda | 04.08.2020 - 12:26

Für den deutschen Finanzplatz ist diese Entwicklung aufgrund der hohen Abhängigkeit vieler Geldhäuser vom Kreditgeschäft sowie der vergleichsweise hohen Kostenquote eine echte Gefahr, zumal nicht nur im Corporate Geschäft mit massivem Gegenwind zu rechnen ist. Auch im Bereich der Privatkunden drohen Risiken in den Kreditportfolios – besonders prominent ist hier die Immobilienfinanzierung. Bei einer anhaltenden Rezession ist gerade nach dem Boom der letzten Dekade auch hier mit Zahlungsschwierigkeiten zu rechnen. 

Probleme frühzeitig identifizieren

Vor dem Hintergrund, dass notleidende Kredite zu einem dominierenden Thema der kommenden Jahre für die Finanzindustrie werden, drängt sich die Frage auf, wie Institute dem drohenden Sturm angemessen begegnen können. Anders also noch zur Finanzkrise 2008 stehen den Banken inzwischen technologische Lösungen zur Verfügung, welche im Umgang mit Krediten hervorragende Potentiale bieten.

Die immense Datenfülle, auf welche Banken aufgrund der angebotenen Konten zugreifen können, ermöglicht es den Instituten, ein effizientes Frühwarnsystem zu implementieren. Dank einer prädiktiven Analyse sind Institute meist in der Lage, im Voraus abzusehen, ob und warum ein Kreditnehmer in Zahlungsschwierigkeiten gerät. Banken können proaktiv den Kontakt zum Klienten suchen und ihm Vorschläge zur Restrukturierung seiner Zahlungen unterbreiten, noch bevor der Kredit als notleidend eingestuft werden muss. Diese verbesserte Transparenz erlaubt es Banken, zielgerichtet Rückstellungen zu bilden und gleichzeitig gemeinsame Lösungsansätze mit dem Kunden zu entwickeln.

Optimierte Recovery Rate dank KI-gesteuerter Restrukturierung

Sollte der Kreditnehmer tatsächlich nicht mehr in der Lage sein, die vereinbarten Zahlungen an die Bank zu leisten, kann diese den User über ein Self-Service-Portal unterstützen. Online hat der Kunde die Chance, den Kredit neu zu strukturieren. Hilfestellungen sind hierbei über Chatbots aber auf Wunsch auch durch Bankmitarbeiter möglich. Diese müssten anhand eines festgelegten Regelwerks versuchen, notwendige Schritte einzuleiten und dem Kunden bei seiner Neuplanung zu helfen.

Unter Einbeziehung der kundenspezifischen Daten, aber auch durch Rückgriff auf historische Daten anderer Kunden lässt sich via KI eine für den Schuldner machbare Zahlungsrate sowie die passende Laufzeit ermitteln. Ein solcher Vorschlag der Bank könnte via Chatbot mit dem Kunden im Detail ausgearbeitet werden. Die Künstliche Intelligenz ist somit ein wesentliches Instrument, mit dessen Hilfe die Erlösquote für Banken maßgeblich verbessert werden kann. Von der optimierten Recovery Rate profitiert unmittelbar auch der Schuldner, der dank der neuen optimierten Planung doch noch in die Lage versetzt wird, seinen Kredit abzahlen zu können.

Automatisierte Prozesse ermöglichen Handlungsfähigkeit auch in Krisenlagen

Bereits seit Mitte März agieren auch Deutschlands Bankhäuser im Ausnahmezustand. Es galt trotz der Notstandsmaßnahmen unter starkem Zeitdruck das Kreditprogramm der KfW an die Kunden zu verteilen. Dies musste man als Weckruf zur Digitalisierung und Automatisierung verstehen. Die Herausforderungen für die Institute werden jedoch auch in den kommenden Monaten nicht abnehmen. Im Herbst gilt es, einen massiven Mehraufwand im Bereich Kreditmanagement zu stemmen, um Kunden mit Zahlungsproblemen zeitnah und adäquat unterstützen zu können.

Robotic Process Automation stellt eine gute Möglichkeit dar, im Umfeld von Legacy-Systemen und manuellen Prozessen den dringend notwendigen Automatisierungsgrad zu erreichen. Es ist dringend geboten, Prozesseffizienzen zu steigern. Auch die digitale Dokumentenverarbeitung (OCR) ist ein einfaches und schnell einsetzbares Instrument, um sich auf die weiteren Auswirkungen der Krise vorzubereiten. 

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Hartmut Wagner, CEO Collenda © Ralf Zenker

KI & Co: Wettbewerbsfaktoren auch über die Krise hinaus

Die hiesige Bankenlandschaft kämpft seit Jahren mit hohen Kostenquoten und schlechten Profitabilitätskennzahlen. Digitale Technologien haben – und werden sich – im für viele Banken essentiellen Kreditgeschäft als entscheidender Wettbewerbsfaktor entpuppen. Die Hochphase der Krise im März und April hat gezeigt, dass etwa digitale Antragsstrecken eine Basisgrundlage für das zukünftige Kreditmanagement darstellen müssen:  Gilt es doch besonders in Krisenzeiten den eigenen Kunden schnell und proaktiv zur Seite zu stehen.

Hier wird die proaktive Implementierung neuer Technologien zur Automatisierung und Prozessoptimierung ein entscheidender Wettbewerbsfaktor. Gerade die Effizienzverbesserung wird eine zentrale Herausforderung darstellen, da mittelfristig Mehrbelastungen unvermeidbar sind und langfristig der Kostendruck zunehmen wird. Institute sind angehalten, notwendige Schritte nicht weiterhin aufzuschieben. Zu groß ist der Margendruck innerhalb der Branche. Vielmehr ist es geboten, neue Lösungen mit Blick auf ein positives Nutzererlebnis zu implementieren.