Chefsache Digitaler Wandel

Ein Artikel von Lothar Lochmaier, Fachjournalist, Berlin | 18.09.2020 - 08:33

Die Hauptstadt setzt dabei vor allem auf international hochkarätige IT-Gründer. Historischer Rückblick: Dass in der deutschen Hauptstadt bereits früher erfolgreiche Internetunternehmen für den Weltmarkt gegründet worden sind, das haben vor rund zwei Jahrzehnten die beiden Samwer-Brüder aufgezeigt. Sie gründeten weiland das Auktionshaus Alando und verkauften es später an das amerikanische Vorbild eBay.

Auch mit diversen Finanzbeteiligungen in der „neuen Bankenszene“ taten und tun sich führende Protagonisten wie die Samwers zwischenzeitlich hervor, etwa mit Hilfe ihres Unternehmensfinanziers Rocket Internet. Der ganz große Wurf in der FinTech, der es mit großen US-Vorbildern hätte aufnehmen können, war bislang jedoch noch nicht darunter.

Berlin dominanter FinTech-Standort

Dennoch: Berlin ist derzeit laut Studien der führende FinTech-Standort in Deutschland. Jedes dritte Finanz-Startup in Deutschland hat schließlich seinen Sitz in der Hauptstadt. Und mit 1,77 Milliarden Euro floss auch der Löwenanteil des insgesamt investierten Risikokapitals bis dato nach Berlin, bilanziert die FinTech-Analyse des Finanzdienstleisters comdirect und Barkow Consulting.

Die relevanten Investments fließen dabei fast ausschließlich in die vier Fintech-Metropolen Berlin, München, Frankfurt und Hamburg – zusammen vereinen sie seit 2012 jeweils zwischen 86 und 96 Prozent des gesamten Wagniskapitals auf sich. Die Standorte ergänzen sich dabei durch unterschiedliche lokale Besonderheiten und Ausprägungen zu einem vielschichtigen FinTech-Cluster made in Germany.

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Berlin hat sich in den letzten Jahren zum FinTech-Standort etnwickelt

Hauptstadt mit Einhorn-Potential

Besonders die deutsche Hauptstadt nimmt dabei weiter Fahrt auf: Ihr Anteil an den VC-Investments ist von 43 Prozent im Jahr 2014 auf aktuell 84 Prozent gestiegen. Verantwortlich dafür waren insbesondere drei außergewöhnlich hohe Finanzierungsrunden: für die FinTechs Friday, Raisin und N26. Wieweit die „Corona-Krise“ den Trend weiter verstärkt oder abschwächt, das lässt sich derzeit noch nicht abschätzen.

Denn die Gründerszene in der Hauptstadt schien neben viel Potential auch von zwei kritischen Elementen gekennzeichnet. Ihrer etwas überheblichen Art gegenüber der Provinz, wo es mindestens genauso viele interessante Ideen gibt und gab.

Letztlich mangelt es „auf dem platten Land“ oftmals „nur“ am passenden Umfeld, um internationale High Professionals aus der ganzen Welt längerfristig zur Wohnsitznahme zu verleiten. Aber auch daran arbeiten gerade landschaftlich reizvolle Regionen, um die Kluft gerade in der verkehrstechnisch gut angebundenen Schlagdistanz zu den Metropolen durch attraktive Angebote zu verringern.

Klarer Fokus auf skalierbares Geschäftsmodell

Unabhängig vom Standort gilt: Ein klarer, jedoch ebenso stets wandelbarer geschäftlicher Fokus, stellt den zwingend notwendigen Erfolgsrahmen dar, auch in der Startup-Szene. Bis Berlin somit zu einer der führenden IT-Metropolen des 21. Jahrhunderts heran reift, wäre da noch die eine oder andere strukturelle Herausforderung zu meistern.

Denn die Universitäten und die ökonomische Struktur der Stadt sind zwar auf Höhe der Zeit, jedoch kaum vergleichbar mit anderen High-Tech-Zentren wie dem Silicon Valley. Es ist aber auch eine Frage der Zeit. Man denke nur daran, wie lange die historische Wegstrecke nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum "Daimler-Biotop" in der Region Stuttgart war. 

Wie wir mittlerweile wissen, kann sich auch die schwäbische Metropole nicht auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausruhen. Ein gut funktionierendes Netz aus Wissenschaft und Wirtschaft, aus Zulieferern und Industrie, sowie mutigen Entwicklern, die Neues wagen, braucht es hier wie dort, um ein neues „digital-ökologisches“ Wirtschaftswunder anzustoßen.

Der Unterschied zur klassischen Industrie: Im „Industrie 4.0“-Zeitalter ist nicht  zwingend die etablierte, schwerfällige Produktionsinfrastruktur notwendig, um neue Geschäftsmodelle auf die Beine zu stellen.

Tesla-Fabrik: Elon Musk setzt Maßstäbe

Der passende Wachstumsschub kommt dabei erneut aus dem Silicon Valley. Tesla-Chef Elon Musk hat im vergangenen Herbst die deutsche Hauptstadt und das Brandenburger Umland zum europäischen Zentrum für die Produktion und Entwicklung einer „Gigafabrik“ zur Herstellung von Elektroautos aus erkoren. Eine neue Erwartungshaltung an die deutsche Metropole ist damit gesetzt.

Das Design- und Entwicklungszentrum siedelt sich direkt in Berlin auf dem EUREF-Campus an. Und das gigantische  Werk für die E-Mobilität außerhalb der Hauptstadt im Speckgürtel Brandenburgs soll nach relativ kurzer Bauzeit im nächsten Jahr in Betrieb gehen. Zahlreiche neue Arbeitsplätze dürften dadurch entstehen, von denen die ganze Region profitiert.

In und um Berlin entsteht so ein „Leuchtturmprojekt“, ein ganzes Netzwerk an Dienstleistern, Forschern, Zulieferern und Produzenten – rund um die nachhaltige Mobilität. Davon könnten auch FinTechs und Banken profitieren, wenn sie entsprechende Finanzdienstleistungen dazu bereitstellen, sowie die notwendigen IT-Plattformen für die Vermarktung neuer Geschäftsmodelle entwickeln.

Könnte also das Innovationsmodell von Elon Musk eine Art Blaupause für eine „Bankenmetropole 2.0“ in Berlin sein? Mit unzähligen FinTechs, Investoren und Entwicklern in einem hoch getakteten virtuellen Campus, das klassischen Standorten wie der „Maincity“ Frankfurt Paroli zu bieten vermag?  Eine offene Frage, denn das Bankenwesen lässt sich deutlich schwieriger neu erfinden, wie das Elektroauto wohl den klassischen Verbrennungsmotor in den nächsten beiden Jahrzehnten ablösen wird.

Nachhaltige Impulse zur FinTech-Metropole

Was also dürfen wir – bodenständig formuliert - von den heimischen Vorreitern aus der FinTech Metropole Berlin erwarten? Sicherlich ist die Smartphone-Bank N26 derzeit das bekannteste Flaggschiff, um das herum sich Bankdienstleistungen für die nächste Generation mobiler Bankkunden gruppieren könnte.

Dennoch gilt für alle neuen Spieler und gerade die mit reichlich Wagniskapital ausstaffierten Protagonisten wie N26 das Gebot, irgendwann nachhaltig schwarze Zahlen zu schreiben. Sprich, die Gewinnzone sollte wie eine Oase in der Wüste allmählich in Sichtweite geraten.

Aber das Privatkundengeschäft im Bankensektor ist häufig Margen arm. Eine andere aussichtsreiche Option für FinTechs stellt der Markt für Unternehmens- und Geschäftskunden dar.  Eine wachsende Zahl an IT-Spezialisten in der Hauptstadt hat sich bereit auf hoch skalierbare Softwarelösungen für Businesskunden spezialisiert.    

Was die jungen FinTech-Entrepreneure in Berlin und anderswo aus diesen Optionen machen, lässt sich noch nicht überblicken. Wie bei der großen Lachswanderung erreichen nicht alle kleinen Fische ihr Ziel. Aber die Wenigen, die den Weg zu den lukrativen Laichplätzen schaffen, machen dadurch den Weg frei für eine neue digitale Führungselite, nicht nur in der Industrie 4.0, sondern auch in der Finanzwirtschaft.