Hinkt Deutschland hinterher?

 
Heft 6/2009
 
Hinkt Deutschland hinterher?
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Autorin: Yvonne Quint ist Consultant bei der auf Banking Opera-
tions und Outsourcing spezialisierten Unternehmensberatung microfin.

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microfin

Wertpapierdatenmanagement.Banken können mit Lösungen für das zentrale Wertpapierdatenmanagement ihre Kosten in diesem Bereich um bis zu 30 Prozent senken. Deutsche Banken hinken Schweizer und Luxemburger Finanzinstituten beim Einsatz solcher Systeme allerdings weit hinterher.

Finanzdienstleister verstehen unter Wertpapierdatenmanagement die Integration, Analyse und unter Umständen auch die Veredelung von angelieferten Wertpapierstamm- und Kursdaten. Ziel ist es, eine unternehmensweit gültige Datenquelle (Securities Master File oder Golden Copy) zu schaffen.

Angeliefert werden die Daten von Informationsanbietern wie Reuters, Bloomberg oder WM zur weiteren Verarbeitung in Bankapplikationen, beispielsweise Kernbankenanwendungen, Fondsdepotsystemen oder internen Informationssystemen. Die Daten werden in zahlreichen Prozessen benötigt, deren reibungslose Abwicklung oftmals unternehmenskritsch ist: zum Beispiel die Ermittlung des Net Asset Value eines Fondsanteils (Preisdaten) oder die Ordererfassung und das Routing an einen Handelsplatz (Stammdaten).

Die Zentralisierung des Wertpapierdatenmanagements schafft unternehmensweit Vorteile:

▷Reduzierte Schnittstellenpflege: Die angelieferten Daten müssen an nur einer Stelle integriert werden. Änderungen oder Erweiterungen eines Feeds müssen folglich nur an einer Stelle umgesetzt werden. Oftmals werden die gleichen Feeds bei Finanzdienstleistern an verschiedene Systeme redundant geliefert, weshalb bei einem dezentralen Datenmanagement viele Schnittstellen angepasst werden müssen.

▷Erhöhung der Datenqualität: Banken können die Lieferung der Daten besser auf ihre Qualität prüfen, indem sie gleiche Daten von verschiedenen Providern mittels Regeln vergleichen. Abweichende Daten lassen sich dann an einer Stelle beurteilen und gegebenenfalls berichtigen.

▷Verbesserung der Prozessabläufe: Alle Prozesse greifen auf die gleiche Datenbasis zu. Dies führt unternehmensweit zu Prozessoptimierungen – insbesondere bei Finanzdienstleistern mit systemübergreifenden Prozesse.

Alle genannten Vorteile senken die Kosten des Unternehmens: Sei es durch direkte Effekte wie die Reduzierung der Providerkosten oder durch indirekte Effekte wie die Reduzierung von Exception-Prozessen.

Nach Erfahrung der microfin Unternehmensberatung erkennen viele Finanzdienstleister zunehmend den strategischen Nutzen eines zentralen Wertpapierdatenmanagements und implementieren Golden Copies. Dieser Trend zeigt sich besonders ausgeprägt in der Schweiz und in Luxemburg. Der Einsatz von Wertpapierdatenmanagement-Lösungen ist in Deutschland dagegen unterdurchschnittlich verbreitet.

Warum nehmen Schweizer und Luxemburger Banken die Pionierrolle ein? Kerngeschäft der eidgenössichen Finanzdienstleister ist die Vermögensverwaltung: 52 Prozent des Gesamtertrages des Schweizer Bankensektors werden im Kommissionsgeschäft, das heißt im Vermögensverwaltungsgeschäft erzielt. Neben den Großbanken generieren vor allem die Privatbanken und Börsenbanken einen Großteil ihres Gewinnes im Private Banking: mehr als zwei Drittel ihrer Erträge werden dort erwirtschaftet. Gerade bei diesen Banken sind standardisierte Lösungen zum Wertpapierdatenmanagement weit verbreitet. Aus zwei Gründen:

▷Das Geschäftsfeld der Vermögensverwaltung erfordert qualitätsgesicherte Prozesse sowie ein professionelles Risikomanagement sowohl in der Gesamtbanksteuerung als auch im Hinblick auf Kundenportfolios – auch im Sinne einer Steuerung operationeller Risiken und damit einhergehend des Reputationsrisikos.

▷Die Entwicklung, der Einsatz und die Anpassung von eigenentwickelten Anwendungen sind oftmals nicht wirtschaftlich für diese Banken. Durch den Einsatz von standardisierten Lösungen für das Wertpapierdatenmanagement können sie die Anschaffungskosten sowie den Wartungsaufwand stark reduzieren.

Und Luxemburg? Der Finanzplatz gilt mit seiner Vielzahl an KAGs und Depotbanken als das europäische Zentrum der Fondsindustrie. Das hohe Fondsvolumen der letzten Jahre hat viele Depotbanken aus Kostengründen veranlasst, historisch gewachsene Kursversorgungssysteme durch standardisierte Wertpapierdatenmanagement-Systeme zu ersetzen. Auch neue regulatorische Anforderungen waren Treiber für die Implementierung solcher Lösungen:

▷Die KAG hat für Fondsvermögen unter UCITS III ein geeignetes Verfahren der Risikoanalyse zu implementieren, um die unterschiedlichen Risiken der einzelnen Vermögensgegenstände umfassend und jederzeit messen und überwachen zu können.

▷KAGs müssen nach der UCITS III Directive (UCITS IV soll bis Mitte 2011 in nationales Recht umgesetzt sein) anhand eines adäquaten Reportings sicherstellen, dass die Vorgaben laut Fondsprospekt eingehalten werden; das Reporting übernimmt die unabhängige Depotbank.

▷Die Berechnung der NAVs der Fonds muss untertägig erfolgen und erfordert aktuelle und validierte Preisdaten.

▷Gemäß der EU-Zinsrichtlinie muss die KAG über die Depotbank die Quellenbesteuerung vornehmen.

Die Situation in Deutschland

Während der verstärkte Einsatz von Wertpapierdatenmanagement-Lösungen in der Schweiz und Luxemburg auf klar fokussierten Geschäftsstrategien – in der Schweiz das Private Banking, in Luxemburg die Fondsindustrie – basiert, ist die sehr zögerliche Entwicklung in Deutschland auf das hier vorherrschende Geschäftsmodell der Universalbanken zurückzuführen.

Nach wie vor werden Eigenanwendungen mit einer Vielzahl von Umsystemen insbesondere bei großen deutschen Banken und Asset Managern mit verschiedensten Datenfeeds versorgt, was zum einen hohen Aufwand für das manuelle Datenmanagement zur Folge hat und zum anderen häufig zu schlechter Datenqualität führt. Die in einer Umfrage des österreichischen Lösungsanbieters AIM Software befragten deutschen Finanzdienstleister gaben an, Referenzdaten (Wertpapierstamm- und Kursdaten) gegenwärtig in verschiedene Bankenapplikationen zu importieren. Im Vergleich zur Golden Copy bedeutet dies einen hohen Kostenaufwand. Gleichzeitig merken 70 Prozent der teilnehmenden Unternehmen an, dass insbesondere die Einsparung von Kosten für den möglichen Einsatz einer Wertpapierdatenmanagement-Lösung spricht.

Der deutschen Finanzdienstleistungsbranche sind die Vorteile der Implementierung einer Golden Copy also sehr wohl bewusst – dennoch besteht bei 44 Prozent immer noch Unklarheit über die Umsetzung einer Wertpapierdatenmanagement-Lösung.

Die Erfahrung von microfin aus zahlreichen Kundenprojekten zeigt, dass mit einem effizienten Wertpapierdatenmanagement die Kosten durchaus um 30 Prozent oder mehr sinken können. Mit der Finanzmarktkrise geraten die Themen Kosten, Risikomanagement und Datenqualität verstärkt ins Blickfeld der Banken. Damit wird auch in Deutschland die Automatisierung von Wertpapierdatenmanagement zukünftig mit auf der Agenda stehen.

Insbesondere für Depotbanken kommt dem Einsatz von Wertpapierdatenmanagement-Lösungen eine besondere Rolle zu, da immer mehr Aufgaben von KAGs an Depotbanken ausgelagert werden. Um hier einen Wettbewerbsvorteil zu erringen, ist ein professionelles Datenmanagement unerlässlich. Mit der Einführung der UCITS IV Directive wird das Outsourcing von Asset Managern an Depotbanken vereinfacht, was im Umkehrschluss schon jetzt für Depotbanken bedeutet, sich entsprechend zu positionieren – auch wenn UCITS IV erst bis 2011 in nationales Recht umgesetzt werden sein muss.