Der IT-Sicherheitsspezialist Sy-mantec hat im Rahmen seines „Critical Infrastructure Protection Reports 2010“ (CIP) weltweit 1.600 Betreiber kritischer Infrastruktur zum Hacktivismus befragt. Die Hälfte von ihnen vermuten bei Cyberattacken gegen ihre Infrastruktur politische Motive. Grundsätzlich sei jede IT-Infrastruktur attraktiv, in der interessante Daten lägen, skizziert Ernst Eisner, Country Manager Österreich bei Symantec.
Den Ermittlungsbehörden fällt es nicht leicht, die in einer unsichtbaren Einheitsmaske auftretenden Mitglieder von Anonymous dingfest zu machen, sofern diese gegen gesetzliche Regeln verstoßen. In Szenekreisen haben die Aktivisten mit gezielten Attacken auf Konzerne, Behörden und politische Einrichtungen auf sich aufmerksam gemacht. Zu den Opfern gehörten in diesem Jahr auch führende IT-Dienstleister aus der Finanzindustrie, beispielsweise Visacard, Mastercard und Paypal, deren Internetangebote und Services zeitweise sogar offline waren.
Was als interessant eingestuft wird, das hängt laut dem Experten davon ab, welche politischen Ziele die Hacktivisten verfolgen und welche Operationsgebiete sich daraus ergeben. „Bei der so genannten Operation Payback haben Wikileaks-Unterstützer beispielsweise gezielt Finanzdienstleister und Kreditkartenunternehmen ins Visier genommen, da diese sich zuvor weigerten, Transaktionen an die Enthüllungsplattform weiterzugeben“, so Ernst Eisner von Symantec weiter.
„Die Akteure suchen gezielt nach Schwachstellen bei Webseiten und Servern und konstruieren nach dem erfolgreichen Hacking später eine Art politische Rechtfertigung für die Tat“, ergänzt Sean Sullivan, Security Advisor bei F-Secure. Betroffen von dem zunehmenden Hacktivismus seien Unternehmen aller Branchen und unabhängig von der Größe, also auch jene, die auf den ersten Blick keine politisch relevanten Ziele darstellten.
So stand das erste Halbjahr 2011 in der politischen Hackerszene ganz im Zeichen der Verschmelzung zwischen den beiden Aktivistengruppen LulzSec und Anonymous (siehe Kasten). Die Gruppe Lulz Security (kurz: LulzSec) besitzt im Unterschied zu anderen Hacktivisten-Gruppen indes keine klar erkennbaren, unmittelbar von politischen Inhalten bestimmten operativen Ziele.
LulzSec zeichnete sich bei der Kompromittierung von Netzwerken und Servern sowie beim Diebstahl von Benutzernamen, Kennwörtern und anderen Daten durch ein beachtliches professionelles Geschick aus. Die Gruppe drang unter anderem mehrfach bei verschiedenen Unternehmen ein und griff sogar die IT-Systeme von Polizeibehörden und Geheimdiensten an.
Nicht nur Konzerne
sind betroffen
Vereinfacht wird das Vorgehen durch modulare Baukästen und Dienstleistungen, die sich bequem und bedarfsgerecht über das Netz als „Crimeware as a Service“ oder „Hacktivism as a Service“ ordern lassen. Was ist zu tun? Unternehmen sollten zunächst ihre IT-Abwehr strategisch und organisatorisch richtig aufstellen. Dazu gehört laut Sean Sullivan von F-Secure eine wirksame Security Policy, beispielsweise für Server-Konfigurationen, aktuelle Server-Software sowie routinemäßige Plug-ins.
„Als Ziel sollte wieder verstärkt der Schutz der Daten und nicht nur der Schutz der einzelnen Systeme in den Mittelpunkt rücken. Denn die Identifizierung der besonders schützenswerten Daten bildet den Eckpfeiler für ein erfolgreiches Handeln“, betont Toralf Dirro, Security Strategist Emea bei McAfee. Den vom Hacktivismus verstärkt betroffenen Unternehmen rät der Experte jedoch auch dazu, für bestimmte Aufgaben einen externen Dienstleister zu beauftragen. Dadurch ließe sich selbst bei knappen Budgets und einer dünnen Personaldecke ein wesentlich effektiveres Schutzniveau in der IT-Sicherheit und beim Datenschutz erreichen.
Parallel zu bewusst ausgewählten Managed Services stellt gerade der Bereich der E-Mail-Sicherheit die Basis jeder Anti-Hacking-Strategie dar. „Ein Großteil solcher Angriffe lässt sich bereits durch effektive Spam-Filter und eine lückenlose Anti-Viren-Lösung inklusive Früherkennung vereiteln“, sagt Sascha Krieger, Head of Corporate Communications und Mitglied des Teams eleven-Research. Fest steht: Ein ungehinderter Zugang für Malware in das Unternehmensnetzwerk kann dieses innerhalb kurzer Zeit vollständig kompromittieren. Deshalb sollte das Augenmerk darauf liegen, keine unfreiwilligen konzeptionellen Steilvorlagen für die Hacktivisten zu offerieren. „Was das Unternehmensnetzwerk nicht erreicht, kann auch keinen Schaden anrichten“, fasst Krieger zusammen.
Autor: Lothar Lochmaier