In der Vergangenheit war der Terminus Portfoliomanagement vor allem mit institutionellen Anlegern oder mit dem Private Banking im Sinne der Betreuung vermögender Privatkunden verbunden. In diesen Bereichen waren die individuellen Portfolien so groß, dass ein permanentes Management unabdingbar war. Die Softwareprodukte waren deshalb auf diese Form der Anwendung fokussiert, bei der in einer eher geringen Anzahl von Portfolien jeweils große Volumina zu managen sind.
Aus verschiedenen Gründen findet aber gerade auf dem Feld der Anlageberatung für die Privatkundschaft der Banken eine Veränderung statt. Erstens haben wir an den internationalen Finanzmärkten eine dauerhafte Niedrigzinsphase, die es schwierig macht, profitable Möglichkeiten der Geldanlage zu finden. Gerade wenn die Margen niedrig sind, rückt das zentrale Anliegen von Markowitz mehr in den Vordergrund, bei Beachtung einer festgelegten Risikogrenze die Rendite zu optimieren. Die Tatsache, dass Lebensversicherungen ihre Garantieverzinsung mittlerweile auf 2,25 Prozent reduziert haben, ist ein offensichtliches Indiz dafür, obwohl dies im Bewusstsein breiter Anlegerschichten noch nicht angekommen zu sein scheint. Zweitens kann die These gewagt werden, dass sich die Anlageberatung aktuell insbesondere im Retailgeschäft in einer Krise befindet. Innerhalb von wenigen Jahren kam es zu massiven Vermögensverlusten auch bei breiten Bevölkerungsschichten, weil durch drastische Kurseinbrüche an den Börsen 2001/2002 und noch einmal 2008/2009 die Preise wesentlicher Vermögenswerte abgestürzt sind. Dies hat ohne Zweifel einen Vertrauensverlust der Kunden zur Folge. In der letzten Baisse kam hinzu, dass durch den Konkurs von Lehman Brothers die Wertpapiere (hier vor allem Zertifikate) eines Emittenten schlagartig wertlos wurden. Dies führt unmittelbar zu dem dritten Grund der Veränderung, der in der gestiegenen Komplexität der Anlageprodukte selbst zu sehen ist. Mit der Verbreitung von Zertifikaten und dem breitflächigen Verkauf dieser Produkte an Anleger aus dem klassischen Retailbereich wurden zahlreichen Kunden Anlagen ins Depot gelegt, bei denen fast sicher ist, dass auch viele Bankberater diese Produkte und ihre Wirkung nicht vollständig verstanden haben. Dies führt zu dem Schluss, dass die Kombination von fehlendem Produktverständnis beim Kunden, fehlender Transparenz im Prozess der Anlageberatung und gleichzeitigen Vermögensverlusten für die Kunden das Gefühl befördern, die Anlageberatung sei im Zweifelsfall nicht ausschließlich an ihrem Wohl orientiert.
Daraus resultieren wiederum verschiedene Konsequenzen:
▷Der Gesetzgeber hat mit Wirkung zum 1. Januar 2010 mit formalen Regulierungen reagiert, die den Beratungsprozess betreffen und in einem Beratungsprotokoll münden.
▷Innerhalb der Banken gibt es einen zarten Trend hin zur Honorarberatung, um Interessenskonflikte zwischen Kunde und Bank zu vermeiden.
▷Eine weitere Konsequenz besteht nun darin, die Beratung und das Beratungsergebnis durch den Einsatz von geeigneter Software sowohl zu optimieren wie auch gleichzeitig zu objektivieren.
Damit ergibt sich ein klarer Anwendungsfall für Portfoliomanagement-Software auch im Retailbanking.
Im Rahmen einer Marktuntersuchung an der Hochschule Karlsruhe wurde geklärt, welche Softwareprodukte hier besonders gut geeignet erscheinen, die Retailbanken bei dieser Aufgabe zu unterstützen. Dabei wurden neben den arrivierten Anbietern aus dem High-End-Bereich des Portfoliomanagement wie Reuters oder Oddysey auch Newcomer wie dser und Infincon in die Untersuchung einbezogen. Gegenstand der Analyse waren die funktionalen Leistungsbereiche der Software, ihre technische Architektur und wesentliche nichtfunktionale Merkmale, die mit einem umfangreichen Fragebogen erhoben wurden. Die Antworten wurden mittels der Methodik der Nutzwertanalyse gewichtet und zusammengefasst. Als wesentliches Ergebnis kann festgehalten werden, dass die Softwareprodukte im Hinblick auf den funktionalen Umfang durchweg ein hohes Niveau bieten, auf dem es gleichwohl noch einige Abstufungen gibt. Dabei ist es sicher nicht verwunderlich, dass Produkte mit langer Tradition (Reuters, VWD) in diesem Kriterium besonders punkten, aber andererseits in der technischen Architektur anderen, neueren Systemen den Vortritt lassen müssen. Entsprechend landen sie in der grafischen Aufbereitung des Gesamtergebnisses im rechten unteren Quadranten. Ihnen stehen die Produkte neueren Ursprungs gegenüber (aixigo, Infincon, dser), die technisch State of the Art sind, aber funktional noch nicht die Reife etablierter Produkte haben. Die Software von dser schneidet innerhalb dieser Gruppe in der funktionalen Kategorie am besten ab und kann sich technisch und funktional stark positionieren. Wenn man nach den Gründen fragt, die zur Differenzierung im Funktionsumfang der Portfoliomanagement-Systeme führen, sind vor allem die Unterstützung des Orderprozesses und das Managementreporting zu nennen, bei denen es innerhalb der untersuchten Produkte zu erheblichen Differenzen kommt. Neben den funktionalen und architektonischen Argumenten spielen für die Software bei der Bewertung aus der Sicht des potenziellen Nutzers weitere Kriterien wie Skalierbarkeit, Mandantenfähigkeit und die Kommunikation zwischen Hersteller und Anwender eine Rolle. Diese Bewertungskriterien wurden in der Untersuchung unter dem Oberbegriff nichtfunktionale Anforderungen zusammengefasst, deren Ergebnis in der Grafik dargestellt ist. Auch dort findet man eine recht homogene Situation auf dem Markt, in der Tendenz sind auch hier die Unternehmen mit langer Markterfahrung (etwa Odyssey und Reuters) besser platziert, wobei es dser als relativ neuem Anbieter wieder gelingt, sich im Vorderfeld zu positionieren.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass auf Anbieterseite eine erste klassifizierende Übersicht über die am Markt verfügbaren Portfoliomanagement-Systeme erarbeitet wurde. Diese ermöglicht neben einem fundierten Vergleich des funktionalen Spektrums auch eine übersichtliche Gegenüberstellung architektonischer und technischer Kriterien. Auf Basis des resultierenden Stärken-Schwächen-Profils wird die Beurteilung funktionaler und technischer Leistungsmerkmale unterstützt. Natürlich wird die interessierte Bank ihre individuellen Präferenzen festlegen und innerhalb der Nutzwertanalyse eine eigene Einschätzung auf Basis der Einzelleistungen treffen müssen. Dies ist umso wichtiger, als durch die relative Homogenität im Gesamtergebnis der Systeme noch viele Optionen für die Auswahl offenbleiben. Manche Banken setzen für die Abdeckung des Portfoliomanagements denn auch auf die Kombination von zwei Produkten.
Hinsichtlich der weiteren Entwicklung des Marktes zeichnet sich aus unserer Sicht ab, dass einige der etablierten Anbieter in den nächsten Jahren die technologischen Veränderungen vollziehen müssen, um langfristig zu bestehen. Diese Anbieter, die sich eines etablierten Kundenkreises bedienen können, sind aufgefordert, auch kleinere, schneller implementierbare Lösungen in existierende Infrastrukturen zu integrieren. Die kleineren Anbieter werden hingegen beweisen müssen, dass ihre Funktionalität für die notwendigen Anforderungen des sich erweiternden Kundenkreises eine gute Ausgangsbasis bietet. Neben diesen funktionalen Verbreiterungen bedeutete dies auch die guten technologischen Voraussetzungen auszunutzen und im Bereich der nichtfunktionalen Anforderungen Verbesserungen durchzuführen.
Grundsätzlich bleibt festzustellen, dass bei den Portfoliomanagement-Systemen im Gesamtergebnis eine recht geringe Streuung auftritt, die allerdings in den Detailergebnissen durch die Unterschiede in den architektonischen, funktionalen und nicht funktionalen Dimensionen doch wieder größer ausfällt. Als wesentliches Ergebnis ergibt sich aus unserer Sicht damit, dass eine gute funktionale Basis in gewissem Maß Kompromisse auf der technologischen Seite nötig macht. Auf der anderen Seite sind bei den Anbietern auf moderner architektonischer Basis im funktionalen Umfang in manchen Bereichen Schwächen vorhanden. Aus Sicht des Interessenten bedeutet dies das Abwägen und die Priorisierung zwischen Technologie und Funktionalität. In der Praxis wird dieser Trade-off in einigen Fällen so gelöst, dass zwei Produkte kombiniert werden, was aber wegen der steigenden Komplexität der Anwendungslandschaft nicht wirklich zielführend ist.