Outsourcing nach Spanien?

 
Heft 6/2009
 
Outsourcing nach Spanien?
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Autor: Hans Stemper ist Principal Consultant bei GFT Technologies.

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GFT Technologies AG

Spanien: Bedeutendster IT-Outsourcing-Standort für den Finanzsektor?Der Begriff „Offshore Outsourcing“ wird meist mit den großen Dienstleistern in Indien, „Nearshore Outsourcing“ mit osteuropäischen Standorten assoziiert. Jedoch ist es gerade ein südeuropäisches Land, welches sich im globalen Wettbewerb um die bevorzugten Standorte für IT-Sourcing auf den vorderen Plätzen etabliert hat.

Spanien ist ein attraktiver Standort, der in vielerlei Hinsicht einen Mehrwert bietet. So verfügt das Land über gut ausgebildete IT-Fachkräfte und Bankenexperten, die ihre Leistungen zu konkurrenzfähigen Preisen anbieten. Die potenzielle Skalierbarkeit aufgrund der engen Bindung an südamerikanische Standorte ist ein weiterer entscheidender Vorteil. Kulturelle Unterschiede, verschiedene Zeitzonen und große räumliche Distanzen können dabei leichter überbrückt werden.

Besonders bei komplexen Projekten, bei denen fachliche und technische Innovationen entwickelt und umgesetzt werden, ist der Preis nicht immer das entscheidende Kriterium. Um das Gelingen eines Outsourcing-Projektes zu gewährleisten, muss auch die Qualität stimmen und der Dienstleister über herausragende Branchenkenntnisse verfügen. Bei Projekten für internationale Finanzinstitute beispielsweise müssen Dienstleister die jeweiligen Geschäftsprozesse und Spezifikationen in den einzelnen Ländern besonders gut kennen. Hierdurch unterscheiden sich europäische IT-Dienstleister von den Wettbewerbern aus Indien.

Vor allem Spanien sticht dabei hervor. Bekannt als eine der beliebtesten Urlaubsdestinationen in Europa, präsentiert sich das Land nun auch als eine attraktive Wirtschaftsregion für Unternehmen aus der Hightechindustrie.

Als Nearshore-Standort für IT-Services ist Spanien vor allem für zwei Arten von Auftraggebern attraktiv. So profitieren zum einen Unternehmen, die erste Erfahrungen mit internationalem Outsourcing machen, von einer besseren Zusammenarbeit aufgrund geringerer kultureller Unterschiede und der räumlichen Nähe. Zudem sind aufgrund der Zugehörigkeit zur EU und zur Eurozone geringere Standortrisiken politischer oder finanzieller Art zu erwarten.

Zum anderen können aber auch weltweit tätige Unternehmen, die bereits Erfahrung mit globalem Outsourcing haben, ihren Kreis von Dienstleistern durch Spaniens technische und fachliche Kompetenzen erweitern.

Die geographische Nähe zu den europäischen Wirtschaftszentren ist ein bedeutender Vorteil Spaniens. So ist eine Zusammenarbeit in Echtzeit möglich, welche beim Auftraggeber geringere interne Umstellungen erfordert und ein Pendeln von Projektleitern zwischen dem Auftrageber und den Produktionsstandorten zu geringen Kosten ermöglicht.

Das in Spanien etablierte und im Rest von Europa eher weniger bekannte Modell der Softwarefabriken bietet schnelle und kostengünstige Softwareentwicklung, basierend auf Produktionsprozessen, die aus der Fertigungsindustrie übernommenen wurden. Damit ist Spaniens Netzwerk aus Softwarefabriken in der Lage, in bestimmten Anwendungsentwicklungen und Wartungsarbeiten die Produktion an Offshore-Standorten, zum Beispiel in Indien, auch preislich zu unterbieten. Die in Spanien beheimateten international führenden Unternehmen sind für ihre technologische Führung, Innovationskraft und schlanken Prozesse weltweit anerkannt. Herausragende Beispiele hierfür sind Banco Santander und BBVA aus der Finanzwelt, Inditex (die Muttergesellschaft von ZARA) aus dem Retailgeschäft oder Iberdrola aus dem Versorgergeschäft. Die Präsenz dieser Unternehmen, die als anspruchsvolle Einkäufer von IT-Dienstleistern auf den spanischen IT-Markt zurückgreifen, hat auch andere internationale Konzerne dazu bewogen, in Spanien Entwicklungs- oder Abwicklungszentren zu errichten. Beispiele hierfür sind unter anderem Capgemini, EDS, ELCA, IBM, GFT Technologies AG, T-Systems oder die Zurich Versicherung.

Die Zurich Versicherung beispielsweise betreibt in Barcelona seit 2006 ein europäisches Kompetenzzentrum zur Entwicklung von Plattformen für den Direktvertrieb von Versicherungen. Von hieraus werden die Märkte in Spanien, Portugal, Deutschland, Großbritannien, der Schweiz, Italien und Österreich bedient.

Über langjährige Erfahrungen verfügt GFT Technologies, die bereits seit 2001 als klassisches Beispiel für Nearshore-Outsourcing in Spanien gilt. Mehr als 600 Mitarbeiter an den bewährten Produktionsstandorten in Barcelona, Valencia sowie Zaragoza entwickeln und warten Applikationen hauptsächlich für Finanzdienstleister in Deutschland, UK und Spanien. Dieses Delivery-Modell wurde ab 2005 um weitere Produktionsstandorte in Brasilien erweitert und bietet so den Beweis für einen weiteren Standortvorteil Spaniens: die enge Bindung an Südamerika.

Aufgrund der kulturellen Nähe und der engen wirtschaftlichen Beziehungen zu Südamerika sind Sourcing-Modelle durch die Integration dieser Offshore-Standorte nahezu beliebig skalierbar und können durch noch kostengünstigere Produktionskapazitäten auf dem südamerikanischen Kontinent ergänzt werden.

Wie stark die Stellung Spaniens als IT-Standort in Europa inzwischen ist, zeigt sich unter anderem darin, dass sich der spanische Markt für IT, Telekommunikation und digitale Unterhaltungselektronik in der aktuellen Krise vergleichsweise stabil verhält. Für 2009 rechnet das internationale Marktforschungsinstitut EITO (European Information Technology Observatory) mit einem moderaten Rückgang um 1,7 Prozent auf 57,2 Milliarden Euro. Damit behauptet sich Spanien wesentlich besser als viele andere EU-Länder. Denn trotz der Krise stieg das Umsatzvolumen im vergangenen Jahr noch um 1,1 Prozent auf 58,2 Milliarden Euro. Die zukünftig wichtigsten Wachstumstreiber sind IT-Services und Telekommunikationsdienste, welche der EITO-Prognose zufolge im Jahr 2010 bereits wieder wachsen sollen.

Hierzu beitragen kann auch die Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft durch Spanien im ersten Halbjahr 2010, welche Gelegenheit bieten wird, eine gemeinsame europäische Hightechstrategie voranzutreiben. Zudem will die spanische Regierung künftig verstärkt in Spitzentechnologien und Innovationen investieren. Nicht zuletzt die Ernennung Spaniens zum offiziellen Partnerland der CeBIT 2010, der weltweit größten Messe zur Darstellung digitaler Lösungen aus der Informations- und Kommunikationstechnik, durch den BITKOM, das Sprachrohr der IT-, Telekommunikations- und Neue-Medien-Branche, zeigt die Bedeutung Spaniens und wird die Position des Landes auf Europas IT-Markt weiter stärken.