Sie gehen von einem steigenden Bedarf an Stresstests in den Kreditinstituten aus. Woran machen Sie diese Bedarfssteigerung fest?
Karsten Füser: Aufgrund der über Jahre positiven Marktentwicklung wurde 2008 bei vielen Instituten ein historisch niedriges Niveau beim Kreditausfallrisiko und somit bei den Verlusten erreicht. Das hat sie dazu bewegt, ihre Risikovorsorge teilweise zu reduzieren. Zumal die Institute aufgrund kontinuierlich verbesserter Rating- und Scoringsysteme sowie optimierter Prozesse wie Remarketing in dieser Phase von einem hinreichenden Risikoschutz ausgehen durften. Die Wirtschaft, die dann kippte, hat die Konsumfinanzierer in ihrem Verlauf nicht nur mit steigenden Kreditausfallquoten und dadurch hohen Verlustrisiken konfrontiert. Auch die Markt- und rechtlichen Rahmenbedingungen sowie die Parameter für die Rating- und Scoringsysteme haben sich erheblich gewandelt. Die in den vergangenen Jahren verwendeten Stressszenarien und -methoden erweisen sich je nach Ausgestaltung nicht mehr als ausreichend. Sie basieren teils auf nicht mehr relevanten historischen Daten und heben bestenfalls auf eine milde Rezession ab. Damit stehen heute alle Kreditinstitute vor der Herausforderung, zur Kreditrisiko- und Verlustminimierung neue, angemessenere Stresstests zu entwickeln und durchzuführen. So müssen für aussagekräftige Stresstests historische Szenarien auf den Prüfstand gestellt und in großem Umfang durch aktuelle Erfahrungs- und Entwicklungswerte erweitert werden. Die Aufsicht fordert nicht zuletzt aus diesem Grund neben historischen auch hypothetische Szenarien.
Sehen Sie diesen Leidensdruck, in puncto Stresstests und Risikomanagement aktiv werden zu müssen, in den Instituten weiter steigen? Immerhin wird bereits von Aufhellungstendenzen im Finanz- und allgemeinen Markt gesprochen.
Karsten Füser: Ein weiterer starker Anstieg der Kreditausfallquote ist abzusehen. So halten sich bisher die Aufhellungstendenzen in Grenzen. Der Rückgang des deutschen Bruttoinlandsprodukts 2009 auf knapp fünf Prozent markiert seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland einen absoluten Negativrekord. Zum Vergleich: Am Tiefpunkt der vorhergehenden Wirtschaftskrise in 2003 lag dieses Minus lediglich bei 0,3 Prozent. Denken Sie beispielsweise an das, was nach dem Wegfall der Kurzarbeiterregelungen auf die Finanzbranche zukommen wird. Für den Verlauf dieses Jahres und der Folgejahre ist von einer Steigerung der Arbeitslosenquote auf etwa zehn Prozent auszugehen. Parallel wird das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland nur marginal wachsen. Die Bundesregierung geht davon aus, dass es drei bis fünf Jahre dauern wird, bis der wirtschaftliche Stand von 2008 wieder erreicht werden wird. Für die Weltwirtschaft veranschlagt die Weltbank, dass es rund zehn Jahre dauern wird, um auf das Niveau von 2008 zu kommen.
Das alles wird den Konsum nachhaltig schwächen. Das Zahlungsverhalten und insbesondere die Zahlungsfähigkeit der Kreditnehmer wird dadurch in Mitleidenschaft gezogen werden. Negative Rückkopplungseffekte werden von einem heruntergestuften Rating von Kreditnehmern ausgehen. Dadurch steigen die Risikozinsen für ihre Finanzierungen und damit wächst ihre finanzielle Belastung und die Wahrscheinlichkeit, dass sie als Kreditzahler ausfallen. Hinzu kommt, dass Zahlungsengpässe und -ausfälle auf Consumerseite immer mit einem Verzug von ein bis eineinhalb Jahren der negativen wirtschaftlichen Entwicklung folgen. Das dicke Ende für die Institute kommt also erst noch.
Welche Bedeutung hat diese absehbare wirtschaftliche Entwicklung in puncto Stresstests?
Karsten Füser: Stresstests werden dazu gebraucht, um die Auswirkungen aktueller Prognosen auf das eigene Institut abschätzen zu können. Sie fassen Methoden des Risikomanagements zusammen, die es erlauben, die Auswirkungen bestimmter Ereignisse oder Veränderungen im Kontext der Ökonomie auf die finanzielle Lage von Kreditinstituten abzubilden. Ereignisse und Veränderungen werden im Rahmen von Stressszenarien identifiziert, auf ihre potenziellen Risiken hinterfragt, um diese anschließend zu bewerten und zu bemessen. Dadurch wird beispielsweise für die Entscheider transparent, ob die Eigenkapitalunterlegung des Instituts ausreicht, um in der Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit auftretende Verluste abzudecken.
Können Sie näher auf den Aufbau und die Funktionsweise solcher Stresstests eingehen?
Karsten Füser: Ein Stresstest ist im weiteren Sinne ein Prozess, der von der Entwicklung von Szenarien über deren Modellierung bis zur Durchführung dieses Tests reicht. Wichtige Risikofaktoren für Kreditinstitute sind beispielsweise die Ausfallwahrscheinlichkeit, die Verlustquote und der Kreditkonversionsfaktor, wenn Kreditlinien vergeben wurden. Die Analyse der Stresstestergebnisse versetzt die Geschäftsleitung in die Lage, ihre Risiken rund um die Kreditgeschäfte ganzheitlich zu steuern, parallel konkrete flankierende Maßnahmen abzuleiten und zu ergreifen. Außerdem fließen die Testergebnisse in Berichte beispielsweise für den Vorstand oder Aufsichtsrat ein. Diese Berichte können zudem dafür verwendet werden, um Risikoanalysen weiter zu vertiefen und so Steuerungsimpulse noch gezielter auszuüben.
Grundsätzlich kommen bei Stresstests mindestens zwei Szenarien zum Zuge: „Base Case“ und „Downturn Case“. Durch das erste Szenario „Base Case“ wird ein allgemein erwarteter Zustand simuliert, durch das zweite Szenario „Downturn Case“ eine davon abweichende, stärker negativ verlaufende Entwicklung. Durch diesen dualen, noch feineren Abgleich erhält die Geschäftsleitung frühzeitig werthaltige Informationen, um:
▷Risiken über das Setzen angemessener Limits verlässlich zu überwachen,
▷die weitere wirtschaftliche Lage frühzeitig zu antizipieren,
▷gegebenenfalls Notfallpläne zu erstellen,
▷den Kapitalallokationsprozess situationsgerecht zu steuern,
▷eine hinreichende Kapitalisierung zu schaffen sowie
▷Solvenz- oder Liquiditätsengpässen frühzeitig und angemessen entgegenzusteuern.
Haben solche Stresstests nicht auch eine aufsichtsrechtliche Relevanz?
Karsten Füser: Sie sprechen damit einen ganz wichtigen Punkt an. Die Finanzkrise hat im aufsichtsrechtlichen Sinne viele Schwachstellen im Risikomanagement der Kreditinstitute offenbart. Die wichtigsten davon sind die mangelnde Einbindung von Stresstests in die Risikosteuerung, eine unzureichende methodische Herangehensweise, inkomplette oder falsche Auswahl von Szenarien, mangelhaftes Austesten spezifischer Risiken sowie eine falsche Bewertung ihrer Auswirkungen.
Die Reaktion der Politik und der BaFin: eine Reihe aufsichtsrechtlicher Neuregelungen sowie zahlreicher Best-Practice-Vorschläge. Der Konsultationsentwurf für das deutsche Aufsichtsrecht, der die Mindestanforderungen an das Risikomanagement (MaRisk) beschreibt, ist nur einer dieser Vorstöße. Für die Konsumfinanzierer heißt das: Sie müssen ihr Risikomanagement und demzufolge ihre Stresstestsystematik rund um die Kreditgeschäfte auch diesen Neuregelungen und Best-Practice-Vorschlägen anpassen. Also auch hier besteht in den Instituten ein enormer Handlungsbedarf. Außerdem haben richtig strukturierte Stresstests für die Institute rechtlich verpflichtenden Charakter.
Können Sie diese Verpflichtung rechtlich unterlegen?
Karsten Füser: Im deutschen Aufsichtsrecht wird zwischen Stresstests in Säule I und Säule II unterschieden. Die genauen Anforderungen an Stresstests in Säule I sind in der Solvabilitätsverordnung (SolvV) in den §§ 123, 317 und 330 SolvV festgeschrieben. Die Erfüllung dieser Anforderungen ist allerdings nur für IRBA-Institute und Institute, die interne Marktrisikomodelle verwenden, verpflichtend. Anders die Anforderungen an Stresstests in Säule II: Ihre Erfüllung gemäß MaRisk ist dort unter AT 4.3.2 festgehalten. Sie sind für alle Kreditinstitute verpflichtend. So müssen nach der MaRisk-Novelle in Stresstests nicht nur als „wahrscheinlich“ eingestufte Entwicklungen, sondern auch als „außergewöhnliche, aber plausible“ Ereignisse einbezogen werden. Genau dieses Anforderungsprofil greift das duale Stresstest-Szenariokonzept aus „Base Case“ und „Downturn Case“ auf.
Wie sollten solche umfassenden Stresstests im Institut eingeführt werden?
Karsten Füser: Dafür empfiehlt sich die Bildung eines Stresstest-Expertengremiums. Es sollte sich aus Vertretern aller ins Risikomanagement involvierten Bereiche rekrutieren. Nur unter dieser Voraussetzung werden markt- und ereignisnahe Stresstests herausgebildet werden können, deren Ergebnisse und Interpretationen anschließend intern auf breite Akzeptanz treffen. Mit einer einmaligen Entwicklung der zugrunde liegenden Szenarien ist es allerdings nicht getan. Weil sich Marktrahmenbedingungen und ihre Folgen immer wieder ändern können, sollten die entwickelten Szenarien in regelmäßigen Zeitabständen, beispielsweise jährlich, überprüft und angepasst beziehungsweise erweitert werden. Zumal zwischenzeitliche Erkenntnisse darüber, welche Ereignisse letztlich zu welchen Folgen im laufenden Kreditgeschäft geführt haben, eine sukzessive Verfeinerung der Szenarien für mehr Aussagekraft der Ergebnisse erschließen.
Das Interview führte Hadi Stiel, freier
Journalist in Bad Camberg.