SERIE: NACHHALTIGKEITSRISIKEN RICHTIG EINORDNEN

Den Damm rechtzeitig verstärken

Ein Artikel von Mario H. Sladek ist Manager bei PPI | 14.12.2020 - 06:29

Rund ein Viertel der Niederlande liegt tiefer als die vorgelagerte Nordsee. Wenig verwunderlich also, dass der drohende Anstieg des Meeresspiegels mit Argusaugen überwacht wird. So startete 2007 ein Investitionsprogramm, das jährlich rund 1,5 Milliarden Euro Investitionsvolumen in Deiche und andere Sperrwerke vorsieht. Und zwar bis 2050.

Unser Nachbarland passte sich also strukturell und technisch der Bedrohung durch zukünftige Sturmfluten an. Und genau das Gleiche müssen Finanzinstitute tun, wenn sie künftig Risiken aus Umwelt-, Sozial- und Governance-Aspekten, sogenannte ESG-Risiken, in ihre Risikokalkulationen mit einbeziehen. Messung, Überwachung und Steuerung sind organisatorisch fest einzubinden. Aus den ersten Quantifizierungen und den identifizierten Risiken dürften sich dann vielfach notwendige Anpassungen von Geschäftsstrategie und Risikoappetit ergeben.

ICAAP bleibt Maßstab

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Autor: Mario H. Sladek ist Manager bei PPI.

An dieser Stelle sei auf den EZB-Leitfaden zum Internal Capital Adequacy Assessment Process (ICAAP) hingewiesen. Dieser behandelt alle Facetten des Risikotragfähigkeitsprozesses (RTF), dem zentralen Element der integrierten Ertrags- und Risikokapitalsteuerung in der obligatorischen Fortführungsperspektive.

Und auch wenn der EZB-Leitfaden zu Klima- und Umweltrisiken nur den Charakter einer Empfehlung hat, bei enger Auslegung des ICAAP-Leitfadens müssen die Banken Auswirkungen von Klima- und Umweltrisiken auf prudenzielle beziehungsweise wesentliche Risiken in ihrem Risikotragfähigkeitskonzept verpflichtend berücksichtigen.

Zunächst sollte das Augenmerk auf der Schaffung adäquater Quantifizierungsverfahren für ESG-Risiken liegen. Allerdings fehlt derzeit noch die für fortschrittliche Bewertungsverfahren unabdingbare solide und umfangreiche Datenbasis. Diese muss erst entstehen. Für die Bewertung schwer quantifizierbarer Risiken wie etwa Reputationsverlust können die Institute außerdem interne Verfahren zugrunde legen. Scoring-Modelle bieten die Möglichkeit, Risikowerte hinreichend konservativ abzuleiten. Zumeist lassen sich auch aus Szenario- und Auswirkungsanalysen stabile Prognosewerte und Key Performance Indicators (KPIs) für Risikogewichte und Renditen bestimmen und fortschreiben. 

Organisatorische Vorkehrungen sind notwendig

Aus der gestiegenen Bedeutung von ESG-Risiken ergeben sich zudem Auswirkungen auf die grundlegende Unternehmensorganisation. Anlass dafür ist in erster Linie die Erweiterung der Geschäfts- und der Risikostrategie. Die Verantwortung liegt bei der Geschäftsleitung, die im Sinne der Risikokultur das Verständnis für Nachhaltigkeitsrisiken als Ausdruck ihrer Vorbildfunktion vorleben muss. Geschäfts- und Risikostrategie sind so anzupassen, dass sie künftig wesentlichen Klima- und Umweltrisiken Rechnung tragen.

ESG-Risiken werden Teil der Risikoinventur

Darin eingeschlossen ist die Auseinandersetzung mit den für ESG-Risiken relevanten Bestimmungsfaktoren im Rahmen der obligatorischen und turnusmäßigen Risikoinventur. Die Institute müssen feststellen, welche theoretisch möglichen Ereignisse mit welcher Intensität auf die eigenen Geschäftsfelder und die bestehende Risikolandkarte wirken.

Bedeutung kommt hier der Analyse, Zuordnung und Darstellung der wichtigsten Transmissionskanäle zwischen Klima- und Umweltrisiken und den wesentlichen beziehungsweise prudenziellen Risiken zu. Voraussetzung ist, dass alle wesentlichen institutsindividuellen bilanziellen, außerbilanziellen, finanziellen und nichtfinanziellen Risiken erfasst sind. Die Ergebnisse geben wichtigen Input für die Risiko- und Kapitalplanung.

Somit bleibt festzuhalten, dass ESG- und hier insbesondere Klima- und Umweltrisiken in Zukunft zum bestehenden Risikouniversum gehören. Damit unterliegen sie den festgeschriebenen Risikoidentifikations-, -steuerungs- und -controllingprozessen. Über Szenarioanalysen, Stressfallsimulationen und Auswirkungsszenarien lassen sich Rückschlüsse auf Risikokonzentrationen durch die Auslenkung von Risikofaktoren ziehen. Potenzielle Effekte auf die Ertrags-, Kapital- und Liquiditätslage gehören zum Zielbild der Risikoinventur. Zum Schluss werden die Auswirkungen auf die wesentlichen Risiken wie Adress-, Marktpreis-, Liquiditäts- und operationelle Risiken im bestehenden Risikotragfähigkeitskonzept berücksichtigt.

Regelmäßige Revision

Da der Klimawandel einer wechselnden Dynamik unterliegt, muss sich die Analyse der Entwicklung und Wirkung von Klima- und Umweltrisiken turnusmäßig wiederholen. Das schließt eine Validierung eventuell bereits etablierter Messverfahren ein. Auch eine Überprüfung bestehender interner Verfahren wie zum Beispiel Kreditrating- und Scoring-Modelle hinsichtlich Angemessenheit und Wirksamkeit ist verpflichtend. Das sich am Modell der drei Verteidigungslinien (3LoD-Model) orientierende Interne Kontrollsystem (IKS) gewährleistet das Funktionieren des Risikomanagementprozesses. Die Verantwortlichkeiten für Risikomanagement, Controlling und Compliance müssen in der Organisationsstruktur klar erkennbar sein.

Zum Abschluss sei noch einmal auf die bislang fehlenden Datengrundlagen hingewiesen. Die Schaffung einer validen und konsistenten Geschäfts- und Risikodatenstruktur bei hoher Datenqualität erleichtert die Weiterentwicklung von Risikomodellansätzen ungemein. Das dahinterliegende Risikodatenmanagement muss rechtzeitig aufgestellt und mit den notwendigen Ressourcen ausgestattet werden. Ähnlich wie bei neuen Produkten, Märkten oder zu implementierenden Prozessen werden die Institute einen MaRisk-konformen, ganzheitlichen Anpassungsprozess durchlaufen müssen.

Wie sich die notwendige Risikoquantifizierung mittels eines Scoring-Modells gestalten lässt und worauf Banken bei der Szenarioentwicklung achten sollten, erfahren Sie in Teil 3 der unserer Serie „Nachhaltigkeitsrisiken richtig einordnen“.

Serie: Nachhaltigkeitsrisiken richtig einordnen

Lesen Sie hier Teil 1: Risikodefinition und potenzielle Auswirkungen auf die weiteren Risikoarten

Teil 2: Abbildung von Nachhaltigkeitsrisiken in der Risikoorganisation und der Risikostrategie

Teil 3: Praktische Überlegungen – Scoring-Modell und Stresstests (zu lesen ab 13.01.2021 auf gi Geldinstitute)

Detaillierte Informationen zum Thema finden Interessierte im Whitepaper „Nachhaltigkeitsrisiken richtig einordnen“. Es steht auf der Website von PPI kostenlos zum Download zur Verfügung.