Banken in der Coronakrise: Handlungsbedarf und Chancen

Ein Artikel von Christoph Tahedl, CTO Collenda | 28.04.2020 - 06:23

Entscheidend für den Erfolg der Kampagne ist daher insbesondere der Faktor Zeit, gilt es doch eine dramatische Pleitewelle zu verhindern. Durch die steigende Menge der Kreditanträge ist dies umso herausfordernder, da auch die Banken mit den direkten Folgen der Pandemie zu kämpfen haben (Krankenstand, Home Office, Kinderbetreuung etc.).

Die Krisenbedingungen und insbesondere der zeitkritische Aktionsplan zeigen klar auf, wie essentiell die digitale Kreditabwicklung für das Funktionieren des Finanzsystems inzwischen ist. Der Kreditbearbeitungsprozess vieler Institute ist jedoch noch stark fragmentiert und erfordert manuelle Arbeitsschritte sowie den Umgang mit physischen Dokumenten, was unter den aktuellen Bedingungen kaum zu leisten ist und für den Kunden gefährlich lange Wartezeiten bedingt. Zuverlässige IT-Infrastrukturen sind für die dezentrale Zusammenarbeit im Geschäftsbetrieb sowie für die technische Anbindung an die KfW gerade jetzt unabdingbar.

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Digitalisierung wird Kundenloyalität stärken

Insbesondere die großen Privatbanken haben es geschafft, binnen kurzer Zeit auf die Krise zu reagieren und konnten funktionierende digitale Antragsstrecken bereitstellen, sodass Anträge schnell und unkompliziert vom heimischen PC aus eingereicht werden konnten. Banken mit bereits digitalisierten Prozessen haben nun die Chance, mehrfach von der effizienten Kreditbearbeitung zu profitieren. Die schlanke Abwicklung ermöglicht es, die Kreditvergabe binnen weniger Wochen deutlich zu steigern.

Es ist auch bereits erkennbar, dass Großbanken ihr digitales Potential auch dafür nutzen möchten, Neukunden zu gewinnen. Es scheint unzweifelhaft, dass für die Institute langfristig auch Chancen bestehen: Gelingt es einer Bank, hilfesuchenden Kunden schnell und unkompliziert zu helfen, stellt dies eine großartige Ausgangslage für eine dauerhafte Zusammenarbeit dar. Diese krisenbewährte Kooperation könnte digitalaffinen Instituten helfen, neue Potentiale im Bereich des Corporate Banking zu schaffen.

Auch die Offenheit von Kunden gegenüber digitalen Kreditprodukten wird wohl nachhaltig sein. Funktionierende Prozesse mit guter Customer Experience können Vorbehalte von Kunden gegenüber rein digitalen Finanzierungs- und Kreditprodukten abbauen. Gelingt es den Banken, ihre Geschäftskunden in schwierigen Zeiten effizient und einfach über digitale Kanäle zu unterstützen, wird dies auch zukünftiges Nutzerverhalten maßgeblich beeinflussen. Viele User werden den komfortablen Antrag von zu Hause dem Gang in die Filiale vorziehen.

Modernisierungswelle wird Branche erfassen

Als Lehre aus der aktuellen Situation werden Banken ihre Digitalisierungsaktivitäten im Kreditgeschäft massiv verstärken. Dabei gilt es sicherzustellen, dass interne Prozesse im Krisenfall komplett „remote“ abgewickelt werden können. Banken sind in der aktuellen Krise außerordentlich bemüht, als Teil der Lösung wahrgenommen zu werden.

Allein schon um das schlechte Image der letzten Finanzkrise abzustreifen. Dazu wird es aber dauerhaft unumgänglich sein, Kunden in Krisenzeiten noch schneller und effizienter im Kontext Kredit betreuen zu können. Die Modernisierung wird sich nicht nur auf die digitale Prozessabwicklung entlang der Wertschöpfungskette des Kredits beschränken dürfen. Es gilt nun, proaktiv neue Automatisierungslösungen und Technologien wie Künstliche Intelligenz zu implementieren.

Somit können Institute Effizienz und Effektivität der eigenen Prozesse maßgeblich verbessern – darüber hinaus ermöglichen die neuen Lösungen gänzlich neue Anwendererfahrungen für Antragssteller und die Mitarbeiter in den Banken. So kann Künstliche Intelligenz etwa maßgeblich bei der Restrukturierung von notleidenden Krediten unterstützen und auf Basis historischer Erkenntnisse Raten und Kreditlaufzeiten anpassen.

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Christoph Tahedl ist als CTO verantwortlich für Technologie, Produktentwicklung und das Produktmanagement bei Collenda. © EBO FRATERMAN

Kreditausfälle kaum vermeidbar

Es ist derzeit unzweifelhaft, dass die Wirtschaft durch die erheblichen Beschränkungen Einbußen hinnehmen wird. Es besteht die akute Sorge, dass es auch zu einer „Infektion“ in den Kreditportfolios der Banken kommen wird. Institute wurden von der Bundesregierung verpflichtet, Zins- und Tilgungszahlungen aus Darlehen jeglicher Art, die vor dem 15.03.2020 abgeschlossen wurden, bis zum 30.06.2020 zu stunden. Aus derzeitiger Sicht müssen die Kreditnehmer ab Juli 2020 wieder ihren Zahlungsverpflichtungen zzgl. Leistungen aus den drei gestundeten Monatsraten nachkommen. Dies dürfte für einige Kreditnehmer zu Problemen führen, was in der Folge bei den Banken zu erhöhtem Aufwand in den Sanierungs- und Abwicklungseinheiten führen wird.

Die Problematik der Non-performing Loans dürfte eine ganze Weile die Bilanzen der Institute belasten. Ferner ist eine Zinswende durch die Zuspitzung der Krise weiterhin außer Sicht. Umso entscheidender ist es für die Industrie derzeit, mit modernen digitalen Lösungen die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Schwindende Margen machen es unabdingbar, die Kosteneffizienz weiter zu verbessern. Ein digitaler und ergonomischer Workflow angereichert durch Empfehlungen der künstlichen Intelligenz bietet hierzu ein schlagkräftiges Werkzeug.

Resümee und Fazit

Die aktuelle Krise stellt eine Belastungsprobe für Deutschlands Institute dar. Ein proaktives und unbürokratisches Handeln in Kombination mit funktionierenden digitalen Instrumenten ermöglicht den Hausbanken jedoch auch, die Partnerschaft mit den Kunden (sowie etwaigen Neukunden) zu verbessern.

Unzweifelhaft werden Banken ihre Schlüsse aus der Krise ziehen müssen und im Zuge dessen die Digitalisierungsbemühungen weiter verstärken. Dies wird nicht nur als Antwort auf die aktuelle Ausnahmesituation erfolgen – vielmehr werden die langfristigen Folgen im Kreditgeschäft (Kreditausfälle, sinkende Margen etc.) eine Anpassung der Prozesse unausweichlich machen.