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 Dr. Ulrich Meyer, Managing Director Financial Services GFT Technologies © Kirsten Bucher Photographer

Banken werden zum digitalen Lebensbegleiter ihrer Kunden

Ein Artikel von red | 25.06.2020 - 11:07

GFT Technologies fokussiert sich auf den Bereich exponentielle Technologien, also DLT/Blockchain (DLT: Distributed Ledger Technologie), künstliche Intelligenz, Data Analytics, Cloud und DevOps (Development und IT Operations – Prozessverbesserungen). Welcher Bereich ist für GFT mit Blick auf die nächsten sechs Monate der Spannendste und warum?

Dr. Ulrich Meyer: Für uns sind alle Bereiche wichtig, denn letzten Endes tragen sämtliche Lösungen dazu bei, den Kunden neue, erfolgsorientierte Produkte oder Services an die Hand zu geben. Zusätzlich möchte ich unbedingt noch die Themen Cloud und Digitale Ökosysteme ansprechen. Die Cloud bildet in vielen Fällen die Grundlage für exponentielle Technologien und Digitale Ökosysteme vereinen viele oder alle der oben genannten Technologien zu einem einzigartigen Kundenerlebnis.

Betrachtet man 5G im Kontext des Bankings, sind es vor allem vier Bereiche, die wichtig sind: Open Banking, Micro Payments, Security und Augmented Reality. Was zeichnet hier jeden Bereich aus?

Dr. Ulrich Meyer: Open Banking: Wir beobachten aktuell, dass viele Banken ihr geschlossenes System öffnen – zu einem offenen, digitalen Ökosystem mit passenden Services von Drittanbietern. Diese offenen Systeme bieten den Vorteil, dass Banken ihr Angebot dramatisch erweitern und so für ihre Kunden zu einem digitalen Lebensbegleiter werden. Aber auch Micro Payments sehen wir als wichtigen Trend: Der 5G-Standard wirkt hier wie ein Beschleuniger, der etablierten Banking-Services neue Kanäle ermöglicht. Wearables sind ja aktuell bereits etablierte Zahlungsgeräte. Wir gehen davon aus, dass dieser Trend durch die hohen Datenkapazitäten bei geringer Latenz durch 5G noch einmal deutlich an Fahrt aufnehmen wird.

Nicht zu vergessen ist das Thema Security: Die neue Übertragungstechnik bietet zum einen den Vorteil, dass sie abhörsicherer ist als bisherige Optionen. Zum anderen bieten die Geschwindigkeits- und Kapazitätsvorteile die Chance, neuartige und verbesserte Sicherheitsverfahren zu etablieren – beispielsweise bei der Lokalisierung von Daten und Transaktionen in Echtzeit. Und last but not least sehe ich Augmented Reality als wichtigen Trend. Gerade datenintensive Apps wie Video-Beratung oder Augmented Reality profitieren immens vom neuen 5G-Standard. Echtzeit-Videochats mit einem Bankberater inklusive eingebetteter Simulationen zu den persönlichen Finanzen sind bald Realität. Die Kombination aus 5G, großen Datenmengen und künstlicher Intelligenz/Augmented Reality ebnet den Weg für komplett personalisierte Bankdienstleistungen.

Wie verändert Corona die Investitionsbereitschaft der Finanzhäuser?

Dr. Ulrich Meyer: Durch die aktuelle Krise wird die digitale Transformation dramatisch voranschreiten – Bewährtes wird erneut auf den Prüfstand gestellt. Ein wichtiges Element ist dabei die Kundenzentrierung. Sie stellt die Bedürfnisse des Kunden in den Fokus und setzt voraus, dass Prozesse, Services und Produkte, Kommunikation und Abwicklung entlang der gesamten Wertschöpfungskette sich am Bedarf des Nutzers messen. Dafür gibt es viele Ansatzpunkte, sei es durch personalisierte, digitale Dienste und Angebote, einfache Prozesse und Kontaktmöglichkeiten an neuralgischen Punkten (POS, Online, Communities), Schnelligkeit durch Echtzeitkommunikation, Mobilität und Flexibilität auf allen Kundenkanälen oder durch die Schaffung zusätzlicher Kundennutzen im Rahmen von digitalen Plattformen und Geschäftsmodellen.

Mittel- oder langfristig müssen Banken wieder aus eigener Innovationskraft in den Vordergrund rücken, indem sie mit digitalen Services überraschen, die vor allem an den Belangen ihrer Kunden ausgerichtet sind.

Dr. Ulrich Meyer, Managing Director Financial Services GFT Technologies

Künstliche Intelligenz (KI) hat das Potenzial, auch die Finanzbranche zu revolutionieren. Wo hapert es Ihrer Erfahrung nach derzeit noch in der Praxis?

Dr. Ulrich Meyer: Die Antworten auf diese Frage sind extrem vielschichtig. Angefangen damit, dass aktuell in vielen Instituten derzeit technologische Altlasten – etwa Substitution der Hostanwendungen durch moderne Systeme oder Dezentralisierung der vorhandenen Legacysysteme oder Aufbau von skalierungsfähigen Zugriffsschichten – mit hoher Priorität abzuarbeiten sind, bevor man sich modernen Technologien widmen kann. Bis dahin, dass bezüglich Künstlicher Intelligenz Vorbehalte bezüglich der Reife der Technologie gibt. Banksysteme müssen klar definierten und nachvollziehbaren, prüfbaren Regeln folgen; erste Erfahrungen werden derzeit mit dem Einsatz von KI gesammelt.

Das Thema Plattform-Ökonomie gewinnt auch im Finanzbereich an Fahrt. „Banking-as-a-Platform“-Ansatz (BaaP) mit einem Open-API-Geschäftsmodell als relevantes Kriterium zur Gestaltung der digitalen Bank der Zukunft ist hier nur ein wichtiges Schlagwort. Was möchten Sie hier Banken ans Herz legen?

Dr. Ulrich Meyer: Ich halte es für maßgeblich, dass Banken sich wieder mehr an den Bedürfnissen ihrer Kunden orientieren. In der Praxis stehen bislang bei der Einführung neuer Produkte allerdings nicht immer die Wünsche des Kunden im Mittelpunkt. „Wie verbessere ich mein Cost-Income Ratio?“, „An welcher Stellschraube muss ich drehen, damit meine Prozesse schneller laufen?“ oder „Welche Sicherheitsanforderungen und Regulatorik-Bedingungen muss ich erfüllen, damit mein Produkt auf den Markt darf?“ sind Aspekte, die zwar nachvollziehbar sind, aber leider nicht zwangsläufig dem Kundenbedürfnis entsprechen.

Eine moderne Banking-App kann eine sehr gute Basis für digitale Ökosysteme bilden. Worauf müssen Banken achten? Und welche Rolle spielt die Kundenzufriedenheit hierbei?

Dr. Ulrich Meyer: Digitale Ökosysteme sind aus meiner Sicht die Königsdisziplin der Kundenzentrierung. Es ist für Banken und Finanzinstitute die perfekte Gelegenheit, ihren Kunden wieder einen deutlichen Mehrwert zu bieten und dadurch selbst auch wieder eine viel bedeutsamere Rolle im Leben ihrer Klienten einzunehmen. Digitale Ökosysteme bieten Kunden ein One-Stop-Shop-Erlebnis: Wir reden von Apps, die intelligent mit Plattform (beispielsweise einer Banking-Plattform) vernetzt sind und eine aussagekräftige 360-Grad-Sicht auf den Kunden und dessen Bedürfnisse ermöglichen. Über welchen Access-Point der Kontakt mit der Bank zustande kommt, spielt dabei keine Rolle.

Neben klassischen Produkten können die Kunden über das Kreditinstitut Flug- oder Zugtickets kaufen, Versicherungen abschließen oder Restaurantreservierungen vornehmen. Der Kunde verfügt somit über eine einzelne, digitale Anlaufstelle, die seine Bedürfnisse optimal erfüllt.
 

FinTechs galten lange als „Konkurrenten“ für klassische Banken. Mittlerweile setzt sich die Erkenntnis durch, dass sie auch Partner sein können. Was raten Sie, damit eine gute Zusammenarbeit gelingt?

Dr. Ulrich Meyer: Banken sollten FinTechs oder StartUps nicht mehr als Konkurrent ansehen. Die Kollaboration mit Partnern, die neue Expertise mitbringen, gibt Banken die Möglichkeit, rascher auf veränderte Marktbedingungen zu reagieren oder neue Services zu testen. Dabei kann es sich jedoch nur um eine Momentaufnahme handeln. Mittel- oder langfristig müssen Banken wieder aus eigener Innovationskraft in den Vordergrund rücken, indem sie mit digitalen Services überraschen, die vor allem an den Belangen ihrer Kunden ausgerichtet sind.

Der IT-Dienstleister und Softwareentwickler GFT

GFT treibt die digitale Transformation von Unternehmen aus der Finanz- und Versicherungsbranche sowie der Industrie voran. Als IT-Dienstleister und Softwareentwickler bietet GFT fundierte Beratung und Entwicklung rund um zukunftsweisende Technologien – von Cloud Engineering über Künstliche Intelligenz und Mainframe Modernisierung bis zum Internet of Things für Industrie 4.0.

Mit umfassender Technologiekompetenz, tiefen Marktkenntnissen und starken Partnerschaften setzt GFT skalierbare IT-Lösungen um und steigert so die Produktivität. Kunden erhalten schneller und mitgeringerem Risiko Zugang zu neuen IT-Anwendungen sowie innovativen Geschäftsmodellen. Gegründet 1987 und in 15 Ländern kundennah präsent, beschäftigt GFT 5900 Mitarbeiter.