Vertreter des ganzen Erdballs haben sich in den letzten Tagen und Wochen zur 15. Weltklimakonferenz in Kopenhagen getroffen. Bei den Verhandlungen ging es allerdings längst nicht mehr nur darum, wie einzelne Staaten ihren Kohlendioxidausstoß (CO2) reduzieren können, sondern auch, wie Unternehmen ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten. Umwelt schützen, Kosten senken und trotzdem die Produktivität verbessern: Viele Banken stehen gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise unter einem hohen Druck. Experten prognostizieren, dass Unternehmen nur dann bestehen können, wenn sie effizienter und flexibler werden, neue Produkte entwickeln sowie neue Geschäftsfelder erschließen. Eine Möglichkeit, diese Ziele zu erreichen, heißt Videokonferenz.
Standortunabhängig beraten
Die Einführung einer Videokonferenzlösung bietet mehr, als auf Hightechebene miteinander zu konferieren. Die ersten Banken setzten Videokonferenzen bereits strategisch zur Kundenbindung und Beratung ein. In einer kleinen Bankfiliale stets den richtigen Experten für komplizierte Anlageformen anzutreffen, ist nahezu unmöglich. Über eine virtuelle Beratung per Videokonferenz dagegen erreicht der Kunde in jeder Filiale ohne Wartezeit einen echten Fachmann für ein persönliches Gespräch, auch wenn dieser gar nicht vor Ort sitzt. Mit einer Videokonferenzlösung von einem großen IT-Dienstleister wie T-Systems lassen sich Präsentationen, Verträge oder andere Dokumente gemeinsam mit dem Berater erörtern und bis zur Unterschriftsreife besprechen. Eine Videodatei des Beratungsgesprächs schafft zudem Rechtssicherheit für den Berater und bietet dem Beratenen zugleich den Service, komplizierte Inhalte noch einmal Revue passieren zu lassen.
Die niederländische Bank ABN AMRO hat in einigen Städten kleine Bankshops eingerichtet, in denen den Kunden kein Personal mehr zur Verfügung steht, sondern eine Videokonferenzlösung. Damit möchten die holländischen Banker ihren Kunden den Besuch in einer weit entfernten Filiale ersparen und mit niedrigen Kosten gleichzeitig die Präsenz in der Fläche erhöhen. Aber auch die Vereinigte Volksbank AG in Sindelfingen bei Stuttgart setzt Videokonferenzen zur Kundenbindung und Beratung ein. Um einen möglichst lebensnahen Eindruck zu erzielen, arbeiten die Genossenschaftsbanker mit großen Bildschirmen. Wenn auch für einige Mitarbeiter und Kunden die Kommunikation damit noch ungewohnt ist, gibt es bereits viele Geschäftskunden, die das System kennen und über die Innovationsfähigkeit ihrer Volksbank begeistert sind. Für die Schwaben hat sich die Videokonferenzlösung als wichtiger Teil ihrer Kundenbindungsstrategie bewährt. Denn die klassischen Filialbanken gelten aufgrund ihrer hohen Standortdichte als Auslaufmodell: zu teuer, zu unflexibel und zu wenig spezialisiert. Mit Hilfe von Videokonferenzen können sie nun selbst in die kleinste Filiale einen Spezialisten an den Beratungstisch holen.
Reisekosten senken
Mit der Einführung ihrer Videokonferenzlösung senken die schwäbischen Banker aber auch ihre Reisekosten. Obwohl die Vereinigte Volksbank mit ihren fünf Haupt- und 42 Geschäftsstellen lediglich in den Regionen Böblingen und Calw präsent ist, brachten die Mitarbeiter vorher viel Zeit für Dienstreisen auf. Die haben sich nun deutlich reduziert. „Allein dadurch haben sich die Kosten der Videokonferenzlösung zum Teil bereits amortisiert“, erklärt Ulrich Prosch, Leiter Grundsatzfragen und Vorstandsstab der Vereinigten Volksbank AG.
In der Tat ist das Einsparpotenzial für Firmen groß, die eine Videokonferenzlösung benutzen. Eine Modellrechnung von T-Systems zeigt den finanziellen Vorteil auf: Nehmen in einem Unternehmen 500 Mitarbeiter zweimal wöchentlich an einem Meeting teil, ergeben sich 104 Besprechungen pro Mitarbeiter im Jahr. Geht man von durchschnittlich zwei Stunden Pkw-Fahrzeit sowie einer durchschnittlichen Flugdauer von drei Stunden pro Meeting aus und errechnet den Aufwand nach der Formel Anzahl der Meetings mal Anzahl der Mitarbeiter mal Reisezeit (Hälfte Auto/Hälfte Flugzeug), ergeben sich 130.000 Stunden im Jahr, die ein Unternehmen einsparen kann.
Der Kunde von morgen
Das Angebot der persönlichen Beratung nutzen alle Kunden gern. „Die persönliche Beratung via Videokonferenz kommt besonders unseren technik- und onlineaffinen Bankkunden entgegen“, erklärt Prosch. „Dank der Videokonferenz-Lösung können wir denen jetzt mehr bieten.“ Gibt es diese Möglichkeit nicht, wandern die Kunden beim nächsten interessanten Angebot zum Wettbewerber ab. Und die Konkurrenz ist im Netz immer nur einen Mausklick weit entfernt. Viele Banken wollen sogar noch einen Schritt weitergehen als die schwäbischen Genossenschaftsbanker und planen die Einführung einer „Unified Communications and Collaboration“-Lösung (UCC), so wie beispielsweise die dänische Jyske-Bank.
Vor zehn Jahren hat sich das Unternehmen zum Ziel gesetzt, die kundenfreundlichste Bank Dänemarks zu werden. Um das zu erreichen, haben sich die Banker eine Radikalkur auf mehreren Ebenen verordnet. So wurden beispielsweise die Schalterhallen zu gemütlichen Internetcafés mit Holzmöbeln, Kaffeebars sowie Sitzecken mit Büchern und Zeitschriften umgestaltet. Um die Effizienz und Kundenzufriedenheit zu verbessern, wurde IP-Telefonie eingeführt und mit den Desktop-Arbeitsplätzen verknüpft. So kann jeder Mitarbeiter sofort erkennen, welche Fachleute dem Kunden zur Beratung zur Verfügung stehen und die Kollegen kontaktieren. Videokonferenzen und IP-Telefonie sind jedoch nur einzelne Bausteine innerhalb einer komplexen UCC-Lösung, die alle Kommunikationskanäle wie E-Mail, Fax oder Telefon in einer Anwendung vereint. Mitarbeiter können den gewünschten Kunden oder Kollegen direkt aus einem Menü per Mausklick anrufen, wobei sich das Telefonat bequem zu einer Telefon- oder sogar zu einer Videokonferenz erweitern lässt.
Videokonferenzen verbessern aber auch die Umweltbilanz von Banken. Durch die verminderte Reisetätigkeit reduzieren sich spürbar die CO2-Emissionen. Würden beispielsweise zehn Prozent der rund 150 Millionen Geschäftsreisen im Jahr in Deutschland durch Videokonferenzen ersetzt, ließen sich jährlich rund 1,4 Millionen Tonnen CO2 einsparen. Die Umweltorganisation World Wide Fund for Nature (WWF) schätzt sogar, dass pro Jahr 28 Millionen Tonnen CO2 weniger in die Atmosphäre geblasen werden könnten, wenn weltweit jede vierte Geschäftsreise entfiele und Unternehmen Besprechungen stattdessen in Form einer Videokonferenz abhielten. Zum ersten Mal ist Umweltschutz nicht mit Verzicht und höheren Kosten verbunden, sondern mit mehr Komfort. Und nach genau solchen Lösungen suchen die tapferen Delegierten der 15. Weltklimakonferenz.
Autor: Frank Griesel