Social Business: Was tut sich da?

 
Heft 6/2009
 

Microfinance/Mikrokredite.Eine neue Gründergeneration von Sozialunternehmern verschmilzt die soziale Motivation mit einem konkreten Gewinnversprechen. Die Social Entrepreneurs können zwar die Spielregeln an den internationalen Kapitalmärkten noch nicht entscheidend beeinflussen. Der Einfluss wächst aber vor allem im Bereich von kleineren Unternehmensfinanzierungen.

Der neue Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel (FDP) hat kürzlich angekündigt, in der Entwicklungszusammenarbeit stark auf das Instrument der Mikrofinanzierung zu setzen. Bei einer Veranstaltung im Rahmen des Berlin-Besuchs des Friedensnobelpreisträgers und Kleinstkredit-Erfinders Muhammad
Yunus sagte Niebel, er halte Mikrofinanzierung für eine der kostengünstigsten und zugleich effizientesten Möglichkeiten der Entwicklungszusammenarbeit und der Armutsbekämpfung, berichtete die „FAZ“.

Sorgen macht Experten, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise auch diesen Bereich erfassen könnte, und die Ausfallraten und Seriösität der Geschäftsmodelle von Microfinance in Frage stellen. Die gewachsene Rolle der Microfinance aus unterschiedlichen Blickrichtungen muss außerdem nicht automatisch bedeuten, dass die weltweit bis dato führende Einrichtung, die Grameen Bank, neben der in diesem Jahr gegründeten Niederlassung in New York bald auch in Deutschland vertreten sein wird. Ein klares Statement zur Gründung eines deutschen Standortes war jedenfalls von der in Berlin fast vollständig vertretenen Führungsmannschaft der Grameen Bank nicht zu hören. Offenbar hemmen neben grundsätzlichen Bedenken auch steuerliche Aspekte eine allzu rasche Etablierung, orakeln Branchenkenner.

Deutlich präziser diskutierten die Experten auf dem VISION SUMMIT in Berlin, zu dem sich die führenden Vertreter aus der Mikrofinanzbranche versammelt hatten, jedoch die Folgen aus der Finanz- und Wirtschaftskrise für die Kreditversorgung der einheimischen Wirtschaft. Dies gilt insbesondere mit Blick auf die derzeitige Lage von Existenzgründern sowie auf die drohende „Kreditklemme“ bei kleinen und mittelständischen Betrieben. Die Bundesregierung hat dazu vor kurzem ein mit einem Volumen von 100 Millionen Euro ausgestattetes Mikrokreditprogramm aufgelegt, das auch in die Vereinbarungen der neuen Regierungskoalition eingeflossen ist.

Die Mikrokredite sollen speziell Kleinunternehmen in der Finanzkrise unterstützen. Aus dem Fonds mit einem geplanten Gesamtvolumen von 100 Millionen Euro sollen Einzelkredite von höchstens 20.000 Euro mit Laufzeiten von bis zu drei Jahren vergeben werden. Rund 15 Prozent der Kleinunternehmen benötigten externe Finanzierungen. Bis zum Jahr 2015 sollen mit dem neuen Programm rund 13.000 Kredite zu einem Zinssatz von fünf Prozent vergeben werden, kalkuliert Dietrich Englert (Bundesministerium für Arbeit und Soziales). Geplant sei des Weiteren ein ergänzender Wachstumsbaustein auf Basis von Mezzaninekapital für größere Finanzierungen über 200.000 Euro.

Zu den Partnern im Kreditprogramm gehört die für ihr nachhaltiges Geschäftsmodell in jüngster Zeit mit zweistelligen Zuwächsen an Neukunden und Einlagen belohnte GLS Bank in Bochum. Sie betreut neben der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), dem Europäischem Sozialfonds (ESF), dem Deutschem Mikrofinanz-Institut (DMI) und den beiden Bundesministerien für Arbeit und Soziales sowie Wirtschaft und Technologie den mit einem Gesamtvolumen von 100 Millionen Euro ausgestatteten Mikrofinanzfonds.

„Wir haben erst vor kurzem gemeinsam mit anderen Ethik- und Ökobanken eine globale Allianz für nachhaltige Bankdienstleistungen gegründet“, betont Thomas Jorberg, Vorstandssprecher bei der GLS Bank. Natürlich lasse sich das Konzept von Microfinance nicht auf das ganze Bankensystem übertragen, so der Experte im Gespräch mit geldinstitute. Der Einfluss von alternativen Konzepten im Konzert der großen Kapitalströme wachse jedoch zweifellos. Ansonsten habe sich jedoch in der Branche noch nicht allzu vieles zum Besseren verändert, kritisiert Jorberg: „Wir sehen nach der Finanzkrise wieder eine Rückkehr zum Business as Usual, bei dem die Größe der Geschäftsbanken durch Fusionen und Übernahmen sogar weiter zunimmt.“

Hybride Marktmodelle

Neue Instrumente dürften zumindest im Bereich der Mikrofinanz vor allem hybriden Marktmodellen Auftrieb verleihen, die zwischen den beiden Polen Gewinn- und Sozialorientierung eine intelligente Brücke schlagen. Als „Kapitalrecycling mit größtmöglicher sozialer Wirkung“ beschreibt Johannes Weber, Gründer des Social Venture Fonds, die Geschäftsphilosophie seiner kleinen Fondsgesellschaft. Ein Dutzend Sozialunternehmer will der Gründer in den nächsten Monaten mit einem Volumen von rund zehn Millionen Euro ausstatten.

Im Social Venture Fonds sollen die Investoren demnach zweigleisig fahren können, entweder mit einem primär philantropisch ausgerichteten Denkansatz, der eine relativ niedrige Kapitalverzinsung bringe, oder aber mit einem renditeorientierten Modell, bei dem der Social Venture Fonds auf eine Verzinsung von sechs bis acht Prozent abziele. „Mit dem zweigleisigen Modell können wir gerade Finanzierungslücken abdecken, die sich durch die mangelnde Nahtstelle zwischen Sozialorientierung und Gewinnstreben gebildet haben“, bilanziert Weber.

Deutlich wurde auf dem VISION SUMMIT auch, dass eine junge Gründergeneration die Rolle der Microfinance auch mit spielerischen Instrumenten redefiniert. Dass sich etwa die „virtuelle Kundenkarte“ als unmittelbares kreatives Spendeninstrument im näheren örtlichen Umfeld und im Freundeskreis einsetzen lässt, das verdeutlicht der Gründer von Helpdirect, Harald Meurer. Auf dem Onlineportal helpcard.de kann der Nutzer eine Geschenkkarte selbst gestalten, etwa zum Einsatz im Einzelhandel. Um jeglichen Missbrauch bei der Spendenpraxis von vorneherein auszuschließen, arbeite HelpDirect ausschließlich mit Hilfsorganisationen zusammen, die eine offizielle Anerkennung der Gemeinnützigkeit durch das Finanzamt nachweisen, verdeutlicht Meurer.

Überhaupt spielen neue Technologien und insbesondere das Internet in der Welt der Microfinance künftig eine gewichtige Rolle. Ein Beispiel ist die gerade in Deutschland frisch gegründete Noa Bank, die sich dem hohen Anspruch zu stellen hat, für die Anleger jenseits von Spekulation und Kapitalmarktorientierung eine transparente Alternative zu den gängigen Finanzinstituten darzustellen.

Das Besondere: Das via Tagesgeld oder Festzinsanlagen eingesammelte Geld sollen die Anleger selbst direkt in vier Themenbereiche reinvestieren, die als Mikrokredite zur Finanzierung von kleinen Existenzgründern und mittelständischen Betrieben eingesetzt werden sollen. Das Äußere des Unternehmens kommt frisch und jugendlich daher, was vor allem auf den verstärkten Einsatz von sozialen Medien (Social Media) in der direkten Unternehmenskommunikation zurückzuführen ist.

„Es bildet sich eine neue Klasse von sozialen Investoren heraus, die mittlerweile auch auf dem Makrolevel große Wirkungen erzielen“, beschreibt Bennett Grassano von der amerikanischen Online-Spendenplattform Kiva.org diesen Trend. So habe sich weltweit das über spezielle Internetplattformen generierte Spendenaufkommen auf mehr als eine Milliarde US-Dollar erhöht. Allein in den USA hätten 600.000 Menschen aus ganz durchschnittlichen Bevölkerungsgruppen bereits übers Netz gespendet.

In Deutschland gehört zu dieser neuen Generation von Social Entrepreneurs auch die Spendenplattform Betterplace.org. Die Mitgründerin Joana Breidenbach beschreibt die Motivation der Marktteilnehmer wie folgt: „Das Internet hat die Märkte auch im sozialen Sektor massiv verändert.“ Im Zuge dieser Entwicklung habe sich das bislang hierarchische Gebermodell und das damit einhergehende Machtverhältnis zwischen Spendengeber und Spendennehmer drastisch gewandelt. Im Klartext: Der gesamte Ablauf und Spendenprozess sei im Gegensatz zum oftmals staatlich organisierten Mikrofinanzwesen jederzeit transparent einsehbar, was dazu führe, dass die Begünstigten eigene Projekte starteten.

Das neue Motto für die Akteure laute, zu investieren, statt nur zu spenden: „Das Internet dient dazu, dass unproduktive Mittelsmänner und Organisationen über sich selbst organisierende Netzmechanismen ausgeschaltet werden können“, fasst Joana Breidenbach zusammen. Mit der Internetplattform Ashoka hat sich bereits ein Monitoringnetzwerk gebildet, das die soziale Wirkung der unterstützten Projekte misst. „Wir schaffen im Bereich der Social Entrepreneurs eine Transparenz, bei der sich soziale und finanzielle Rendite nicht ausschließen“, bilanziert der Plattformgründer Felix Oldenburg.

Autor: Lothar Lochmaier, freier Journalist

Videotipp

 

Ein Video über den VISION SUMMIT mit Exklusivinterview finden Interessierte hier:



Weitere Infos

 

Wer mehr über die Veranstaltung VISION SUMMIT oder generell über Mikrokredite erfahren will, wird hier fündig:


http://www.visionsummit.org/362.html

http://mikrokreditfonds.gls.de

Vidar Jorgensen: Der völlig andere Banker

 

Vidar Jorgensen: Der völlig andere Banker
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Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus: „In dem Land, in dem ich aufgewachsen bin, benötigt man eine hohe Frustrationstoleranz, um die Kluft zwischen arm und reich zu ertragen und täglich dafür zu arbeiten, diese zu überwinden.“

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Lothar Lochmaier

Für „Social Business“ steht längst nicht mehr nur der Name des Friedensnobelpreisträgers und Gründers der Kleinkreditbank Grameen, Muhammad Yunus. Immer mehr „Sozialunternehmer“ ähnlichen Kalibers liefern Beispiele dafür, wie brennende gesellschaftliche Probleme auf innovative unternehmerische Weise gelöst werden können. So auch der Gründer der Kleinkreditbank „Grameen America“, Vidar Jorgensen, der in Brooklyn, mitten in New York, eine Bank nur für die Armen ins Leben rief, die schon ein Jahr nach ihrer Gründung die höchste Rückzahlungsquote aller Banken in der Hauptstadt des Kapitals vorzuweisen hatte.

Die Grameen Bank in New York unterstützte im ersten Jahr ihres Bestehens, im Jahr 2008, etwa 600 Frauen und deren Kleinunternehmen mit Mikrokrediten von insgesamt 1,5 Millionen Dollar. Die Rückzahlungsquote in den USA beträgt 99 Prozent und liegt damit sogar ein Prozent über dem in Entwicklungsländern erreichten Durchschnitt. Nach diesem Starterfolg geht „Grameen America“ auf offensiven Expansionskurs und will mit der Unterstützung zahlreicher Stiftungen und Sozialinvestoren landesweit ein Netzwerk analoger Kleinkreditsysteme schaffen.