Der Großteil der deutschen Banken verfügt bereits über eine professionelle Software für Multi-GAAP-Reporting oder über eine entsprechende Eigenentwicklung. Gleichzeitig findet IFRS aufgrund der hohen Komplexität bei kleineren und mittleren Instituten keine Akzeptanz. Aus diesem Grund wurde am 26. März 2009 das Bilanzmodernisierungsgesetz (BilMoG) vom Deutschen Bundestag verabschiedet. Es modernisiert die Aussagekraft des HGB und nähert sich dadurch an IFRS an. Damit soll der handelsrechtliche Abschluss nach HGB einfacher und kostengünstiger erstellt werden können. Das BilMoG wird daher einschneidende Auswirkungen auf die bestehenden IT-Systeme der Finanzinstitute haben, die bereits 2010 nach dem reformierten HGB bilanzieren müssen.
Befragte Institute in
Deutschland
Im Rahmen der Studie wurden 294 deutsche Kreditinstitute wie Auslands- (18 Prozent), Förder- (15 Prozent) und Privatbanken (31 Prozent) befragt.
57 Prozent der befragten Kreditinstitute bilanzieren nach mehr als einem Rechnungslegungsstandard: 100 Prozent nach deutschem HGB, 88 Prozent nach IFRS und der Rest nach US-GAAP. Sowohl in Deutschland als auch in Österreich und der Schweiz gaben nahezu alle der befragten Institute an, dass der Hauptgrund ihrer IFRS-Bilanzierung der Konzernabschluss ist.
Zu teuer und leistungsschwach
Ein erschreckendes Bild zeichnet sich bei der Beurteilung der Effektivität und insbesondere der Effizienz der eingesetzten Lösungen. Mehr als ein Drittel (36 Prozent) der befragten Banken in Deutschland beurteilen die Kosten ihrer derzeitigen IFRS-Lösungen als zu hoch, während 28 Prozent mit der Leistung ihrer aktuellen Programme zur Erstellung einer Rechnungslegung nach IFRS unzufrieden sind. Im Vergleich dazu sind die befragten Institute in der Schweiz mit den Kosten und der Performance zufriedener als ihre deutschen Wettbewerber.
Die Ergebnisse legen zwei Erklärungsansätze nahe. Zum einen haben deutsche Banken bereits Anfang der 2000er Jahre die IFRS umgesetzt (damals noch IAS) und konnten nur in geringerem Maße auf Expertise zurückgreifen. Diese entwickelte sich zunehmend in der Mitte des Jahrzehnts. Zum anderen haben eine Reihe großer Institute auf die Überleitungsbuchhaltung gesetzt und mussten Projektkosten nicht selten in dreistelliger Millionenhöhe hinnehmen. In den kommenden Jahren werden die Überleitungslösungen trotz der hohen Einführungsbudgets zu überarbeiten sein: Sowohl der Primärstandard HGB bewegt sich als auch der daraus abgeleitete Sekundärstandard IFRS entwickelt sich dynamisch. Die Überleitung wird folglich zunehmend arbeits- und kostenintensiv bleiben.
Die Studie eröffnet Einblicke, wie wenig nachhaltig IFRS bei deutschen Kreditinstituten in vorhandene Systemlandschaften integriert ist: 54 Prozent der Teilnehmer, die bereits auf Parallelbilanzierung setzen, gaben an, ihre Lösung beruhe vollständig auf MS Excel. Weitere 20 Prozent gaben an, ihre Lösung beruhe teilweise auf MS Excel. Damit wird bei drei Vierteln der Institute der IFRS-Jahresabschluss mit einer Tabellenkalkulation erzeugt, die ihre Stärke in der Flexibilität hat, deren Revisionsnachweis und Versionierung von Bewertungs- und Buchungsregeln zumindest problematisch ist.
Akute Problemfelder
In Deutschland besteht noch immer ein beachtlicher Handlungsdruck im IFRS-Umfeld, was den Hochrechungen der FHS St. Gallen zufolge in den dreistelligen Millionenbereich geht. Die Auslands- und Privatbanken bilden den größten Teil dieses Potenzials. Demnach verfügen 40 Prozent der Banken nicht über die Datenqualität, um den Effektivzins IFRS-konform zu ermitteln. Gar 60 Prozent sehen sich nicht in der Lage, die Amortisierung der Gebühren, Disagien und Kosten standardgemäß durchzuführen. Ein überraschendes Ergebnis zeigt die Studie im Bereich der Fair-Value-Bewertung: Während 88 Prozent der Institute sich mit der Bewertung des – durchaus komplexer zu ermittelnden – Hedge Fair Value (IAS 39) zufrieden zeigten, beklagen drei Fünftel fehlende Daten für die Fair-Value-Bewertung (IAS 32).
Vor dem Hintergrund der Finanzkrise lässt ein weiteres Ergebnis der Untersuchung aufhorchen. Auf den Themenkomplex Impairment (Wertberichtigung) angesprochen zeigt die St. Gallener Studie bedenkliche Schwächen auf. Die IFRS sehen drei Impairment-Methoden vor: das Specific Provision Impairment (Einzelwertberichtigung), die Lump Sum Specific Provisions (pauschalierte Einzelwertberichtigung) und die sogenannten IBNR Impairment Cash Flows (Pauschalwertberichtigung). 78 Prozent der Banken sehen sich aufgrund mangelnder Daten nicht in der Lage, die IBNR-Impairment-Informationen zu erzeugen. Während gut die Hälfte der Institute auch für die pauschalierte Einzelwertberichtigung unzureichende Informationen vorhalten, sind es bei den Einzelwertberichtigungen immerhin noch 40 Prozent, die signifikante Schwächen im eigenen Haus identifizieren. Darüber hinaus ist auch das schlechte Kosten-Nutzen-Verhältnis für die hohe Unzufriedenheit mit der bisherigen fachlichen Businessumsetzung verantwortlich. Vor allem für kleine Institute stehen die enorm hohen Kosten in unattraktivem Verhältnis zum wahrgenommenen Nutzen der IFRS.
Steigende IFRS-Investitionen
Der häufigste Grund, der deutsche Kreditinstitute zu einem Wechsel zu IFRS veranlasst, ist die zunehmende Internationalisierung. Die Securities and Exchange Commission (SEC), die Börsenaufsichtsbehörde der USA, erlaubt seit kurzem auch IFRS-Abschlüsse für Unternehmen, die an der US-Hauptbörse notiert sind. Dies ist vor allem für Privat- und Auslandsbanken von Bedeutung, da sie meist einem Konzern angehören. Im Vergleich zu IFRS ist US-GAAP komplizierter und aufwändiger und stellt bislang nur eine quasi-internationale Norm dar. Zudem beziehen die IFRS stärker als die US-GAAP bankintern entscheidungsrelevante Informationen ein. Sie machen so interne Entscheidungsgrundlagen nach außen transparenter. Gleichzeitig entstehen grundsätzlich auch neue Informationen in der Buchhaltung, die für die interne Entscheidungsunterstützung herangezogen werden.
Sowohl für IFRS-Neueinführungsprojekte als auch für IFRS-Optimierungsprojekte besteht für die nächsten zwei Jahre ein hohes Potenzial. Bei den Optimierungsprojekten handelt es sich um Institute, die bereits nach IFRS bilanzieren und zum Großteil ihre fachlichen Business-Lösungen mittels zusätzlicher Komponenten ergänzen wollen. Bereits in diesem Jahr gab es viel Potenzial für Optimierungsprojekte, wenngleich zahlreiche Institute Budgets zurückhielten, um die Anpassungen der IAS 39 abzuwarten. In den kommenden zwei Jahren erwartet die FHS St. Gallen ein starkes Wachstum an IFRS-Investitionen. Die neuen IFRS-Projekte sollen im Besonderen die Schwächen vorhandener IFRS-Lösungen kompensieren. Auch der Anteil derer, die in diesem Zeitraum ein BilMoG-Projekt planen, steigt gegenüber 2009 stark an.
Zusammenfassend lassen sich aus der Studie drei konkrete Problemfelder hinsichtlich der aktuellen IFRS-Rechnungslegung ableiten: Erstens mangelt es aktuell den eingesetzten Systemen an Effizienz – dies geht klar aus der Kostenbeurteilung durch die Befragten hervor. Auch die Effektivität kommt zu kurz; fast jeder dritte bemängelt die Leistungsfähigkeit der derzeit verwendeten Lösung und nicht zuletzt arbeiten die meisten Institute mit Excel-basierten Lösungen und einem entsprechend hohen operationellen Risiko. Der Anschein trügt demnach, dass im Bereich der IFRS-Bilanzierung alle Hausaufgaben gemacht seien. Für 2010 und 2011 gehen die Studienautoren von einem erheblichen Investitionsbedarf aus, damit Banken künftig für die regulatorischen Anforderungen sowie die wirtschaftlichen Erfordernisse gewappnet sind.