Bereits frühzeitig hatte die Bausparkasse Mainz den Abschied von ihrer großen Kernanwendung eingeleitet. Die in Assembler und Cobol programmierte Mainframe-Anwendung hatte sich als zu starr, unflexibel und aufwendig herausgestellt; sie entsprach nicht mehr den Anforderungen. Die BKM entschloss sich zu einem großen Schnitt: Sie verzichtete darauf, die Anwendung auf eine neue Plattform zu portieren, und entwickelte sie stattdessen von Grund auf neu. Der Aufwand zahlte sich schließlich aber aus: Am Ende der Entwicklungs- und Testzeit verfügte das Unternehmen über eine zukunftsfähige, stabile Anwendung ohne jegliche Altlasten und auf Basis moderner Technologie – derzeit wohl die vollständigste und modernste Anwendung für Bausparkassen. Der Applikation liegt ein riesiges Objektmodell mit über 4.200 Objekten zu Grunde, die ein breites Spektrum fachlicher Funktionalität abdecken. Damit lassen sich die einzelnen funktionalen Softwareteile wie Bausteine in wechselndem Kontext wieder verwenden. Die Benutzer greifen auf JoKer über Rich-Clients zu; diese müssen lediglich über eine Java Virtual Machine (JVM) verfügen.
Neue Anforderungen
Dass Zukunftsfähigkeit auf dieser Basis keine Worthülse ist, zeigte sich nach dem Abschluss des Projekts angesichts neuer Anforderungen, die seitens der Fachabteilungen an die IT der BKM und an JoKer herangetragen wurden. Den Hintergrund bilden Veränderungen im Geschäft der Bausparkasse: Während das Aktivgeschäft (Baudarlehen) weitgehend unverändert blieb, wurden im Passivgeschäft (Geldanlagen), den Markttrends folgend, neue Produkte wie Termin- oder Tagesgeld angeboten. Diese neuen Formen der Geldanlagen erforderten eine entsprechende kunden- und zeitnahe Abbildung in der IT, da Kunden hier schnelle Informationen und entsprechende Dispositionsmöglichkeiten benötigen. Neben der Erschließung dieser Vertriebskanäle stellte sich die Aufgabe der Einbindung moderner mobiler Systeme, die dem Außendienst schnelles und flexibles Agieren vor Ort erlauben, beispielsweise mit mobilen Endgeräten wie iPhone oder iPad.
Daher entwickelte die BKM auf Basis ihres objektorientierten Kernsystems eine Portallösung, über die Kunden und Mitarbeiter im Außendienst via Web auf die Informationen zugreifen können. Das Portal für den Außendienst wird ergänzt durch eine App für das Apple iPhone. „Wir decken mit diesen neuen webbasierten Lösungen nicht nur aktuelle Anforderungen ab“, führt Robert Pfeifer, Hauptabteilungsleiter Organisation & Informatik bei der BKM dazu aus. „Wir greifen damit auch aktuelle Trends und Technologien auf, so dass sich die BKM mit solchen IT-Angeboten als modernes, zukunftsorientiertes Unternehmen gegenüber Kunden und Mitarbeitern präsentieren kann. Insbesondere die Reaktionen der potenziellen Nutzer auf die Vorstellung unserer App zeigen, dass wir mit dieser Einschätzung richtig liegen.“
Das Kundenportal ist bereits seit Januar 2011 im produktiven Einsatz; es bietet neben Informationen über aktuelle Konditionen bei Fest- und Tagesgeld insbesondere kundenspezifische Informationen zu Bausparverträgen, Darlehen, Tagesgeldkonten oder Sparbriefen und erlaubt sofortige Dispositionen auf den jeweiligen Konten. Berechtigte Kunden können ihre persönlichen Daten einsehen und ändern und verschiedene Serviceaufträge erteilen.
Das Außendienstportal kann ab Januar 2012 von den etwa 600 haupt- und nebenberuflichen Außendienstmitarbeitern der BKM in ganz Deutschland genutzt werden. Das Portal stellt ein umfangreiches Informationspaket via Browser zur Verfügung, dazu gehören die Bestandsdaten der Kunden des jeweiligen Außendienstmitarbeiters, Funktionen für die Beratung und auch für die Beantragung von Geschäften, so dass der Außendienst gleich vor Ort aktiv werden kann. Vorgänge müssen dann nicht mehr separat erfasst und verbucht werden, was die Abläufe beschleunigt und eine sofortige Auskunftsbereitschaft seitens der BKM sichert. Darüber hinaus bietet das Portal auch außendienstspezifische Funktionen wie einen Einblick ins Provisionskonto.
Mobile Informationen via App
Bereits vor Fertigstellung des Außendienstportals ging im April 2011 die Außendienst-App der BKM live. Diese Anwendung für das Apple iPhone stellt dem Außendienst einige grundlegende Funktionalitäten des Portals zur Verfügung. Die Mitarbeiter können mit der BKM-App beispielsweise Kundenkonten und -umsätze sowie persönliche Daten oder Wohnungsbauprämien abfragen. Ein Highlight der App stellt die geospezifische Kundensuche dar: Da im Kernsystem alle Adressinformationen geocodiert vorliegen, also mit geographischen Koordinaten versehen sind, können Mitarbeiter unterwegs jederzeit abrufen, welche Kunden in der Nähe ihres jeweiligen Standorts wohnen. Der Außendienst kann auf diese Weise Kundenkontakte optimieren und beispielsweise Lücken in seinem Terminplan ausgleichen.
Bei der Entwicklung der Portallösungen machten sich die Investitionen in JoKer in mehrfacher Hinsicht bezahlt. „Die Wiederverwendung von Funktionalitäten erwies sich als entscheidender Vorteil“, hebt Pfeifer hervor. „Denn die neuen Lösungen können direkt auf die vorhandenen fachlichen Objekte zugreifen, so dass nicht nur die Entwicklungszeit in engen Grenzen gehalten werden konnte für die Erstellung des Kundenportals wurden gerade einmal acht Monate benötigt. Ohne die gründlichen Vorarbeiten hätten wir vielleicht die fünffache Zeit benötigt.“ Durch die Einbettung in JoKer kann das Portal auch mit den Daten des Kernsystems arbeiten, es muss also nicht aufwändig und fehlerträchtig synchronisiert werden.
Bei allen Weiterentwicklungen von JoKer hält sich die BKM an die Devise, dass alle Funktionen, für die es im vertrieblichen Ablauf einen Geschäftsprozess gibt, grundsätzlich auch allen anderen Vertriebswegen offenstehen sollen – auch wenn sie im jeweiligen Fall konkret (noch) nicht benötigt werden. So wird, wenn die kalkulierte Nutzungszeit der gegenwärtig verwendeten Notebooks des Außendienstes abläuft, die Palette der mobilen Endgeräte erweitert und beispielsweise durch zusätzliche Smartphonetypen oder um Tablet-PCs wie das iPad ergänzt.
Neuland Webentwicklung
Auch wenn die BKM mit ihrer Anwendung und den dafür nötigen Prozessen der Softwareentwicklung bestens vertraut ist, mit dem Einstieg in die Webentwicklung für die Portale und insbesondere für die mobile Anwendung wurde doch Neuland betreten. „Wir wollten uns hier nicht lang mit der Herstellung der Voraussetzungen, beispielsweise mit der Auswahl geeigneter Tools und Frameworks, aufhalten, sondern schnell loslegen“, sagt Pfeifer. „Wir legen Wert darauf, dass sich die Webentwicklung nahtlos in die Softwareentwicklung bei der BKM einfügt. Deshalb haben wir uns an einen Partner gewandt, der bereits über die nötige Erfahrung sowohl für diese Art von Anwendungen als auch im Bereich Finanzdienstleistungen verfügt.“ Daher wurde die Entwicklung von Portal und App gemeinsam mit dem IT-Dienstleister adesso AG durchgeführt, der auch den Vertrieb von JoKer an andere Bausparkassen übernommen hat und der deswegen die Applikation bereits sehr gut kennt.
Für die BKM ging es dabei vor allem um die korrekte Abbildung von Prozessen, die den banktypischen Unterbau der Portale darstellen, also beispielsweise Funktionen wie die Authentifizierung über PIN und iTAN oder die Durchführung von Auszahlungen auf das Referenzkonto eines Kunden. Da das Portal Bankfunktionen abbildet, liegt dabei naturgemäß ein besonderes Gewicht auf dem Aspekt Sicherheit. „adesso hat die entsprechende Funktionalität in unser Objektmodell eingefügt, so dass wir in der Lage sind, diese gegebenenfalls auch für weitere Lösungen in weiteren Vertriebskanälen zu nutzen“, erläutert Pfeifer. Dazu zählt aber auch die Umsetzung von gerätespezifischen Funktionalitäten, wie etwa die Touchscreen-Steuerung, die nicht nur technisch realisiert werden muss, sondern auch eine neue Bedienungsphilosophie erfordert. Auch hier bringt adesso seine Erfahrung aus diversen Projekten ein.
Ein wichtiger Nebeneffekt für die BKM bestand darin, gleich anhand der Entwicklung einer eigenen, produktiv eingesetzten Anwendung eigenes Know-how aufzubauen und Erfahrungen zu sammeln. „Outsourcing stellt für uns keine Strategie dar“, betont Pfeifer. „Wir wollen primär eigene Ressourcen nutzen, aber diese natürlich effizient einsetzen. Dafür haben wir in adesso den optimalen Partner gefunden.“ Der Know-how-Transfer zur BKM schlägt sich ganz konkret auch in der Projektdurchführung nieder: Bei der derzeit laufenden Entwicklung des Außendienstportals ist der Eigenanteil der BKM schon deutlich höher als bei der Erstellung des Kundenportals. „Die Weiterentwicklung der Portale etwa ab 2012 können wir dann voraussichtlich schon ganz mit eigenen Ressourcen durchführen“, ergänzt Pfeifer. „Aber gerade wenn man, wie wir, auf Grund aktueller Markttrends neue Technologien anfasst, kann eine qualitativ hochwertige Unterstützung, wie wir sie durch adesso erhalten haben, einen Vorsprung verschaffen.“
Autor: Dr. Rainer Doh (Redakteur bei PR-COM in München).