Die Single Euro Payments Area (SEPA) ist die weitreichendste Zahlungsverkehrsinitiative, die Europa je ins Rollen gebracht hat. Ihr Ziel ist es, im paneuropäischen Massenzahlungsverkehr das zu schaffen, was der Individualzahlungsverkehr innerhalb der EU grundsätzlich seit der Euroeinführung im Interbankenverkehr 1999 vormacht, nämlich
die Umstellung auf einheitliche Standards für den gesamten europäischen Wirtschaftsraum. Eine Initiative mit weitreichenden Auswirkungen auf die Zahlungsverkehrsmethoden in
32 Ländern benötigt eine Reihe von Entscheidungen, um Fahrt aufzunehmen. Nach der Einführung der SEPA-Überweisung Anfang 2008 und der Implementierung der SEPA-Lastschrift im November 2009 ist die Finanzwirtschaft dem Vorhaben, einen einheitlichen europäischen Zahlungsverkehrsraum als notwendige Ergänzung zu einer einheitlichen Währung zu schaffen, ein gutes Stück nähergekommen. Bis die Zahlungsverkehrsakteure die Früchte dieser Standardisierungsmaßnahmen ernten können, sind allerdings noch weitere Hürden zu meistern.
Die Vorteile eines einheitlichen europäischen Zahlungsverkehrsraums liegen auf der Hand. War der Markt bisher durch starke nationale Fragmentierung gekennzeichnet, ergibt sich durch die Umstellung auf die einheitlichen SEPA-Instrumente und -verfahren ein nicht zu unterschätzendes Einsparpotenzial, denn die kostenintensive und komplexe Doppelbelastung durch nebeneinander bestehende nationale Lösungen einerseits und die traditionellen grenzüberschreitenden Zahlungswege innerhalb Europas andererseits wird dadurch abgeschafft. Entgegen der weitverbreiteten Meinung, SEPA sei vor allem für grenzüberschreitende Zahlungen entwickelt worden, ist das Ziel die Umstellung aller Zahlungen – also auch der im Inland – auf SEPA. Denn in einem integrierten Europa heißt Inlandszahlungsverkehr nichts anderes als SEPA-Zahlungsverkehr. Der Begriff Inlandszahlungsverkehr ist somit neu zu definieren.
Das Jahr 2010 steht demnach ganz im Zeichen des Aufbaus einer „critical mass“, einer kritischen Masse von SEPA-Zahlungen gegenüber herkömmlichen Methoden. Der Erfolg von SEPA setzt voraus, dass die heutigen Inlandszahlungsverkehrssysteme und -verfahren in den verschiedenen SEPA-Ländern durch die neuen Instrumente ersetzt werden. Das mag zunächst mit Mehrkosten für die Banken verbunden sein, wird aber durch die Ablösung von bestehenden komplexen bankinternen Prozessen durch kostengünstigere einheitliche Lösungen wettgemacht.
Hier gilt: Die Ersten werden die Ersten sein; der Wettbewerbsvorteil einer frühen Migration ist insbesondere im Firmenkundengeschäft, in kleineren europäischen Staaten und in den grenznahen Regionen größerer Staaten nicht zu unterschätzen.
Allerdings spornt das Fehlen eines festen Enddatums, bis wann eine Migration zu den SEPA-Instrumenten zu erfolgen hat, die Banken nicht unbedingt zu Temposteigerungen an. Dieses Manko kann unter Umständen zu einer deutlich verzögerten Integration der jeweiligen nationalen Zahlungsverkehrsmärkte führen. Das ist mittlerweile auch die überwiegende Meinung der politischen Entscheidungsträger, so dass 2010 durchaus mit dem Festsetzen eines SEPA-Enddatums auf europäischer Ebene zu rechnen ist.
Weitere, bereits zeitlich feststehende Weichenstellungen für SEPA werden für Ende des Jahres erwartet. Ab November sind Finanzinstitute, die derzeit nationale Einzugsverfahren anbieten, verpflichtet, zusätzlich die europäische Lastschrift (SEPA Core Direct Debit) in ihr Produktportfolio aufzunehmen, um zumindest eine passive Erreichbarkeit zu gewährleisten. Auch für die angestrebten SEPA-Kartenzahlungen wird 2010 ein spannendes Jahr. Zum Jahresende läuft eine Frist ab, bis zu der europäische Debit- und Kreditkarten fähig sein sollen, an Geldautomaten und Händlerterminals in allen 32 SEPA-Ländern akzeptiert zu werden.
Europaweite Erreichbarkeit gut aufgestellt in eine neue Ära
Eine zusätzliche Voraussetzung für den Erfolg von SEPA ist die Erreichbarkeit der Banken in Europa untereinander. Für den erfolgreichen Austausch von SEPA-Überweisungen und -Lastschriften muss den Finanzakteuren ein Netzwerk zur Verfügung stehen, über das sie alle anderen Anbieter von SEPA-Produkten erreichen können.
Das von EBA CLEARING betriebene STEP2-System ist derzeit das einzige SEPA-konforme europaweite automatisierte Clearinghaus (Pan-European Automated Clearing House – PEACH), das prinzipiell eine flächendeckende Erreichbarkeit aller Geldinstitute in Europa gewährleistet. Der SEPA Credit Transfer Service sowie die SEPA Direct Debit Services der STEP2-Plattform stellen den Banken eine höchst effiziente, weil vollautomatisierte Abwicklungsinfrastruktur zur Verfügung.
Beim Thema Zahlungsverkehrsintegration hat vor allem die deutsche Kreditwirtschaft ihren europäischen Kollegen einiges an Erfahrung
voraus. Wo es in Deutschland im nationalen Zahlungsverkehr vor einigen Jahren noch mehr als 200 Abrechnungsplätze gab, wird der heutige nationale Massenzahlungsverkehr über ein gemeinsames Verfahren, an das alle deutschen Kreditinstitute angeschlossen sind, abgewickelt.
Der deutsche Inlandszahlungsverkehr zeichnet sich dadurch bereits heute durch hohe Effi-zienz und ein sehr günstiges Preis-Leistungs-Verhältnis aus. Eine solche Entwicklung muss sich im Rahmen von SEPA auch für ganz Europa vollziehen. Aufgrund ihrer deutlich niedrigeren Abwicklungskosten haben die deutschen Kreditinstitute strukturelle Vorteile gegenüber den Banken aus dem europäischen Ausland und sind dadurch für den Wettbewerb gerüstet, um auch Kunden aus anderen europäischen Ländern anzuwerben.
SEPA-Dienstleistungen
der Banken
Für den Erfolg der neuen Zahlungsmethoden müssen aber auch die Kunden auf den SEPA-Zug aufspringen. Die SEPA-Zahlungsinstrumente wurden als XML-Nachrichtenformat auf Grundlage des weltweiten Standards ISO 20022 entwickelt. Das neue Format ermöglicht gegenüber dem herkömmlichen DTA-Verfahren eine größere Flexibilität und eine schnellere Abwicklung. Während sich für Firmenkunden die Frage nach einer Umstellung der eigenen für die Anbindung an die Hausbank benötigten IT-Infrastruktur auf die neuen Formate stellt, müssen sich Privatkunden in erster Linie daran gewöhnen, statt nationaler Kontonummer und Bankleitzahl künftig deren internationale Pendants, IBAN und BIC, zu verwenden. Mit dem IBAN-Konvertierer des Zentralen Kreditausschusses (ZKA) haben die deutschen Kreditinstitute insbesondere ihrer Firmenkundschaft bereits einen entsprechenden Service für die Umstellung von Bankleitzahl und Kontonummer auf BIC und IBAN an die Hand gegeben. Die Kundenakzeptanz der SEPA-Produkte ist eine wichtige Voraussetzung für den flächendeckenden und möglichst baldigen Erfolg der Initiative. Banken sollten deshalb 2010 den Kundendialog in Bezug auf SEPA weiter ausbauen, damit der Endverbraucher versteht, dass SEPA nicht nur „Umstellung“ heißt, sondern auch bedeutende Vorteile mit sich bringt. So wird die Sicherheit von Überweisungen und Lastschriften weiter ausgebaut, Endverbraucher können das Geld für das Mietauto in Spanien viel kostengünstiger und schneller an den dortigen Vermieter überweisen oder die Miete für eine Wohnung in Polen bequem von einem deutschen Konto abbuchen lassen. Das Kreditwesen erspart sich damit die Pflege der mehr als hundert unterschiedlichen Kontonummervalidierungsverfahren im deutschen Markt.
Die Richtlinie für Zahlungsdienste im Binnenmarkt (Payment Services Directive – PSD) stellt die juristischen Voraussetzungen für die Rechtssicherheit von SEPA und bildet den Rechtsrahmen für Zahlungen in Euro innerhalb dieser Zone.
So regelt die PSD unter anderem, dass seit November 2009 die Abwicklungszeit im nationalen sowie grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr in Europa nicht mehr als drei Bankgeschäftstage betragen darf. Ab 2012 darf diese Abwicklungszeit sogar nicht länger als einen Bankgeschäftstag betragen, unabhängig davon, in welchem Land des SEPA-Raumes der Zahlungsempfänger sein Konto hat. Dadurch wird der gesamte europäische Zahlungsverkehr an Schnelligkeit und Zuverlässigkeit gewinnen.
Doch nicht nur von der Richtlinie selbst profitieren die Verbraucher. Durch sogenannte Additional Optional Services (AOS) können Banken auf Grundlage der SEPA-Regelwerke weitere, über die Basisleistungen hinausgehende Services entwickeln und anbieten, ohne jedoch neue nationale Hürden für Marktzugänge aufzubauen.
Papierlose Rechnungs- und
Zahlungswege
Ein weiteres wichtiges Thema, das den Zahlungsverkehrsmarkt zurzeit beschäftigt, ist das sogenannte E-Invoicing, die elektronische Rechnungsübermittlung. Eine schnelle Umstellung auf papierlose Rechnungen hat den Vorteil, dass die kostenintensive einzelne Rechnungserstellung inklusive Versand entfällt. Durch die Verringerung des Papierverbrauchs wird nicht nur die Umwelt geschont, die Prozessautomatisierung erhöht zudem die Effizienz im Unternehmen. Die elektronische Rechnungserstellung europaweit zu standardisieren ist eines der Ziele für die nächsten Jahre, damit europäischen Unternehmen eine einheitliche, schnellere und kostengünstigere Rechnungsabwicklung ermöglicht wird.
Ein zusätzlicher Service der SEPA-Direct-Debit-Anwendung, durch den die elektronische Fakturierung weiterentwickelt werden kann, ist das E-Mandate, der elektronische Auftrag. Er macht die papierlose Autorisierung von SEPA-Lastschriften möglich und ist ein wichtiger Beitrag zur weiteren Optimierung der Zahlungsverkehrsabwicklungen. Auch hier wird vor allem in den nächsten Jahren mit viel Dynamik zu rechnen sein. Das paneuropäische Clearingsystem bietet in dieser Hinsicht eine äußerst entwicklungsfähige Infrastruktur.
SEPA, E-Invoicing, E-Mandate, Standardisierung – das sind die Themen, die den Banken auf der Zielgeraden zu einem harmonisierten europäischen Zahlungsverkehr noch öfter begegnen werden.